Ein Lehrstück in Sachen Gier: Die Südseegesellschaft

Satirischer Kupferstich zur Finanzkrise des Jahres 1720. Niederlande, 1720. Titelblatt einer Stichfolge von Karikaturen zur „Südseeblase“.

Anfang April konnte die Sunflower Foundation für die Büchersammlung des MoneyMuseums ein satirisches Blatt kaufen, dessen Darstellung für den Außenseiter erst einmal rätselhaft bleiben muss. Es zeigt einen Mann mit Hörnern und Bocksfüßen, der vor sich eine Kartusche mit einer detaillierten Zeichnung hält. Auf der ist im Zentrum ein Grabmal zu sehen, das in niederländischer Sprache beschriftet ist: „Die Nachwelt wird es als Fabel betrachten und Aesop zu Ehren ein Grabmal errichten.“

Zeitgenossen wussten sofort, um was es hier ging: Um den spektakulären Zusammenbruch des Preises für Anteile der Südseegesellschaft. Und tatsächlich zählt die Südseeblase heute noch zu den Finanzkrisen, die immer und immer wieder zitiert werden, wenn es darum geht, wie menschliche Gier und staatliche Gleichgültigkeit zu hohen Verlusten, gar zu Bankrotten führen können. Werfen wir einen Blick auf das Geschehen, und zwar aus dem Blickwinkel der Karikatur.

Rechts vom Grabmal sehen wir einen reichen Mann mit einer Lockenperücke, der auf dem Rücken eines Bucklingen eines der Papiere unterschreibt, das dieser aus seinem Bauchladen heraus verkauft. Der Bucklige ist als Aktienhändler Bombario bezeichnet.

Was nun sind das aber für Aktien, die der Bombario verkauft? Nun, natürlich das beliebteste Papier des Jahres 1718, ein Anteilschein an der Südseegesellschaft.

Staatsanleihe, Aktie oder Lotterielos?

Diese Südseegesellschaft war eigentlich nichts anderes als eine Variante der Bank of England: Sie brachte zunächst einmal eine enorme Summe Geld auf, die der Staat dringend benötigte. Für den Staatskredit erhielt die Gesellschaft die Zusage auf jährliche Zinszahlungen sowie darüber hinaus das Privileg, in Südamerika Handel zu treiben. Deshalb auch ihr Name, die Gewässer um Südamerika wurden damals als „Südsee“ bezeichnet.

Das Ganze funktionierte hinten und vorne nicht. Versuche, den Handel in Schwung zu bringen, scheiterten; die Regierung blieb die Zinsen schuldig; und als dann auch noch 1718 ein neuer Krieg ausbrach, schien das Experiment endgültig gescheitert.

Doch statt aufzugeben, schoss die Gesellschaft dem Staat noch einmal Geld vor. In einem komplizierten Kontrakt wurde festgelegt, wann welche Gelder an den Staat zu fließen hatten und wann dieser was zurückzahlen würde. Ein cleverer Rechner hätte schon zum damaligen Zeitpunkt feststellen können, dass die Gesellschaft weniger Geld zurückerhielt, als sie dem Staat vorstreckte, doch wer rechnete schon genau, wenn er auf einen Spekulationsgewinn hoffte?

Das will der Zeichner mit der Darstellung eines buckligen Bombario zum Ausdruck bringen: Wer den Buckel eines Buckligen berührte, erwartete Glück. Einen Anteilschein auf dem Rücken eines Buckligen auszufüllen, musste geradezu das Glück herbeizwingen. Und tatsächlich war Glück notwendig, um auch nur seinen Einsatz zurückzuerhalten; denn der Anteilschein an der Südseegesellschaft war eigentlich nichts anderes als ein Los oder besser gesagt eine Wette. Nur wer rechtzeitig aus dem Glücksspiel ausstieg, konnte saftige Gewinne mitnehmen.

Der Meister aller Ohrenbläser

Denn was die Verantwortlichen der Südseegesellschaft dann taten, war ein Meisterstück an Psychologie und PR. Die Direktoren streuten gezielt Gerüchte über das Potential der Gesellschaft auf dem Spekulationsmarkt. Sie sorgten dafür, dass alle Zeitschriften darüber berichteten, welch große Gewinne einzelne Spekulanten mit dieser Aktie gemacht hatten. Gleichzeitig gewährten sie potentiellen Käufern Ratenzahlung und Darlehen, um den Kauf der Aktien zu finanzieren.

