Was es über den Buchdruck zu wissen gibt

Christian Friedrich Gessner, Der in der Buchdruckerei wohl unterrichtete Lehr-Junge oder: Bey der löblichen Buchdruckerkunst nöthige und nüzliche Anfangsgründe.

Leipzig 1743, gedruckt und herausgegeben im eigenen Verlag.

4.900 Bücher sollen heute weltweit pro Tag veröffentlicht werden. Eine enorme Menge! Das ist nur möglich, weil es so unsagbar billig geworden ist, ein Buch zu produzieren. Man denke nur: Jeder, der notdürftig mit einem Computer umzugehen weiß, kann im Selbstverlag eine Druckvorlage erstellen, die als e-Book oder Book-on-Demand auf den Buchmarkt drängt. Wie schwierig es früher war, ein Buch herzustellen, zeigt uns das Werk, das wir Ihnen in diesem Beitrag präsentieren.

Wer es aufmerksam durchblättert, wird tiefe Ehrfurcht empfinden vor dem, was Buchdruck früher bedeutete. Denn Buchdrucker waren wesentlich mehr als einfache Handwerker. Sie waren die wahren Meister des Worts, die kongenialen Partner der wissenschaftlichen Größen, die ein umfassendes Wissen brauchten, um aus einem schwer leserlichen Manuskript ein erfolgreiches Buch zu machen.

Titelkupfer der „Buchdruckerkunst“.

Was ein Buchdrucker bereits bei Lehrbeginn können muss

Was ein Halbwüchsiger können musste, um für den Beruf des Buchdruckers überhaupt in Frage zu kommen, zeigt uns der Titelkupfer des Werks: Wir sehen einen kleinen Jungen, der von einer antikisch gekleideten Dame bei der Hand geführt wird. Um ihr rechtes Handgelenk schlingt sich ein Zeiger, mit dem ein Setzer die zu setzende Zeile eines Manuskripts anmerkte. Bei der Dame handelt es sich um Carmenta, eine römische Gottheit. Sie soll das aus dem Griechischen abgeleitete erste Alphabet der Römer entwickelt haben. Alle Gelehrten kannten diese Dame, weil sie zu den Frauen gehörte, die Boccaccio in seinem Buch der weiblichen Berühmtheiten auflistete.

Carmenta weist den Buben auf eine Treppe hin, die für den Aufstieg zum Druckerlehrling steht. Jede einzelne Stufe ist mit dem beschriftet, was wir heute ein Lernziel nennen würden: Lesen, Schreiben, das Verstehen von Fremdsprachen, das Deklinieren, das Konjugieren und die Fähigkeit, sich selbst in einer Fremdsprache auszudrücken. Erst wenn der Bub diese sechs Dinge beherrscht, ist er würdig, sich der Kunst des Buchdrucks zu widmen.

Eine Fibel für Anfänger?

Auch wenn der Autor des Werks, Christian Friedrich Gessner, sich mit dem Titel seines Buchs an den Lehrling zu wenden scheint, wird schnell klar, dass sein Buch sich nicht an den Anfänger richtete, sondern als Kompendium des Buchdrucks konzipiert war.

Wir wissen ziemlich wenig über den verantwortlichen Autoren, außer dass er aus Erfahrung sprach. Gessner lebte zwischen 1701 und 1756 in Leipzig, wo er Buchdruckerei und Verlag betrieb. Er zeichnet für mehrere Bücher zum Buchdruck verantwortlich. Dabei ist unklar, ob Gessner sich nicht auch bei anderen Autoren bediente. Doch da dies für unsere Zwecke nicht von Belang ist, verzichten wir darauf, in die Details dieser Frage einzusteigen.

Warum ein Leipziger Buchdrucker sein Buch den Frankfurter Buchdruckern widmet

Spannend ist dagegen die Frage, warum ein Leipziger Buchdrucker sein Werk ausgerechnet der Konkurrenz in Frankfurt widmete. Wir dürfen dahinter einen Trick zur Kundenakquise vermuten. Denn Frankfurt besaß fast genauso viele Druckereien wie Leipzig, wo Gessners Buch schon aus Lokalstolz gekauft worden sein dürfte.

