Was man glauben möchte

Das Titelblatt der 1709 anonym wahrscheinlich in Deutschland erschienen Schrift, die nach einer italienischen Arbeit des Jesuiten Tommaso Ceva ins Lateinische übersetzt wurde.

Reflexiones supra modernam causae Sinensis constitutionem juxta exemplar in Italia impressum in latinum translatae

Gedruckt vom Orden der Jesuiten im Jahr 1709

Es gibt wohl keinen Orden, der mehr Erfolg bei der Mission hatte als die Jesuiten. Seit dem Jahr 1540 lebte ein beträchtlicher Teil der Ordensbrüder zerstreut in alle Welt. Denn noch bevor Ignatius von Loyola die offizielle Anerkennung der Gesellschaft Jesu von Seiten des Papstes zuteil geworden war, war der am 16. März 1622 heilig gesprochene Franz Xaver nach Asien gereist, um dort die Völker zu bekehren. Ihm sollten viele, viele andere nachfolgen.

Doch nicht das Engagement dieser Brüder war verantwortlich für die Erfolge der Jesuiten. Es war eher die Tatsache, dass die Vertreter der Gemeinschaft Jesu bereit waren, die Lehren der katholischen Kirche, wie sie der Katechismus Romanus festlegte, an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Matteo Ricci und der zum Christentum bekehrte chinesische Minister Paul Xu Guangqi, beide in der Tracht eines chinesischen Würdenträgers. Kupferstich aus dem Jahr 1670.

Eine Kirche für die ganze Welt: Oder warum wollten die Jesuiten die Chinesen überhaupt bekehren?

Was war das für eine Kirche, die glauben konnte, das chinesische Reich brauche ausgerechnet das Christentum, um selig zu werden? Nun, als der erste jesuitische Missionar nach Asien aufbrach, war das Papsttum gerade dabei, zum ersten Mal seit dem Hochmittelalter wieder eine echte Konkurrenz zu spüren. Die Protestanten stellten die Herrschaft des Papstes in Frage. Die katholische Kirche verlor Besorgnis erregende Mengen von Gläubigen – und (fast noch schlimmer) Pfründe und Kirchensteuern.

Auch der Papst tat, was so viele absolute Herrscher nach ihm tun sollten: Statt sich auf die Probleme im Inneren zu konzentrieren, verlagerte er seine Ambitionen nach außen: Die Eroberung der ganzen Welt für das Christentum wurde zu einer hervorragenden Ablenkung vom Versagen im Herzen des Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Mission bot mit ihren Märtyrerlegenden genau den Stoff, mit dem sich romantische Herzen begeistern ließen.

Dass die Jesuiten in China so große Erfolge verzeichneten, war etwas, womit man in Europa durchaus Eindruck schinden konnte.

Die Basis des Erfolgs: Toleranz

Was man dabei in Europa völlig übersah, war die Tatsache, dass die weit gereisten, überdurchschnittlich gebildeten, toleranten, ja fast schon als Freigeister zu bezeichnenden Jesuiten bereit waren, für den Erfolg ihrer Mission das eine oder andere katholische Dogma beiseite zu lassen. War es wirklich so wichtig sicherzustellen, dass ein neu Getaufter am Grab seiner Verstorbenen ausschließlich dafür betete, dass diese bei Gott für ihn Fürsprache einlegten? Es war doch nun wirklich nur eine winzige Abweichung, dass die Chinesen auch nach ihrer Taufe noch den Ahnen am häuslichen Altar opferten, um sicherzustellen, dass diese ihnen gewogen blieben und weder Krankheit noch Schaden brachten.

Der chinesische Kaiser Kangxi im Kreise von jesuitischen Astronomen. Gemälde von Philippe Behangle aus den Jahren zwischen 1690 und 1705.

