Popular Delusions, oder: Die Dummheit der Anderen

Charles Mackay, Memoirs of Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds.

3. Ausgabe, 1856 in London bei G. Routledge & Co. erschienen.

Ein Journalist kompiliert im 19. Jahrhundert berühmte Fälle, in denen sich Menschen furchtbar dumm angestellt haben. Genauer gesagt, in denen sehr große Gruppen von Menschen sich gleichzeitig in etwas verrannt haben. Diese „popular delusions“ (etwa: weit verbreitete Täuschungen) waren beim lesenden Publikum äußerst beliebt. Zu seiner Zeit verkaufte sich das Buch vermutlich vor allem aus einem Grund: Schadenfreude. Denn wenig freut den Menschen mehr, als der Glaube, schlauer als alle anderen zu sein. Aus heutiger Perspektive wird das Buch gerne herangezogen, um Finanzmarkttheorien und massenpsychologische Positionen zu diskutieren.

Charles Mackay (1814–1889) war ein schottischer Autor, Dichter, Liedermacher und Journalist. Er war gebildet, sprach mehrere Sprachen und hatte lange im europäischen Ausland gelebt. Nachdem er früh begonnen hatte, journalistisch zu arbeiten, wurde er Redakteur bei mehreren Londoner Zeitungen. Darunter war auch die Illustrated London News, die erste illustrierte Wochenzeitung der Welt. Sein größter Erfolg und der Grund, warum wir seinen Name heute noch kennen, ist jedoch das vorliegende Buch: Memoirs of Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds (dt. Zeichen und Wunder: Aus den Annalen des Wahns). Es gilt als eins der ersten Werke der Massenpsychologie und ist das einzige Werk Mackays, das heute noch gedruckt wird.

Faszinosum „Massenhysterie“

Im 19. Jahrhundert prägte England vor allem die Industrialisierung. Fabriken versprachen neue Arbeitsplätze, Abertausende strömten in die Städte, die urbane Bevölkerung nahm explosionsartig zu. Nie zuvor hatte man Menschen in solchen Mengen gesehen. Dicht gedrängt arbeiteten sie in dunklen Fabrikhallen und demonstrierten in engen Gassen für bessere Löhne. Damit entstand eine plötzliche Faszination für das Phänomen der Menschenmasse. Geschichten über Fälle von sogenannter „Massenhysterie“ wurden gerne erzählt – zum Beispiel von Charles Mackay.

In mehreren Bänden schrieb er auf unterhaltsame Weise über Reliquien, die Kreuzzüge, Hexenverfolgung, Wahrsagen, Alchemie und Geisterhäuser. All diesen Phänomenen gemein ist der Glaube einer beträchtlichen Menschenmenge an etwas, das sich später als falsch oder unbegründet herausstellte, zumindest nach der Aufklärungsarbeit des 18. Jahrhunderts. Was hier alles in einen Topf geworfen wird, mag einem zu Recht fragwürdig vorkommen. Andererseits muss man bedenken, dass das Buch keine wissenschaftliche Abhandlung sein sollte, sondern Unterhaltungsliteratur.

Mississippi-Blase und Tulpenmanie: Die ersten Börsencrashs der Geschichte

Besonders ausführlich und aus heutiger Perspektive interessant fallen die Kapitel zu Finanzthemen aus: Mit der Mississippi-Blase (1720), der Südseeblase (ebenfalls 1720) und der Tulpenmanie (1630er) analysierte Charles Mackay drei frühe Finanzkrisen. Alle drei Fälle verstand man damals als gewaltige Spekulationsblasen, die an europäischen Börsen entstanden und deren Platzen gravierende negative Folgen für Investoren und Finanzmärkte nach sich zog. Wie konnte es dazu kommen? Nun ja, unter anderem weil viele Menschen gerne schnell und leicht reich werden wollten. Und deswegen die Risiken der Investition unterschätzten.

Herdendummheit oder Schwarmintelligenz?

