Wissenschaft, die unter die Haut geht

Gerhard Blasius, Anatome animalium, Terrestrium variorum, Volatilium, Aquatilium, Serpentum, Insectorum, Ovorumque, structuram naturalem usw.

Gedruckt in Amsterdam 1681 bei Johannis van Someren Witwe, Hendrick Boom und Theodorus Boom Witwe.

Wir leben in einer Zeit höchster Spezialisierung. Unser umfassendes Wissen erlaubt kaum noch einen weiten Blick auf komplexe Wissenschaftsgebiete. Doch am Anfang stand die Suche nach Wissen. Im 17. Jahrhundert, am Übergang der humanistischen Wissenschaft zur Moderne, strahlte Amsterdam wie ein Leuchtturm in der europäischen Forschung und Lehre. In diesem anregenden Umfeld wirkte der Mediziner Gerhard Blasius (1627–1682). Der Arzt wurde 1666 der erste ordentliche Professor für Medizin an der voruniversitären Hochschule Athenaeum Illustre Amsterdam und veröffentlichte in seinem Leben über 30 Bücher und Lehrbücher zu medizinischen Gebieten. Sein letztes Buch war die „Anatome animalium“, ein Lehrwerk der vergleichenden Anatomie der Tiere. Heute erscheint uns das völlig unmöglich, dass ein praktizierender Arzt, wir würden heute sagen Allgemeinmediziner, nebenher auf einem so abgelegenen Fachgebiet reüssiert. Doch damals war so manches anders.

Die „Anatome animalium“ – was alles in Tieren steckt

Blättern wir durch das mächtige Werk, dann beeindrucken zunächst die zahlreichen Illustrationen. Da sehen wir exotische Tiere wie das Kamel oder das Chamäleon neben Bibern, Schmetterlingen, Schlangen und Fischen. Mal blicken wir auf das Skelett, mal von außen auf das ganze Tier. Ein Löwe etwa ist zum Vergleich als Skelett neben sein lebensechtes Konterfei gesetzt. So versteht der Leser, wie die Knochen die äußere Haut beim Gehen tragen. Häufig sehen wir einzelne Körperteile auf ein und derselben Seite, mal einen Kopf, mal den Kieferknochen, daneben das Auge, darunter Nervenbahnen. Die Abbildungen sind nummeriert und mit Buchstaben versehen, auf der Nebenseite finden sich die dazugehörigen Erläuterungen – natürlich auf Latein.

Das ganze Buch ist thematisch gegliedert, verwandte Tierarten stehen nebeneinander. So lässt sich vergleichen, wie sich die Körperteile eines Pferdes etwa von denen eines Schafes unterscheiden. Und darum dreht sich in diesem Handbuch alles: ums Vergleichen.

Das Buch, gedruckt 1681 in Amsterdam, ist ein Handbuch für eine völlig neue Wissenschaft: die vergleichende Anatomie. Einer ihrer Begründer war durch seine Studien eben jener Blasius. Das Ziel dieses Forschungszweiges war das Verständnis davon, wie sich Körperteile und die „Bauteile“ der Lebewesen ähnelten und entwickelten. Wir befinden uns in einer Zeit lange vor der Evolutionstheorie. Aber die klugen Köpfe sahen, dass sich ähnliche Körperteile bei verschiedenen Tieren jeweils unterschiedlich entwickelten. Ein Fledermausflügel hat dieselbe Funktion wie ein Schmetterlingsflügel, aber einen ganz anderen Aufbau. Gleichzeitig ähnelt er anatomisch einem Pferdebein, das natürlich nicht zum Fliegen dient.

Diese Untersuchungen mündeten später in die Evolutionsbiologie. Doch zunächst galt es, solche Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erkennen, zu beschreiben und zu sammeln. Und genau das tat Blasius in seiner „Anatome animalium“, die er natürlich – wie fast alle seine Werke – in der Wissenschaftssprache Latein verfasste.

Gerhard Blasius (1627–1682), Arzt, Professor für Medizin und Mitbegründer der vergleichenden Anatomie.

