Wie man Frieden schließt

Das Titelblatt der Veröffentlichung des Westfälischen Friedens von 1648.

Instrumentum Pacis

Gedruckt 1648, 1649 und 1650 von Nikolaus Heil in Mainz, vertrieben von Philipp Jakob Fischer in Frankfurt

Viele denken heute an den Zweiten Weltkrieg, wenn sie gefragt werden, welche militärische Auseinandersetzung den größten Einfluss hatte auf das, was wir unter Deutschland verstehen. Doch eine andere Auseinandersetzung steht am Beginn der BUNDESREPUBLIK. Im 30jährigen Krieg kämpfte der Kaiser um die Macht über die Fürsten, während die Fürsten im Bund mit ausländischen Mächten um ihre Unabhängigkeit von der Zentralmacht rangen. Die Fürsten siegten – doch welchen Preis musste die deutsche Bevölkerung dafür zahlen!

Knapp die Hälfte aller Deutschen lebte am Ende des 30jährigen Krieges nicht mehr – zumindest in Teilen des Reiches. Handel und Handwerk lagen überall am Boden. Vermögen waren vernichtet worden genauso wie die lebenswichtige Infrastruktur.

Alle Kriegsparteien waren wirtschaftlich am Ende, konnten ihre gigantischen Heere nicht mehr finanzieren. Zerlumpte Soldatenhorden zogen durch ganz Deutschland und plünderten, um selbst nicht zu verhungern.

Kein schnelles Ende für einen Jahrzehntelangen Krieg

Eigentlich wollte irgendwann jeder nur noch ein Ende dieses schrecklichen Krieges. Aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass das, wofür man so hart gekämpft, so viel geopfert hatte, in den Vertrag eingehen würde.

Dazu kamen protokollarische Probleme: Der Kaiser war selbstverständlich immer noch der höchstrangige Herrscher. Aber wie war das mit dem König von Frankreich und der Königin von Schweden? Wer hatte hier den Vortritt? Wie sollten überhaupt all die großen und kleinen Mächte angemessen berücksichtigt werden? Es dauerte nach ersten Sondierungsgesprächen im Jahr 1637 noch ganze vier Jahre, bis man sich überhaupt auf einen Ort geeinigt hatte und darauf, welche Kriegsparteien mitdiskutieren durften.

Letztendlich kamen die Diplomaten des Kaisers, der Reichsstände und der Schweden in Osnabrück zusammen. Das katholische Frankreich tagte unter Vermittlung der Kurie und Venedig mit den kaiserlichen Gesandten in Münster. Andernfalls hätten päpstliche Nuntien mit Protestanten an einem Tisch sitzen müssen! Wie schockierend!

1641 erfolgte die Einladung zum Kongress. Im Juni 1645 begannen die Verhandlungen. Und am 24. Oktober 1648 unterzeichneten die Bevollmächtigten von Kaiser Ferdinand III., König Ludwig XIV. und Königin Christina von Schweden endlich, endlich den Vertrag.

Verträge und Rezesse

Es war kein einfacher Vertrag, sondern ein umfassendes Vertragswerk, auf das sich die mehr als 70 Diplomaten da geeinigt hatten. Jeder Satz, jedes Wort, jedes Komma hatte zur Disposition gestanden, ehe die endgültigen Unterschriften geleistet wurden.

Und trotzdem, die beiden in lateinischer Sprache verfassten Verträgen zwischen dem Kaiser und dem französischen König resp. dem Kaiser, den Reichsständen und der schwedischen Königin waren lediglich der Beginn. Sozusagen nicht mehr als eine allgemeine Willensäußerung, dass man jetzt tatsächlich Frieden schließen wolle. Erst danach wurden – während die Heere weiterhin sengend und plündernd durch Deutschland zogen – die Einzelheiten der neuen Friedensordnung ausgehandelt. Und so ging es erst im Vertrag von 1649 ans Eingemachte: Nun wurde entschieden, wann wer aus welchem Gebiet abrücken, und wer zu welchem Zeitpunkt welche Kriegsentschädigung erhalten sollte.

