Zwischen Mythos und Geschichte: Die Genealogie der Habsburger

Marquard Herrgott, Genealogiae Diplomaticae Augustae Gentis Habsburgicae.

Gedruckt in drei Bänden 1737 in Wien bei Leopold Johannes Kaliwoda.

Wer auf der A3 von Basel nach Zürich fährt, kommt durch einen Tunnel, der den schönen Namen „Habsburg“ trägt. In der Tat sind die kümmerlichen Reste einer Burg, die von der Autobahn aus zu sehen sind, der Ort, von dem aus die Habsburger die Welt eroberten. Recht viel mehr wussten selbst die Habsburger Kaiser nicht über ihre Vorfahren, was den von ihnen besoldeten Historiographen genügend Spielraum gab, um eine noble Abstammung zu fingieren, in der Herkules selbst als Stammvater des Geschlechts auftrat.

Heute kann man über die Abstammung eines ziemlich unbedeutenden aargauischen Adelsgeschlechts von einem griechischen Heros nur schmunzeln. Wer aber hat unsere Historiker gelehrt, zwischen Fiktion und Fakten zu unterscheiden? Unser heutiges Buch führt uns zurück an den Ursprung einer dafür unabdingbaren Wissenschaft: Der Diplomatik, der Lehre vom korrekten Umgang mit Urkunden.

Genealogie, Urkunden, und was das alles soll

Natürlich gibt es auch heute Menschen, die sich mit der Genealogie ihrer Familie beschäftigen. Ein nettes Hobby, aber nicht mehr. Im 16. Jahrhundert dagegen, als die Genealogie eine erste Blütezeit erlebte, war sie von existentieller Bedeutung: Nur wer nachweisen konnte, dass alle vier Großeltern adlig gewesen waren, durfte für sich selbst die Privilegien des Adelsstandes in Anspruch nehmen. Andersherum: all die Grafen und Reichsritter, die irgendwann aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen gewesen waren, eine reiche (nicht-adlige) Bürgerstochter zu ehelichen, hatten nun ein Problem. Sie mussten ihre Abstammung schönen.

Nicht nur sie taten dies. Auch die Herrscher bezahlten phantasievolle Humanisten, die all die weit klaffenden Lücken in der Genealogie mit blühender Phantasie möglichst hochkarätig füllten. Ein Rückgriff auf Vergil oder Homer war da das mindeste!

Und dann war da noch die Sache mit den Urkunden. Natürlich waren immer schon Urkunden gefälscht worden. Die Konstantinische Schenkung ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Doch im 16. Jahrhundert erlebte die Fälscherei einen Boom. Denn in diesem Jahrhundert nahm das Reichskammergericht in Speyer die Arbeit auf. Seine Richter forderten Urkunden, wenn einer seine Rechte einklagte. Nun waren viele Gewohnheitsrechte nie in einer Urkunde verbrieft worden! Was blieb da so manchem verzweifelten Anklageführer anderes übrig, als sich die Urkunde, die ihm fehlte, selbst zu schreiben. Wer sah ihr damals auch an, dass sie nicht 100 Jahre, sondern vielleicht nur 100 Tage alt war?

Jesuiten versus Benediktiner

Und damit war ein Grundproblem geschaffen. Wann immer sich zwei Parteien stritten, produzierte die eine Urkunden, die andere leugnete, dass diese echt seien – auch im kirchlichen Bereich. Und damit entstand die Frage, wie man die Echtheit von Urkunden zweifelsfrei feststellen könne. Der Jesuit Daniel Papebroch beschäftigte sich im Jahr 1675 mit dieser Frage. Er recherchierte den Wahrheitsgehalt verschiedener Heiligenlegenden und erklärte die merowingischen Urkunden des Klosters St.-Germain-des-Près in Bausch und Bogen für falsch, weil deren Aussagen nicht zu seinen Hypothesen passten.