Noch heute finden in diesen beiden Städten die wichtigsten deutschen Buchmessen statt. Diese Tradition reicht bis in die frühe Neuzeit zurück. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Leipzig den ersten Platz erobert. Es galt als die „Hauptstadt des deutschen Buchhandels“. Nichtsdestotrotz blieb Frankfurt ein wichtiges Zentrum des Buchdrucks, und damit saßen dort viele potentielle Kunden. Was lag also näher, als sich auch diesen Kundenkreis durch eine Widmung gewogen zu machen?

Schrifttypen und die richtige Druckerschwärze

Was musste ein Buchdrucker alles können? Wir zeigen es Ihnen anhand einiger Textbeispiele im obrigen Slider. Er musste in der Lage sein, aus einer Fülle von möglichen Schriften die passende für Überschrift und Text auszuwählen (Abb. 1 und 2). Danach musste er den Satz so auf den Druckbogen verteilen, dass der nach dem Falten die Seiten in der korrekten Reihenfolge zeigte. Wie man die Schrift anordnete und wie viel Zeichen in welcher Schrift auf welches Format gerechnet wurden, dafür konnte er Gessners Handbuch konsultieren (Abb. 3 und 4). Er musste natürlich die Druckerpresse bedienen (und im Notfall auch reparieren). Und selbstverständlich stellte jeder Drucker seine eigene Druckerschwärze her, mit der er die Lettern auf das Papier übertrug (Abb. 5).

Rechtschreibung

Der Buchdruck veränderte die Schreibgewohnheiten, indem er sie reglementierte. Solange einer mit der Hand schreibt, kann er tun, was er will. Er kann zum Beispiel nicht nur große und kleine Buchstaben schreiben, sondern auch alle möglichen Zwischenformen. Sein Leser wird den Inhalt verstehen, denn gelesen wurde laut, so dass es beim Schreiben eher um eine lautmalerisch korrekte Wiedergabe des Wortes ging als um eine immer gleichbleibende Rechtschreibung.

Der Buchdruck vereinheitlichte die deutsche Sprache, eine Entwicklung, die Historiker des 19. Jahrhunderts gerne, aber zu Unrecht Martin Luther zuschrieben. Gessner trug sein Teil dazu bei, indem er der Orthographie ein eigenes Kapitel widmet. Hier findet sich auch eine Art Wörterbuch, wie mittelalterliches Deutsch in die moderne Sprache übertragen werden kann.

Weit mehr als Latein

Dass ein Buchdrucker nicht nur die lateinische Schrift beherrschen musste, zeigen uns diese Seiten. Hier stellte Gessner die verschiedenen Alphabete zusammen, die einem guten Drucker geläufig waren, dazu zählten unter anderen das griechische, das arabische und das hebräische Alphabet.

Das ist aber noch lange nicht alles: Gessner äußerte sich auch über die chinesische Schrift und über die Alphabete von Sprachen, die heute längst vergessen sind. Wir erwähnen an dieser Stelle nur das Wendische und das Mährische.

Natürlich musste ein Drucker auch die Notenschrift beherrschen; und wer Kalender drucken wollte, war froh, dass Gessner ihm eine Anleitung für die Berechnung bot, mit der er festgelegen konnte, auf welchen Wochentag in einem bestimmten Jahr die unbeweglichen Feiertage fielen.

Gautschete

Wer seine Lehrlingszeit überstanden hatte, wurde vor der Zunft freigesprochen. Noch heute pflegt man die Tradition der Gautschete. Doch fand dieser launige Brauch, bei dem ein frisch gebackener Geselle mit sehr viel und meist sehr kaltem Wasser in Kontakt kam, nach der eigentlichen Zeremonie statt, die in der Zunftstube vor den Augen aller Zunftmitglieder durchgeführt wurde. Gessners Buch liefert gleich mehrere Textvorschläge, mit denen so eine Freisprechung feierlich gestaltet werden konnte. Anschließend feierte man das Ende der Lehrzeit mit einem großen Festmahl.

Die meisten Gesellen blieben ihr ganzes Leben lang Angestellte. Nur wenige eröffneten ihre eigene Buchdruckerei. Sie sind die wahren Helden der frühen Neuzeit. Ohne die Buchdrucker hätten weder die Humanisten noch die Reformatoren oder die Aufklärer ihre intellektuelle Schlagkraft entfalten können, mit der sie das Denken ihrer Zeitgenossen veränderten.

 

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Herunterladen können Sie das Gessners Kompendium zur Druckkunst im Münchner Digitalisierungs-Zentrum.

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