Noch einmal wurden also zwei Verträge geschlossen: Im September 1649 der so genannte Interims-Rezess, im Juli 1650 der Reichs-Friedens-Haupt-Rezess.

Und wie erfährt die Öffentlichkeit davon?

Wohl noch kein Krieg hatte den Alltag weiter Bevölkerungskreise derart verändert wie der 30jährige. Kein Wunder, dass das Interesse an den Friedensbedingungen groß war. Nicht nur unter Fachjuristen. Jeder gebildete Bürger, der in seiner Heimatstadt politisch tätig war, wollte genau wissen, was nun vereinbart worden war. Dieses breite Interesse machte das Westfälische Vertragswerk zu einem glänzenden Geschäft für Verleger.

In Frankfurt, Nürnberg, Leipzig, Wien und Münster erschienen – selbstverständlich mit Privileg des Kaisers – Publikationen der Verträge in lateinischer Originalsprache und / oder mehr schlecht als recht ins Deutsche übersetzt. Schon die Zeitgenossen klagten über die armseligen Übersetzungen mit ihren vielen Fehlern! Ja, es erschienen sogar Rezensionen, in denen Juristen gewarnt wurden, die deutschen Fassungen als rechtliche Grundlage zu benutzen.

Insgesamt erschienen beeindruckende 19 Auflagen des Vertrags zwischen Kaiser und Frankreich. Noch mehr Nachfrage herrschte nach dem Vertrag zwischen Kaiser, Reichsständen und Schweden. 38 Auflagen wurden publiziert, um die gigantische Nachfrage zu bedienen.

Unser Exemplar produzierte der in Mainz heimische Druckermeister Nikolaus Heil. Dieser Nikolaus Heil war Inhaber der Reichsdruckerei und arbeitete im Auftrag des Mainzer Kurfürsten, Erzkanzler des Reichs und damit höchster Reichsfürst nach dem Kaiser selbst.

Allerdings lag Mainz für den Buchhandel ein wenig abgelegen. In Frankfurt fand die jährliche Buchmesse statt! Deshalb tat sich Nikolaus Heil mit dem Frankfurter Verleger Philipp Jakob Fischer zusammen, der den Vertrieb im gesamten Reichsgebiet garantierte.

Ein Grundlagendokument bis zum Ende des Jahres 1806

Das Vertragswerk wurde zur Grundlage des Römischen Reichs Deutscher Nation. Es stand einst in jeder Bibliothek, die sich mit juristischen Fragen beschäftigte. Und noch heute sind Drucke dieses Vertrags keine Seltenheit.

Sie sprechen von der Fähigkeit des Menschen zum Kompromiss, sobald sich alle an einem Konflikt Beteiligten an einen Tisch setzen, um eine Lösung zu finden. Sie sprechen davon, dass es nicht leicht ist, einen Frieden zu schließen. Eine Übervorteilung des Schwächeren, wie sie am Stammtisch, in Internetkommentaren und von populistischen Politikern so gerne gefordert wird, zahlt sich nicht aus. Erst wenn wirklich alle Anwesenden die einmal gefundene Lösung mittragen, gibt es eine Aussicht auf einen dauerhaften Frieden.

Nicht dass es auf Reichsgebiet nach dem Westfälischen Frieden keinen Krieg mehr gegeben hätte. Im Gegenteil. Immer wieder mussten sich Politiker um runde Tische scharen, um friedliche Lösungen zu finden. Doch die Klugen unter ihnen hatten verstanden, dass es Sinn machte, auch dem Verlierer einen Platz am Tisch einzuräumen.

Wie schade, dass es heute aus der Mode gekommen ist, aus der Geschichte zu lernen.

 

Wenn Sie sich wirklich vertieft mit diesem Thema auseinandersetzen wollen: Es gibt eine Dissertation über die zeitgenössischen Medien und ihre Rezeption des Westfälischen Friedens.

Die Arbeit von Stefan Mayer-Gürr kann als pdf heruntergeladen werden.