Coaching auf Griechisch

Das Titelblatt des griechischen Plutarchs von 1533.

Plutarch, Parallēla en biois Hellēnōn te kai Rhōmaiōn (Parallelbiographien von Griechen und Römern)

Gedruckt bei Andreas Cratander und Johannes Bebel in Basel 1533

 

„Sättigt eure Seelen an Plutarch und wagt es, an euch selbst zu glauben, indem ihr an seine Helden glaubt.“ Wenn das mal keine klare Empfehlung ist, den Hintern hochzukriegen! Friedrich Nietzsche dürfte selbst als Paradebeispiel dafür dienen, wie viel Selbstvertrauen man aus der Plutarch-Lektüre gewinnen kann.

Dabei bezog er sich nur auf ein einziges Werk des antiken Schriftstellers, nämlich die „Parallelbiographien“. Der Druck von 1533, den wir hier vorstellen, mit seinem wunderschönen, liebevoll gestalteten Schriftschnitt ist die erste Originalausgabe dieser Biographiensammlung nördlich der Alpen und sollte dazu beitragen, dass Plutarch zu einem der meistgelesenen Autoren der Weltliteratur avancierte. Doch dazu später mehr.

Plutarch schrieb zur Zeit des Griechenfreundes Hadrian. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend wollte er auch zeigen, dass sowohl Griechen als auch Römer Großes vollbracht hatten. Foto: Marie-Lan Nguyen / CC BY 2.5

Plutarch: Lehre aus den Leben der Großen ziehen

Plutarch schrieb in der Blütezeit des römischen Reichs, unter Trajan und Hadrian. Seine 23 „Parallelbiographien“ (weitere hatte er wohl nachschieben wollen) begann er 96 n. Chr. mit dem Ziel, seine Leser zu belehren. Zum einen sollten sie sich ein Beispiel nehmen an großen Vorbildern wie Cäsar, Alexander oder dem mythischen Theseus, oder aber abschrecken lassen von Figuren wie dem Diadochen Demetrios Poliorketes. Diese Vorstellung, sich an den „Großen“ zu orientieren, hielt sich von der Antike bis in die jüngste Zeit und Plutarch selbst erzählt in der Vita des römischen Feldherrn Aemilius Paullus, dass er auf diese Weise sein eigenes Leben „besser geordnet habe“.

Plutarchs zweites Anliegen zeugt von der Phase des Philhellenismus seiner Zeit: Er stellte je einen Römer einem Griechen gegenüber (beispielsweise die Redner Demosthenes und Cicero) und legte nahe, dass beide Gesellschaften gleichermaßen fähige Figuren hervorgebracht hatten.

Ihre wahre Größe meinte Plutarch häufig gerade in Anekdoten zu erkennen, wie man sie in seinen Viten zuhauf geboten bekommt. Heute würde er sicher fleißig die Social-Media-Kanäle mit Society-Häppchen füllen – aber mit pädagogischen Absichten.

Bis in die Spätantike hinein erfreuten sich die „Parallelbiographien“ einer ungemeinen Beliebtheit, doch dann fielen sie einer verfehlten Bildungspolitik zum Opfer.

Die neue Blüte der griechischen Sprache im Westen

In der Spätantike hatten sich der West- und der Ostteil des römischen Reiches kulturell immer weiter voneinander entfernt. Ergebnis: Irgendwann konnte im Westen niemand mehr Griechisch. Doch dann kam die große Wende: Nach dem Fall Konstantinopels 1453 flohen zahlreiche Gelehrte in den Westen und Griechisch wurde an den Universitäten geradezu zu einer Modesprache. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts produzierten die Buchdrucker fleißig Ausgaben der antiken griechischen Autoren.

So kunstvoll der Meister der Wenzel-Werkstatt diese Titelseite der Goldenen Bulle um 1400 ausführte – vermutlich konnte er kein Griechisch. Erst 100 Jahre später sollten wieder Gelehrte in Westeuropa die Werke der griechischen Literatur im Original lesen können.

