Boethius: Schlüssel zur griechischen Philosophie

Das Titelblatt der Basler Ausgabe von 1546 aus der Offizin Heinrich Petri.

Anitii Manlii Severini Boethi … opera, quae extant, omnia

Gedruckt bei Heinrich Petri in Basel 1546

 

Wer sich für einen Gelehrten hält (und welcher Intellektuelle tut das nicht?), in dessen Bibliothek darf ein Autor auf keinen Fall fehlen: Boethius. So jedenfalls formuliert es Heinrich Petri, der Drucker und Herausgeber unserer Ausgabe der Schriften des Boethius von 1546, unter Berufung auf „Koryphäen“ (summi viri). Tatsächlich genoss Anitius Manlius Severinus Boethius, wie der antike Schriftsteller mit vollem Namen hieß, höchste Verehrung. Und zwar durchgängig seit seiner Lebenszeit bis heute. Doch wer war dieser Mann mit dem langen Namen? Blenden wir einmal zurück in eine modrige Kerkerzelle in Pavia vor 1.500 Jahren …

Ganz so schlecht ging es dem Angeklagten Boethius wohl nicht. Wir dürfen ihn und eher vorstellen, wie er sein Werk „Trost der Philosophie“ in einem komfortableren Hausarrest verfasste als hinter Gittern, wie es diese Illustration in einer Ausgabe der „Consolatio“ von 1385 nahelegt.

Gelehrter, Höfling, Justizopfer

Verzweifelt war Boethius. Vor wenigen Tagen noch einer der mächtigsten Männer des Weströmischen Reichs, saß er plötzlich im Gefängnis (oder vielleicht eher im Hausarrest) und erwartete ein Urteil, das ihn das Leben kosten könnte. Der ehemalige magister officiorum, so hieß der Vorsteher aller Hofämter des kaiserlichen Palastes, war in die politischen Machtkämpfe geraten. König Theoderich hielt ihn plötzlich für einen Hochverräter und ließ gegenüber den Richtern durchblicken, dass er ein Todesurteil wünschte.

Dabei hatte Boethius alles erreicht, wovon er nur hatte träumen können. Er wurde wohl in den 480er Jahren in eine adlige Familie geboren, studierte, heiratete in die höchsten Kreise, machte politische Karriere – und stürzte zum Schluss ganz tief ab.

Als er wohl 523 auf sein Urteil wartete, hatte er eine Vision: die Philosophie höchstpersönlich trat zu Boethius, um ihm Trost zu spenden. Diese starke Szene eröffnet sein berühmtestes Werk, der „Trost der Philosophie“ (Consolatio philosophiae). Hat der Mensch einen freien Willen oder ist alles von Gott vorherbestimmt? Und überhaupt: Kann ein guter Gott so etwas zulassen wie ein Fehlurteil gegenüber einem so vorbildlichen Magistraten, wie Boethius es gewesen war? Viele Fragen ohne Verfallsdatum, zu denen Boethius seinen Lesern saubere Argumentationen in geschliffenen Formulierungen präsentiert.

Neben der Bibel und Vergil war diese Schrift bis in die Neuzeit eines der meistgelesenen Bücher überhaupt; Königin Elisabeth I. persönlich übersetzte 1593 die „Consolatio“ ins Englische. Natürlich bietet auch unsere Gesamtausgabe von 1546 diese Schrift, obwohl einer der Bearbeiter Bauchschmerzen hatte, sie Boethius zuzuschreiben. Verdächtigerweise sucht der christliche Philosoph nämlich keineswegs Trost bei seinem Erlöser. Diese Zweifel konnten moderne Philologen zwar entkräften, aber das ist eine komplizierte Geschichte …

Als Boethius zum Tode verurteilt wurde (wohl zwischen 524 und 526), hatte er zwar seinen „Trost der Philosophie“ vollendet, nicht aber die Aufgabe, die er als sein eigentliches Lebenswerk angesehen hatte: seinen Zeitgenossen – und der Nachwelt – die griechischen Philosophen in Übersetzungen und Kommentaren vorzulegen.

Vermittler der griechischen Philosophie

Das Druckerzeichen des Heinrich Petri in unserer Ausgabe. Das Wort Gottes inspiriert den Herausgeber. Aber ihm standen auch zwei herausragende Gelehrte zur Seite.

Wenn wir das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe von 1546 betrachten, zeigt sich die Spannbreite von Boethius’ Schaffen. Auf der einen Seite hat er griechische Philosophen kommentiert, vor allem Aristoteles, aber auch den Neuplatoniker Porphyrios. Für letzteren griff Boethius zunächst auf eine ältere Übersetzung ins Lateinische zurück. Doch dann entschied er sich, das Werk selbst noch einmal zu übersetzen und nahm seine eigene Übertragung als Grundlage für einen zweiten Kommentar.