Natürlich empörten sich die Benediktiner darüber, die im Kloster von St.-Germain-des-Près lebten. Denn die damals vor den Toren von Paris gelegene Abtei St.-Germain-des-Près war tatsächlich eine merowingische Gründung, die noch dazu schon Jahrhunderte lang als Grablege der merowingischen Herrscher diente. In der dortigen Bibliothek hatten sich wirklich originale Urkunden der merowingischen Könige als kostbar gehüteter Privilegienschatz erhalten. Es war einfach empörend, dass ein Jesuit (noch dazu!) die altehrwürdigen Urkunden der Benediktiner von St.-Germain-des-Près anzugreifen wagte. Doch da war er an die Falschen gekommen! Denn in St.-Germain-des-Près hatte die Kongregation des hl. Maurus ihren Sitz.

Auch die Mauriner waren wie die Jesuiten ein Reformorden, allerdings etwas später, nämlich kurz vor dem 30jährigen Krieg gegründet. Die benediktinische Kongregation der Mauriner hatte sich die Erforschung der Kirchengeschichte zur Aufgabe gemacht. St.-Germain-des-Près war also geradezu vollgestopft mit brillanten Kirchenhistorikern. Und denen wollte so ein Jesuit aufschwatzen, dass ihre Urkunden nichts wert seien!

Frater Jean Mabillon untersuchte skrupulös alle Urkunden im Original und veröffentlichte 1681 ein grundlegendes Werk zur Diplomatik und der Echtheitserkennung bei Urkunden. Diplomatik, dieses Wort beschreibt die Wissenschaft von den Urkunden, abgeleitet vom lateinischen „diploma“ für Urkunde. Leider besitzt das MoneyMuseum dieses großartige Werk nicht, aber die Forschungen von Mabillon verbreiteten sich unter vielen Historikern des Benediktiner-Ordens, so auch in der Abtei St. Blasien im Schwarzwald.

Marquard Herrgott

1724 schickten nämlich die Benediktiner von St. Blasien einen vielversprechenden Bruder – der noch dazu der Neffe des Ehemanns der Schwester des Abts war, was sicher überhaupt nichts zur Sache tat… – zur Ausbildung in das Kloster St.-Germain-des-Près. Der an Geschichte hoch interessierte junge Mann, sollte dort den letzten Schliff bekommen.

Und tatsächlich: Bruder Marquard kehrte derart weltgewandt und gebildet zurück, dass er den Vorderösterreichischen Landständen als der richtige Mann erschien, um das Amt ihres Gesandten in Wien auszuüben. Wir sollten uns an dieser Stelle daran erinnern, dass bis 1806 große Teile des Breisgaus zum Habsburger Reich gehörten. Die Städte Freiburg, Breisach, Waldkirch und Rheinfelden waren genauso Habsburg unterstellt wie die Abteien von St. Blasien, St. Trudpert oder Wonnetal – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Marquard Herrgott gehörte also in Wien zu den Hunderten von Botschaftern, die irgendwie versuchen mussten, die Aufmerksamkeit des Kaisers zu gewinnen. Marquard Herrgott tat das in überaus geschickter Form: Er entschloss sich, die Genealogie des Hauses Habsburg anhand der in St.-Germain-des-Près gelernten Grundsätze zu erarbeiten. Natürlich erregte er mit seinen Forschungen das Interesse des Kaiserhauses!

Die Kaiserlichen Urkunden zur Genealogie des Geschlechts der Habsburger

Das Buch, das Marquard Herrgott im Jahr 1737 veröffentlichte, war aber auch beeindruckend! Drei dicke Bände lateinischer Text, dazu jede Menge Urkunden, in denen sich die Geschichte der Habsburger spiegelte. Der Titelkupfer zeigt nur zu deutlich, wozu dieses monumentale Werk dienen sollte. Hercules – erkenntlich am Löwenfell und der Keule und wie wir uns erinnern, mythischer Stammvater der Habsburger – stellt zusammen mit Fortitudo – der Tapferkeit mit der Säule – die Büste von Kaiser Karl VI. im Kreis seiner Vorfahren auf einen Sockel. Zu seinen Füßen kauern kleine Putti, die Köpfe der nicht nachweisbaren und deshalb zu entrümpelnden Vorfahren entsorgen. Über Karl schwebt Fama, die mit ihrer Trompete den Ruf des Geschlechts verkündet und in der rechten Hand den Ouroboros hält, eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, und so als Zeichen des ewigen Ruhms der Habsburger verstanden wurde.

