Was man glauben soll

Das Titelblatt des Katechismus von 1582. In Übersetzung lautet der Titel: Katechismus gemäß dem Befehl des Konzils von Trient für die Pfarrer, herausgegeben auf Befehl von Papst Pius V.

Catechismus ex Decreto Concilii Tridentini ad Parochos Pii V. Pont. Max. Ivssu Editvs

Gedruckt bei Aldus Manutius in Venedig 1582

Es ist ein abgewetztes Buch, das wir da vor uns liegen haben. Man sieht ihm an, dass Generationen von Geistlichen oft und ausgiebig hineingeschaut haben. Kommentare und Anmerkungen in schwarzer Tinte zeugen davon, dass viele von ihnen sich mit seinem Inhalt intensiv beschäftigten. Irgendwann, wohl im 18. Jahrhundert war deshalb der Originaleinband so verschlissen, dass er erneuert werden musste. Der neue Einband ist einfach, weist darauf hin, dass der Besitzer kein Geld dafür übrig hatte, um den 1582 in Venedig entstandenen Druck in kostbares Leder binden zu lassen. Und das, obwohl das Büchlein aus der Werkstatt eines der bekanntesten Drucker stammen, nämlich aus der Offizin des Aldus Manutius in Venedig. Um was für ein Buch handelt es sich, das so viele Jahrzehnte nach seiner Publikation immer noch ständig benutzt wurde?

Zeitgenössische Darstellung einer Sitzung des Konzils von Trient, im Vordergrund allegorische Szene, die den Sieg der katholischen Kirche feiert. Gemälde von Pasquale Cati, heute Santa Maria in Trastevere. Foto: Antony M.

Eine Umkehr: Das Konzil von Trient

Auch wenn es heute vergessen ist: Martin Luther war nicht der einzige, der eine Erneuerung der katholischen Kirche forderte. Selbst die Kardinäle waren sich bewusst, dass sich irgendetwas ändern musste, aber wer gab schon freiwillig Bequemlichkeiten und Einkommensquellen auf? So hatte das 5. Laterankonzil, das eigentlich die Kirchenreform vorantreiben sollte, bereits acht Jahre vor dem Thesenanschlag Martin Luthers mit einem grandiosen Misserfolg geendet. Doch woran selbst Heilige gescheitert waren, das vollbrachte die Konkurrenz, die von den Protestanten und den Reformierten ausging: Kardinäle, Bischöfe, Ordensgeneräle und Äbte kamen 1545 in Trient zusammen, um die katholische Kirche zu erneuern.

Schnell ging das natürlich nicht. Die Verhandlungen dauerten vom 13. Dezember 1545 bis zum 4. Dezember 1563, also fast 18 Jahre! Doch was damals geschaffen wurde, bot echte Antworten auf die Fragen, die Martin Luther gestellt hatte. Und bereits während der ersten Sitzungen überlegten sich die Kirchenlehrer, wie sie diese Botschaften unter den Katholiken verbreiten sollten.

Der Catechismus Romanus – Unterricht für die gesamte römisch-katholische Kirche

Dabei kam den Katholiken ihre Organisation zu Gute. Während die Protestanten, die Reformierten, die Wiedertäufer, Adventisten, Calvinisten und wie sie alle hießen prächtig über jeden Buchstaben der Bibel zu streiten wussten, war die katholische Kirche auf ein Oberhaupt fixiert, den Papst. Er galt den Kirchenmitgliedern als der legitime Nachfolger des hl. Petrus, der deshalb als einziger in der Lage war, eine verbindliche Lehrmeinung vorzuschreiben. Was während des Tridentiner Konzils Dutzende von brillanten Theologen erarbeitet hatten, ging nach Ende des Konzils auf Befehl des Papstes als Catechismus Romanus in die Welt hinaus, um den Pfarrern in all ihren Gemeinden eine praktische Handreichung zu bieten, wie sie ihren Schäfchen den Glauben erklären sollten.

Das Vorwort des Herausgebers Aldus Manutius an seinen Leser.

Ein echter Konkurrent zur Bibel

Während die gläubigen Protestanten eifrig in der Bibel lasen und heftig darüber stritten, welche Deutung der Bibel wohl die richtige sei, vertrat die katholische Kirche die Ansicht, dass die Worte des Evangeliums viel zu komplex und zu widersprüchlich seien, um sie ohne Hilfestellung zu verstehen. Aufgabe des Papstes sei es, die endgültige Deutung zu bieten. Und diese Deutung wurde im Catechismus Romanus niedergelegt.

