Von der Buchmalerei zum illustrierten Buchdruck

Im Mittelalter (ca. 500–1500 n. Chr.) wurden Texte und Bilder vornehmlich durch von Hand geschriebenes und gezeichnetes Material verbreitet. Mit der Erfindung des modernen Buchdrucks im 15. Jahrhundert schwappte eine Welle der Erneuerung durch Europa, und mechanische Innovationen und traditionelle Malerei bereicherten sich gegenseitig.

Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes. Von Lucas Cranach dem Älteren, 1508. Los Angeles County Museum of Art, Geschenk von Herman und Ruth Engel zum 50. Jubiläum des Museums.

Die Ausstellung Blurring the Line: Manuscripts in the Age of Print umfasst sowohl gedruckte als auch handillustrierte Meisterwerke und setzt sich kritisch mit der Annahme auseinander, gedruckte Medien hätten die Herstellung von handgefertigten Büchern umgehend ersetzt – stattdessen zeigt sich eine Konvergenz von Technologie und Kunst im Laufe der Renaissance.

Die Möglichkeiten der Massenproduktion von Bildern

„Die Technik des Drucks kam im Mittelalter auf und entwickelte und veränderte sich je nach ihren Anwendern und Rezipienten“, erklärt Timothy Potts, Direktor des J. Paul Getty Museum. „Dies zeigt sich insbesondere im Mittelalter und in der Renaissance, doch das dynamische Wechselspiel zwischen Technologie und künstlerischer Veränderung ist im Grunde zeitlos – wir haben es beim Übergang von der Malerei zur Fotografie erlebt, von Film zu Digital, von Büchern aus Papier zu E-Readern.“

In einer Welt vor dem Buchdruck wurden Texte und Bilder von begabten Künstlern per Hand in Bücher und auf Tafeln übertragen, wodurch es unwillkürlich zu Variationen kam. Exakte Vervielfältigungen galten als Zeichen göttlicher Intervention, als wundersame Übertragung von Gleichem durch einen heiligen Mittler. Das gedruckte Bild bot neue und unkompliziertere Möglichkeiten für die exakte Widergabe, während sich die Malerei streng an den mittelalterlichen Konventionen der Bildkomposition orientierte, wie Ikonografie, Zweidimensionalität, zusätzliche Farbe und tragbare Größe.

Das Schweißtuch, von zwei Engeln getragen. Von Albrecht Dürer, 1513. Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles County Fund.

Gegenüberstellung von Manuskripten und gedruckten Büchern

So wie sich heutzutage viele verschiedene Technologien überschneiden, so verdrängte auch der Buchdruck im 15. Jahrhundert nicht umgehend sämtliche anderen Formen der Buchkunst; es entstand ein wesentlich komplexeres Wechselspiel. Buchdrucker und Buchmaler tauschten bereitwillig untereinander Ideen aus und schauten sich oftmals Bildkompositionen voneinander ab. Die Buchdrucker erkannten die Notwendigkeit, ihre neuen Erzeugnisse dadurch zu bereichern, dass sie die Handwerkskunst der handgemalten Illustrationen imitierten, denn diese wurden mit Wohlstand und Prestige assoziiert. Nichtsdestoweniger war das Können der Buchmaler nach wie vor geschätzt bei jenen, die sich den Luxus leisten konnten, handgemachte Bücher in Auftrag zu geben. Das Ergebnis des Wettbewerbs und der Koexistenz dieser beiden Medienformen war eine Verbreitung der visuellen Alphabetisierung im 15. Jahrhundert und eine neue Ära erschwinglicher Bilder, während gleichzeitig die Kunst der Buchmalerei auf neue Höhen kreativer Leistung getrieben wurde.

Die Heimsuchung. Von Marcantonio Raimondi, 1505. Los Angeles County Museum of Art, Geschenk von Helen Lundeberg Feitelson in Gedenken an Lorser Feitelson.

Handgemachte Bücher nach der Einführung der Druckerpresse

Die Ausstellung enthält eine Auswahl handgemachter Bücher, die in den Jahrhunderten nach der Einführung der Druckerpresse entstanden. Wenngleich die Herstellung von Hand illustrierter Manuskripte abnahm, wurden handgemachte Bücher für ihr spezifisches Kunsthandwerk und das Prestige dieser Tradition weiterhin geschätzt. Sie galten als Schätze in religiösen, adligen, Regierungs- und anderen exklusiven Kreisen. Solch personalisierte Auftragswerke zeugten vom Wohlstand, hohen sozialen Rang und guten Geschmack ihrer Auftraggeber und Besitzer. Während der Buchdruck nach und nach zum dominierenden Verfahren der Buchproduktion wurde, blieben handillustrierte Manuskripte erhalten und wurden in der nachmittelalterlichen Zeit quasi neu erfunden.

Larisa Grollemond, Assistenzkuratorin in der Abteilung für Manuskripte und Kuratorin dieser Ausstellung, erklärt: „Das späte 15. Jahrhundert ist eine faszinierende Zeit im Hinblick auf Künstler, die mit Buchmalerei und Buchdruck experimentierten und oftmals beide Formen in einem Buch vereinten. Wir neigen zu der Annahme, dass Buchmalerei der Vergangenheit angehörte, sobald der Buchdruck in Westeuropa aufkam. Doch in Wirklichkeit existiert eine umfassende künstlerische Auseinandersetzung dieser beiden Formen miteinander, die meiner Ansicht nach mit den aktuellen Geschehnissen zwischen digitalen und Printmedien vergleichbar ist. Ich hoffe, dass die Besucher in der Ausstellung einige (möglicherweise überraschende!) Parallelen zwischen dem 15. und dem 21. Jahrhundert entdecken werden!“

Blurring the Line: Manuscripts in the Age of Print wird kuratiert von Larisa Grollemond, Assistenzkuratorin in der Abteilung für Manuskripte, sowie Alexandra Kaczenski, ehemalige Diplomandin an der Abteilung für Manuskripte, und ist vom 6. August bis zum 27. Oktober 2019 im J. Paul Getty Museum zu sehen.

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Weitere Informationen zu ähnlichen Veranstaltungen finden Sie auf der Website des Getty-Museums.

Sind auch Sie fasziniert von handillustrierten Manuskripten? Dann werfen Sie einen Blick in den entsprechenden Katalog der British Library.

Oder stehen Sie auf der anderen Seite und bevorzugen Druckerzeugnisse? Dann schauen Sie sich diese Dokumentation über die Gutenberg-Presse an und lassen Sie sich von Stephen Fry dessen Geschichte erzählen.