Vom Arzt zum Anatom

Wenn wir einen Blick werfen in das Verzeichnis, das Blasius seiner Schrift vorangestellt hat, so finden wir eine saubere Auflistung von Namen mit Seitenzahlen. Hier erkennen wir, auf welche Autoren sich Blasius gestützt hat. Doch das Werk ist bei aller Modernität doch noch verwurzelt in der antiken Wissenschaftsgeschichte, wie sich beim Eintrag zu dem römischen Arzt Galen zeigt: Auf den rekurriert Blasius offenbar so häufig, dass er gar keine einzelnen Seiten nennt, sondern stattdessen „variis locis“ schreibt, also „an verschiedenen Stellen“. Doch ein anderer Name erinnert uns daran, dass Blasius es mit der Wissenschaftsethik nicht immer so genau genommen hatte: „Nic. Steno“. Dahinter verbirgt sich Nicolas Stenon oder eigentlich Niels Stensen, ein dänischer Arzt und Geistlicher, der 1660 auch bei Blasius Anatomie studierte. Damals kam es zu einem Vorfall, der in Europa für Aufsehen sorgte.

Nicolaes Tulp durfte seinen Studenten zeigen, wie ein Mensch innen aussah, er war Chirurg und das Sezieren menschlicher Körper war ihre exklusive Domäne, von der sie ihre Kollegen eifersüchtig abhielten. Mediziner wie Gerhard Blasius mussten sich mit Tierkörpern behelfen. Gemälde von Rembrandt, 1632.

Wir befinden uns im Hospiz St.-Pierre in Amsterdam. Hier darf der Arzt Gerhard Blasius theoretische Anatomie unterrichten. Menschen öffentlich zu sezieren (im sogenannten Amphiteatrum) ist hingegen den Chirurgen vorbehalten. (Ein interner Kleinkrieg unter Wissenschaftlern, wie es ihn heute selbstverständlich nicht mehr geben könnte …)

Blasius und sein Student Steno sezieren einen Schafskopf. Dabei macht Steno eine bahnbrechende Entdeckung. Er beschreibt zum ersten Mal den Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse, die noch heute nach ihm benannt ist. Doch Steno war ein junger Student. Sein Lehrer korrespondierte umgehend mit einem renommierten Kollegen und gab mit dieser Entdeckung an. Im folgenden Jahr veröffentliche er ein medizinisches Handbuch, die „Medicina generalis“, in dem er „seine“ Erkenntnis auch schriftlich verbreitete. Doch Steno ließ das nicht auf sich sitzen, er sprach seinem Lehrer jegliche Kompetenz in Anatomie ab, es kam zu einem Rechtsstreit. Dieses anatomische Detail verarbeitete Steno ein weiteres Jahr später zu seiner Doktorarbeit – der Beginn einer steilen Karriere auf dem Gebiet der Anatomie. Steno war so erfolgreich und publizierte so fleißig, dass sein ehemaliger Lehrer nicht umhin kam, den „hinterlistigen Studenten“ in seinem Spätwerk häufiger zu zitieren als jeden anderen Autor. Vielleicht hatte Blasius zwanzig Jahre später seinen Frieden damit gemacht, dass Steno ihn als Forscher auf dem Gebiet der Anatomie überflügelt hatte.

Es ging aber noch dreister: Als Blasius wenig später, 1664, in das Wissenschaftskolleg Collegium Privatum Amstelodamense augenommen wurde, besaß er tatsächlich die Chuzpe, für das Kolleg ein Buch zu veröffentlichen, dessen Inhalt nichts anderes war als die Zusammenfassung der wissenschaftlichen Leistungen von Jan Swammerdam, veröffentlicht unter Blasius’ eigenem Namen! Und das, obwohl Swammerdam auch noch den Vorsitz des Kollegs innehatte. Das war wohl zuviel Dreistigkeit; in der zweiten Auflage verschwand der Name Blasius von der Titelseite.

Erstaunt es uns, dass Blasius’ Ruf als Mediziner nicht unter solchen Vorfällen litt? Zwei Jahre später berief man den Arzt auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Medizin am Athenaeum Illustre. Im Laufe seiner langen Karriere legte Blasius fleißig Lehr- und Handbücher über verschiedene Gebiete der Medizin vor, er war alles andere als ein Spezialist. Aus diesem großen Fundus von Wissen schöpfte er dann für sein Spätwerk, die „Anatome animalium“.

Nur ein Jahr nach Veröffentlichung dieses Handbuchs starb Blasius – ein anerkannter Wissenschaftler, der mit seiner Arbeit ein kleines Vermögen angehäuft hatte und einen ausgezeichneten Ruf genoss.

 

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Die Universität Rostock hat diese Ausgabe als Digitalisat online verfügbar gemacht.

Mehr digitalisierte Werke von Blasius gibt es auf der Seite des Müncher Digtalisierungszentrums.

Wikipedia hat nur einen kurzen Artikel zu Blasius, über seinen großen Schüler Nicolaus Steno kann man dort aber mehr lesen.