Diese satirische Karte spielt auf die Südseeblase an. Die Inschrift warnt: “The Headlong Fools Plunge into South Sea Water./ But the Sly Long-heads Wade with Caution after/ The First are Drowning but the Wise Last / Venture no Deeper than the knees or Waist.” Auf Deutsch etwa: „Die Narren stürzen sich kopfüber in die Südsee / Die mit Köpfchen aber warten und waten mit Vorsicht hinein / Die Ersten ertrinken, die Letzten jedoch / gehen das Wagnis nur bis Knie oder Hüfte ein.“

Falls Sie sich ein bisschen mit der Geschichte der Finanzmärkte auskennen, haben Sie wahrscheinlich gemerkt, dass ich gerade stark vereinfacht habe. Das liegt einerseits daran, dass die tatsächlichen historischen Verstrickungen wahnsinnig kompliziert sind, und andererseits daran, dass Natur und Bedeutung dieser Spekulationsblasen bis heute von Ökonomen kontrovers diskutiert werden. Dazu zitieren Fachleute immer noch gerne Mackays Bestseller her, ebenso wie Verhaltenspsychologen. Was Mackay beschreibt, würde man heutzutage als „Herdendummheit“ bezeichnen, also die Theorie, dass die Gruppe im Schnitt schlechtere Entscheidungen trifft als der Einzelne. Es gibt allerdings inzwischen auch die These der „Schwarmintelligenz“, die das Gegenteil besagt.

Ob der Autor das Buch allerdings aus psychologischem Erkenntnisinteresse geschrieben hat, sei dahingestellt. Eine andere Erklärung liegt näher: Es hat sich einfach furchtbar gut verkauft. Der Mensch freut sich nun mal über die Dummheit anderer, das ist heute nicht anders als damals. Video-Kompilationen der größten „Fails“ gibt es auf YouTube zuhauf und die Sendung „Die 10 größten Fails der Menschheitsgeschichte“ würde sicherlich ordentliche Quoten einfahren.

Eine kluge Verkaufsstrategie

Dass Mackay wirtschaftliche Interessen gleich mitgedacht hatte, wird bereits im Vorwort der Erstausgabe ersichtlich. Hier schreibt er, sollte sich der erste Band gut verkaufen, würde er gleich noch einen zweiten nachliefern, die Dummheit der Menschheit sei schließlich grenzenlos und würde sowieso nicht in ein einziges Buch passen. Und so kommt es auch. Das erste Buch von 1841 verkauft sich gut, 1852 liefert er die zweite, erweiterte Ausgabe. Diese wird von der National Illustrated Library verlegt, einem Verlagshaus, das bekannt dafür war, massentaugliche Produkte anzubieten. Erstens waren die Bücher günstig. Zweitens enthielten sie eine Menge Bilder, was sie auch für ein Publikum interessant machte, das kaum lesen und schreiben konnte. Auch die zweite, illustrierte Version ging schnell in eine dritte Ausgabe, mit Nachdrucken im Jahr 1856, 1869 und 1892. Selbst im 20. und 21. Jahrhundert wurde der Bestseller viele Male neu aufgelegt.

Das Interesse an historischen Texten flammt natürlich immer dann besonders auf, wenn das Zeitgeschehen einen aktuellen Anlass dazu bietet. 1929 kollabiert der Weltmarkt, 1932 kommt eine neue Ausgabe. 2008 platzt die Immobilienblase in den USA, 2010 bringt Penguin Classics eine neue, gekürzte Fassung auf den Markt. Denn was historische Bücher letztendlich so spannend macht, ist doch, dass sie uns nicht nur etwas über die Vergangenheit lehren, sondern neue Blickwinkel auf die Gegenwart ermöglichen. Und vielleicht liegt ja auch etwas Tröstliches darin, zu wissen, dass sich die Menschen schon vor Jahrhunderten verspekuliert haben – und es vermutlich auch in Zukunft tun werden.

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

Wenn Sie das mit den Finanzkrisen nochmal genauer wissen wollen: Ursula Kampmann hat für Bookophile über die Geschichte der Südseegesellschaft geschrieben.

Außerdem hat das Magazin Spektrum kürzlich in seinem Artikel „1720 – das Jahr des ersten großen Crashs“ über die Mississippi-Blase berichtet.

Welche Lektionen man aus Mackays Buch lernen kann und woran Sie eine Spekulationsblase auch heute noch frühzeitig erkennen, erklärt Marshall Goldsmith (in englischer Sprache).

Hier können Sie den vollständigen ersten Band von Charles Mackays „Memoirs of Extraordinary Popular Delusions“ lesen.