Im Vordergrund leitet Industria, Personifikation des Fleißes mit ihrer Öllampe, die verschiedenen Engel und Putti an, die Geschichte der Habsburger aufzuschreiben. Zu ihren Füßen kauert der besiegte Chronos – Gott der Zeit, leicht erkennbar an seiner Sense. Dank der ihn umgebenden Urkunden kann nach diesem Buch nichts mehr durch die ablaufende Zeit in Vergessenheit geraten. Athena, die Göttin der Weisheit, deutet mit dem Finger auf Karl VI. und schreibt ihm damit das Verdienst an der historischen Forschung zu.

Eine wissenschaftlich exakte Wiedergabe der Urkunden

Was war nun so besonders an dieser Geschichte der Habsburger von Marquard Herrgott? Nun, im Mittelpunkt standen nicht Sagen, Legenden und altehrwürdige Überlieferungen, sondern die Urkunden, publiziert auf dem neuesten Stand der damaligen Wissenschaft. Die Vertreter der Aufklärung im Habsburger Reich waren – allen voran Kaiser Karl VI. – fasziniert von der Tatsache, dass die Urkunden für vieles, was bislang Behauptung geblieben war, tatsächlich den Beweis lieferten. Herrgott ließ die Kupferstecher sogar eine Art Faksimile von den Urkunden anfertigen, so dass man die Schriften, Siegel und Formen der Pergamente so genau sehen konnte, wie es eben vor der Erfindung der Fotographie möglich war.

Marquard Herrgott schrieb zwar ein trockenes wissenschaftliches Buch, aber er wertete es mit Hilfe von zahlreichen Kupferstichen auf. Die beeindruckten auch diejenigen, die nicht in der Lage waren, fließend einen lateinischen Text zu lesen und denen so der wissenschaftliche Gehalt der Publikation verborgen blieb.

Kaiser Karl VI. war von dieser Arbeit so begeistert, dass er Marquard Herrgott nicht nur feierlich auszeichnete, sondern ihn zu seinem Rat und Historiographen machte. Und das war natürlich ein wunderbarer Ausgangspunkt, von dem aus der Gesandte des Breisgaus die Anliegen seiner Auftraggeber fördern konnte. Er tat dies Jahrzehnte lang, bis er bei der Tochter Karls VI., Maria Theresia, in Ungnade fiel.

Erlauben wir uns noch ein kurzes Postscriptum, denn die Arbeit von Marquard Herrgott hatte reale Auswirkungen. So ließ der Abt des Schweizerischen Königsfelden am Fuße der Habsburg im Jahr 1739, also nur zwei Jahre nachdem Marquard Herrgott sein Buch veröffentlicht hatte, die Habsburger Gruft öffnen, zweifellos, um so die Habsburger an die enge Verbindung zu erinnern und daraus seinen Vorteil zu ziehen.

Und als der Abt von St. Blasien fürchten musste, dass sein Kloster säkularisiert werden könnte, machte er einen Rettungsversuch, indem er die Gebeine der frühen Habsburger in sein Kloster holte. Er wollte als Memorialkirche der Österreicher unersetzbar sein. Das scheiterte. Die Mönche von St. Blasien wurden vertrieben und nahmen die Habsburger Gebeine mit in ihre neue Heimat, das Stift St. Paul im Kärntner Lavanttal, wo sie übrigens heute noch ruhen.

 

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