Boethius verfasste auch philosophische Lehrschriften, vor allem aber schrieb er Handbücher für Schüler, die sich vor ihrem Philosophiestudium mit dem Quadrivium auseinandersetzen mussten. Das Quadrivium umfasste die Fächer Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Erst wer sich in diesem „Grundstudium“ sattelfest zeigte, war zum „Hauptstudium“ der Philosophie zugelassen. Diese Schriften sind nur unvollständig überliefert. Aber die damit verbundenen Fragen der Textkritik brachten für den Basler Druck zwei Gelehrte des 16. Jahrhunderts ins Spiel.

Der ganze Boethius: Für alle, die sich nicht mit weniger zufrieden geben

Heinrich Glarean (1488–1563) in einer Federzeichnung von Hans Holbein dem Jüngeren.

Eines der Zeichen des Schweizer Druckers Heinrich Petri zeigt einen Felsen (wohl auch eine Anspielung auf seinen Nachnamen, der im Griechischen „Fels“ bedeutet), aus dem der Hammer Gottes Flammen schlägt. Damit mag auf göttliche Eingebungen angespielt werden, doch Petri wusste, dass diese nicht von alleine kommen. Seine Boethius-Ausgabe war von Anfang an als Prachtexemplar angelegt und Petri konnte es sich erlauben, sie voller Stolz Anton Fugger zu widmen. Denn der Herausgeber zog für dieses Unternehmen zwei namhafte Experten zu sich ins Boot.

Zum einen unterstützte ihn der Philosoph und Arzt Julius Martianus Rota, der sich auch als Übersetzer hervorgetan hatte. In dieser Edition betreute er vor allem die Schriften zur Dialektik und Rhetorik. Außerdem steuerte er noch eine Lebensbeschreibung des Boethius bei, die geradezu Bestseller-Charakter entwickelte: Die Biographie erfuhr noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Nachdrucke als eigenständige Schrift!

Rota zur Seite stand der Universalgelehrte Heinrich Glarean. Als Musiker und Dichter, Lehrer und Mathematiker war der Humanist der ideale Partner für dieses ambitionierte Unternehmen. Aus seiner Feder stammt die Vorrede an Anton Fugger, in der er auch seine Zweifel an der Echtheit der „Consolatio“ äußerte.

Beide Gelehrte ergänzten den antiken Text mit Grafiken, die dem Leser halfen, den komplexen Gedankengängen zu folgen. Auf diese beiden Fachleute dürfen wir wohl zurückführen, dass Heinrich Petri auf dem Titelblatt stolz erklärt, seine Ausgabe könne nicht nur punktuelle Änderungen gegenüber früheren Editionen vorweisen, sondern biete über längere Passagen neue und verbesserte Lesarten des ursprünglichen Textes.

Lorenzo Valla (1405/7–1457) war einer der besten Philologen seiner Zeit und wies die Unechtheit der sogenannten Konstantinischen Schenkung nach. Für ihn war Boethius der „letzte Gelehrte“.

Der „letzte Gelehrte“

Die Vorrede ist aufschlussreich. Denn seit im 15. Jahrhundert Erstausgaben und die erste Gesamtausgabe des Boethius erschienen waren, wurden seine Schriften rege nachgedruckt – und heftig diskutiert. Der Philologe Lorenzo Valla meinte gar, Boethius habe das Gefühl für seine lateinische Muttersprache über seiner Beschäftigung mit dem Griechischen verloren. In der Vorrede erwähnt Glarean Vallas Kritik, betont aber doch, dass auch Valla Boethius unumwunden als „den letzten Gelehrten“ (eruditorum ultimum) titulierte. Schließlich passte Boethius ganz hervorragend in die Renaissance. Auch die großen Philologen des 15. und 16. Jahrhunderts erschlossen dem Abendland endlich wieder die griechischen Schriften im Original. Vielleicht mögen daher lateinische Übersetzungen manchem überflüssig erscheinen: Doch die Humanisten und Boethius waren Brüder im Geist, voller Bewunderung für die griechischen Denker, deren Gedankenwelten sie ihren Zeitgenossen erschließen wollten.

 

Unsere Ausgabe ist leider nicht online verfügbar. Zumindest einen Teil der Werke des Boethius finden Sie im Original über Wikisource.

Über das Aufblühen der griechischen Philologie und die begeisterte Lektüre der antiken Originaltexte in griechischer Sprache ab dem 15. Jahrhundert erfahren Sie mehr in dem Artikel über die „Parallelviten“ des Plutarch.