Hohe Mitglieder der Regierung wurden mit Aktien zu Sonderkonditionen bestochen, die sie sofort zu einem hohen Kurs verkaufen konnten, was viele übrigens nicht taten, so dass auch sie zu den Verlierern gehörten.

Habgier

Natürlich wollten alle bei diesem tollen Geschäft dabei sein. Es kauften nicht nur diejenigen Anteilscheine, die über das wirtschaftliche Wissen verfügten, ob eine Investition sich lohnte. Nein, auch die reiche Witwe, der ehrgeizige Student, der solide Geschäftsmann, kurz die ganze Gesellschaft, die ein paar Pfund übrig hatte oder wenigstens kreditwürdig war, investierte. Übrigens nicht nur in die Aktien der Südseegesellschaft.

Hausse

Es gab damals viele Gesellschaften, die mit der Gier der Menschen spielten. Ein bunter Prospekt, vollmundige Versprechungen, ein ins Ohr gerauntes Gerücht, und schon explodierten die Preise. Ob ein Unternehmen realistisch war, war gleichgültig, wichtig war, ob irgendjemand einem die Aktien für einen höheren Preis wieder abkaufen würde. Der Gewinn wurde nicht mit dem Projekt, sondern mit der Spekulation eingefahren. Natürlich gab es am Schluss einen Dummen. Und weil das den Eingeweihten auch klar war, nannten sie diese Form der Unternehmen „Bubble“ – Seifenblase: Ein wunderschön schillerndes Äußeres, bei dem nichts, aber auch gar nichts dahinter war.

Um die Verbraucher vor diesen Seifenblasen-Gesellschaften zu schützen erließ die Regierung dann auch im Juni 1720 den so genannten „Bubble Act“, der festlegte, dass jede neue Aktiengesellschaft eine königliche Bewilligung brauchte. So hoffte man, wenigstens die wildesten Auswüchse der „Bubbles“ zu beschneiden.

Die Südseegesellschaft hatte so eine königliche Bewilligung, und das bedeutete, dass jeder Spekulant darauf rechnete, dass jetzt – nachdem so viele andere Gesellschaften vom Markt verschwunden waren, sich die Spekulationswut auf die Aktien der Südseegesellschaft richten würden. Und tatsächlich, die Menschen kauften und kauften, und im August des Jahres 1720 wohl nur wenige Monat, bevor dieser Stich entstand, erreichte ein Anteilschein der Südseegesellschaft mit 1.000 Pfund rund das Zehnfache seines Nominalwerts.

Baisse

Und das war es dann. Natürlich waren die Aktien nicht so viel wert. Wollte man ehrlich sein, waren sie nicht einmal die 150 Pfund wert, die man selbst Ende September noch dafür zahlte. Die Spekulanten hatten mit ihrer Gier die Aktie hochgetrieben und schimpften jetzt darüber, dass sich viele von ihnen finanziell ruiniert hatten, weil die Aktie wieder auf einen vernünftigen Kurs gefallen war.

Unser Kupferstich kommentiert das, indem er den griechischen Dichter Äsop aufbietet. Äsop war bekannt für seine vielen Fabeln, die anhand tierischer Protagonisten die menschlichen Schwächen vorführten. Kein Wunder träg Äsop auf seiner Schulter einen Papagei. So ein Tier plappert alles nach, ohne die Nachricht selbst zu überdenken und bewerten. Was für ein prächtiges Bild für all die getäuschten Aktionäre, die gedacht hatten, der Aktienkauf alleine sei schon die Gewähr für den Gewinn.

 

So einsichtig waren die geschädigten Aktionäre natürlich nicht. Sie schrien nach staatlichen Strafen für die Betrüger, denen sie auf den Leim gegangen waren. Und so kamen viele, die bis vor kurzem noch als clevere Ehrenmänner gegolten hatten, vor Gericht: Die Direktoren der Südseegesellschaft wurden ihres Amtes enthoben, teilenteignet und die Aktienkäufer entschädigt. Hohe Politiker wurden abgesetzt, weil man sie der Korruption schuldig fand.

Nun, die menschliche Dummheit konnte man ja schlecht vor ein Gericht stellen. Und nur die wenigsten haben die Lehre der Südseeblase begriffen, nämlich dass der reale Wert einer Aktie im Unternehmen gründet, und nicht im potentiellen Spekulationsgewinn, den man damit machen kann.

 

Wir kauften diesen Stich beim Antiquariat Thomas Rezek in München.