Die Originalausgabe von 1533: Von Gelehrten für Gelehrte

Einer der Altphilologen, die sich damals bei der Veröffentlichung antiker Werke besonders hervortat, war Simon Griner, oder wie er sich selbst latinisiert nannte: Simon Grynaeus. Wie ein Trüffelschwein suchte Grynaeus in ganz Europa nach antiken Handschriften und reiste mit dem Verleger und Drucker Bebel 1531 sogar nach England, von wo er genug Material mitbrachte, um sich auf Jahre mit dem Publizieren beschäftigt zu halten.

Im selben Jahr, 1531, veröffentlichte Grynaeus in Basel, wo er mittlerweile lehrte, eine korrigierte lateinische Übersetzung der „Parallelbiographien“ Plutarchs, der er jedoch bereits zwei Jahre später unsere Originalausgabe folgen ließ. Von einem solchen Publikationsrhythmus können heutige Forscher nur träumen!

Dabei ist ganz klar: Dieses Buch des Gelehrten ist für seine Fachkollegen und diente als Grundlage für Übersetzungen oder die textkritische Auseinandersetzung mit dem Werk. Im Vorwort wendet sich der Herausgeber auf Lateinisch an seinen jungen Kollegen Johannes Oporin. Oporins Leben zeigt, wie stark sich die damaligen Berufsbilder von den heutigen unterschieden: Nach einer glänzenden Karriere als Lehrer und Professor für Latein und Griechisch und als Assistent des berühmten Arztes Paracelsus, wechselte Oporin das Metier und wurde – Drucker. Was heute undenkbar erscheint, erlaubte dem Philologen damals, höchste Qualität seiner Textausgaben zu garantieren. Auch in den Augen seiner Universitätskollegen war das ganz und gar kein Abstieg!

Doch 1533, zur Zeit unserer Plutarch-Ausgabe, bemühte sich der 26-jährige Oporin noch, seinen Zöglingen die alten Sprachen nahezubringen. Grynaeus war von dieser Anstrengung so beeindruckt, dass er seinem Kollegen dieses Buch widmete. Was würde sich besser als Unterrichtslektüre für junge Menschen anbieten? Schließlich sollte das Studium der Viten den Charakter formen. Oporin sei nicht nur ein exzellenter Lehrer, lobt Grynaeus, sondern zeige vor allem beispielhaft, wie man Plutarchs Aufforderung nach Selbstoptimierung erfülle.

Das Buch, das sämtliche überlieferten „Parallelbiographien“ umfasst, wurde gemeinschaftlich von den angesehenen Druckern Andreas Cratander und Johannes Bebel in Basel hergestellt. Der griechische Schriftschnitt bezaubert mit einer nahezu handschriftlichen Optik und kunstvollen Initialen. Es handelt sich erst um die dritte Originalausgabe überhaupt. Die erste war 1517 bei Filippo Giunta in Florenz erschienen, die zweite 1519 bei Aldo Manutius in Venedig. Nun hatte der griechische Plutarch endlich auch nördlich der Alpen Fuß gefasst.

Plutarchs Siegeszug durch die Zeiten

Während die griechische Ausgabe der Bildungselite vorbehalten blieb, hatten die Übersetzungen in moderne Sprachen durchschlagenden Erfolg. William Shakespeare hätte sicher nicht seine Dramen so verfassen können, hätte er nicht in der englischen Ausgabe der „Parallelviten“ von 1579 schmökern können. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde kein antikes Werk so häufig gelesen wie dieses. Und noch in den 1990ern inspirierte es einen modernen Historiker, indem er eine Doppelbiographie von Hitler und Stalin verfasste. Hier allerdings ohne die einst so gerühmte Absicht, Beispiele an Tugendhaftigkeit als Lebenshilfe zu bieten. Aber heute gibt es dafür ja Coaches.

 

Die Bayerische Staatsbibliothek ermöglicht es Ihnen, online in der Plutarchausgabe von 1533 entspannt zu blättern.

Sollten Sie in eine deutschen Ausgabe des 19. Jahrhunderts schauen wollen, so finden Sie bei Wikisource die Übertragung der „Parallelbiographien“ durch Gottlob Benedict von Schirach.

Etwas jünger ist die Übersetzung ins Englische aus der angesehenen Loeb Classical Library von Bernadotte Perrinins.