Fundis gegen Realos

Und dann kamen die Dominikaner und die Franziskaner ins Land und sahen verblüfft, wie ihre jesuitischen Brüder in Christo in der Amtskleidung chinesischer Mandarine am kaiserlichen Hof ein und aus gingen. Sie fragten in Rom an, ob das denn noch mit rechten Dingen zugehen würde. Streitschriften gingen hin und her. Die Auseinandersetzung, ob man sich den Gegebenheiten in China anpassen solle oder nicht, ist als Ritenstreit in die Kirchengeschichte eingegangen.

Mal wurden die chinesischen Riten verboten. Dann wieder erlaubt. Eine Entscheidung bahnte sich erst in einer Zeit an, in der in Europa eigentlich der Siegeszug von Aufklärung und Toleranz begann. 1702 ernannte Clemens XI. Charles Thomas Maillard de Tournon zum päpstlichen Legaten für China und schickte ihn an den kaiserlichen Hof. Dort kam er im Dezember 1705 an. Kaiser Kangxi empfing ihn freundlich. Schließlich war Kangxi den Christen wohlgesinnt. Er hatte bei den Jesuiten Unterricht in Astronomie, Mathematik, Anatomie und Kriegsführung(!) genommen.

Doch noch während der Kaiser von China mit dem päpstlichen Legaten Höflichkeiten austauschte, war schon der Bote unterwegs, der Maillard de Tournon davon unterrichten sollte, dass der Papst am 20. November 1704 ein Dekret erlassen hatte, in dem alle Anpassungen des katholischen Glaubens an chinesische Vorstellungen verboten wurden. Wer immer sich einer Abweichung schuldig machen würde, sei sofort zu exkommunizieren.

Der Kaiser von China schickt eine Delegation von Jesuiten

Am 25. Januar 1707 erließ Maillard de Tournon in Vertretung des Papstes das Edikt von Nanjing, mit dem er den Missionaren befahl, ihre Praxis sofort einzustellen. Daraufhin ließ ihn Kaiser Kangxi gefangen setzen und schickte einige Jesuiten als seine Botschafter an den päpstlichen Hof, um die chinesische Position vorzutragen.

In diesen Zusammenhang gehört die Publikation, die uns hier vorliegt. Um Stimmung für ihr Anliegen zu machen, ließen die Jesuiten in den verschiedenen Sprachen Streitschriften drucken, die ihre Position der Toleranz vertraten. Der Jesuit und Mathematiker Tommaso Ceva (1648-1736) veröffentlichte bereits 1704 ein kleines Buch, das die Ansicht der Jesuiten darlegte. Das wohl in Deutschland im Jahr 1709 gedruckte Bändchen, das wir hier zeigen, ist eine lateinische Übersetzung.

Das Ende einer Erfolgsgeschichte

Natürlich wussten es die römischen Kardinäle viel besser als die jesuitischen Botschafter des chinesischen Kaisers. Clemens XI. äußerte sich begeistert über den Mut und die Loyalität seines Legaten Maillard de Tournon, der kurz nach seiner Gefangennahme verstorben war. Und dann erließ er gleich noch ein Dekret, dass das Dekret von Nanjing bestätigte.
Man muss sich nicht wundern, dass sich das ein Kaiser von China nicht bieten ließ. Er veröffentlichte 1721 ein Gegendekret, das in der Behauptung gipfelt: „Ich habe noch nie ein Dokument gesehen – der Kaiser bezieht sich damit auf das päpstliche Dekret (Anm. d. Verf) – das so viel Unfug enthielt.“

Und damit endete die Chinamission. Wer fortan in China predigen wollte, riskierte die Ausweisung, später sein Leben.

Ach ja, und 1773 löste Papst Clemens XIV. die Gesellschaft Jesu auf. Ihre Mitglieder waren ihm denn doch ein bisschen zu unabhängig in ihrem Denken.

Wenn Sie das Buch online lesen wollen, ein Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek steht digital zur Verfügung.

Gekauft haben wir dieses Buch im Münchner Antiquariat von Thomas Rezek.