Der wurde zu einem der meist gedruckten und gelesenen Bücher, die es auf den Buchmessen zu kaufen gab. Seine Erstauflage erschien 1566 in Rom, 1567 druckte Venedig, damals das wohl aktivste Zentrum des Buchhandels, ihn nach. Noch im gleichen Jahr erschien die lateinische Ausgabe auch in Köln und Paris. Bereits 1568 wurde der Katechismus ins Deutsche, ins Französische, ins Flämische und ins Polnische übersetzt. 1590 erschien eine Ausgabe auf Portugiesisch. Wer es ein bisschen exotischer haben möchte: Es gibt eine mexikanische Ausgabe aus dem Jahr 1723 und eine arabische von 1786/7. Noch 1966 wurde der Katechismus übersetzt, und zwar erstmals ins Japanische.

Die Ausgabe, die wir hier vorliegen haben, entstand 1582 in Venedig. Sie ist nicht aufwändig, aber für die damalige Zeit reichlich bebildert. Denn jedes Kapitel verfügt über eine Vignette, die uns einen kleinen Einblick bietet in das Glaubensleben der Zeit.

Diese Zeichnung ist eigentlich nichts anderes als ein gemaltes Inhaltsverzeichnis. Es sind die sieben Sakramente, die die römisch-katholische Kirche kennt, dargestellt.

Zum Inhalt des Katechismus

Was stand nun in diesem Katechismus? Nun einfach das, was man im 16. Jahrhundert als die Basis des Glaubens betrachtete: Die wesentlichen Glaubensinhalte wurden anhand des Apostolischen Glaubensbekenntnisses in 13 Kapiteln dargelegt. Es folgten in 8 Kapiteln die sieben Sakramente. Den 10 Geboten widmete das Buch 10, dem Vaterunser 17 Kapitel. Von entscheidender Bedeutung war der ausführliche Index, der dem Pfarrer das Suchen erleichterte. Er musste sich bei einer konkreten Frage nicht durch das ganze Buch arbeiten.

Illustration des Katechismus für das Kapitel zum Sakrament der Beichte: Der Beichtvater hält eine Rute in der Hand.

Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn: Beichtpraxis im 16. Jahrhundert

Dem aufmerksamen Benutzer von heute offeriert das Buch eine Fülle von Einblicken in die Glaubenspraxis des 16. Jahrhunderts. Wir möchten dies an einem besonders eindrucksvollen Beispiel zeigen, nämlich daran wie im 16. Jahrhundert das Sakrament der Beichte gelebt wurde.

Was heute im verschwiegenen Beichtstuhl stattfindet, wurde im 16. Jahrhundert in aller Öffentlichkeit praktiziert. Während die Kirche selbst nicht mit Bänken und anderen Sitzgelegenheiten ausgestattet war, hat sich auf dieser Abbildung der Beichtvater – nicht nur ein Priester, sondern ein Mönch, wie seine Tonsur erkennen lässt – auf einer steinernen Bank gegenüber dem Altar niedergelassen. Vor ihm kniet das Beichtkind auf dem Steinboden, ohne sich den Luxus eines Kissens zu gönnen. Der Beichtende ist eindeutig ein Mann von Stand im gesetzten Alter, wie seine aufwändige Kleidung und sein Bart zeigen. Achten Sie darauf, was der Beichtvater in seiner rechten Hand hält! Es handelt sich um eine Rute. Der fromme Mann wird nicht zögern, diese einzusetzen, um sein Beichtkind auf eine für uns heute kaum mehr nachzuvollziehende Art und Weise zu bestrafen. Genauso dürfte König Philipp II. von Spanien vor seinem Beichtvater gekniet haben. Ob Kaiser, König, Herzog, Edelmann, sie alle demütigten sich während der Beichte und akzeptierten es, von einem gesellschaftlich weit unter ihnen stehendem Mann für ihre Vergehen geschlagen zu werden.

Sich dies lebhaft vorzustellen, dürfte den frühneuzeitlichen Absolutismus in ein anderes Licht rücken.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, man könne die Vergangenheit verstehen, ohne sich mit den Grundlagen des christlichen Weltbildes und der gleichzeitigen religiösen Praxis auseinanderzusetzen. Deshalb ist dieses kleine, abgewetzte Büchlein für das Verständnis des frühneuzeitlichen Menschen und seiner Handlungen unersetzbar.

Diesen Katechismus finden Sie derzeit noch nicht als Digitalisat im Internet, aber es ist eine frühere, ebenfalls in Venedig 1567 entstandene Ausgabe verfügbar.

Gekauft haben wir dieses Buch übrigens am 30. November 2019 auf dem Flohmarkt in Basel.