Vergil, „der“ Dichter schlechthin

Publii Vergili Maronis Opera, etc. …

Gedruckt in Basel 1584.

Von der Spätantike bis ins Spätmittelalter verstand jeder halbwegs gebildete Mensch in Europa, wer mit „der“ Dichter gemeint war. Dieser Ehrenbegriff kam alleine Vergil zu. Daher gehörten die Werke des römischen Dichters in jede Handbibliothek, selbst wenn sie nicht gut bestückt war. Man konnte auf so ziemlich alles verzichten, nicht aber auf Vergil. Woher kam der Erfolg gerade dieses römischen Dichters?

Ein Basler Druck von 1584 ist nur einer in einer Masse von Werkausgaben, die den Markt seit Jahrhunderten überschwemmten. Doch er verrät uns auch etwas über seine Besitzer …

Das Monnus-Mosaik aus dem 3. Jahrhundert nach Christus (aufgefunden in Trier) zeigt Vergil, dessen Werke auch damals zum literarischen Kanon gehörten. Foto: QuartierLatin1968 / CC BY-SA 3.0

Vergil, der Dichter aus Mantua

In der antiken Vergil-Biographie des Sueton (ja, genau der mit den kurzweiligen Klatschgeschichten über die Kaiser) lesen wir die Grabinschrift Vergils:

Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc / Parthenope; cecini pascua, rura, duces. Oder auf Deutsch: Mantua brachte mich hervor, Kalabrien raffte mich hinweg, nun birgt mich / Neapel. Ich besang Weiden, Felder, Herrscher.

Damit ist gut zusammengefasst, was wir gesichert über Vergils Leben wissen. Publius Vergilius Maro wurde 70 v. Chr. im norditalienischen Mantua geboren, er wirkte vor allem in Rom und schrieb dort seine Werke: eine romantisch-verklärende Hirtendichtung (Bucolica), ein landwirtschaftliches Lehrwerk (Georgica) und ein Heldenepos (Aeneis). Letzteres konnte er nicht mehr vollenden, denn als er zusammen mit seinem großen Gönner Augustus aus Griechenland zurück nach Italien reiste, erkrankte in Brundisium (was damals als „kalabrische“ Stadt galt) und wurde schließlich in Neapel (dem antiken Parthenope), wo er sich zu Lebzeiten gerne aufgehalten hatte, beigesetzt.

Um Missverständnisse auszuräumen: Vergils „Georgica“ sind ebensowenig ein landwirtschaftliches Sachbuch wie Orwells „Animal Farm“. Damit hätte er es nicht in die Top-Liga der Weltschriftsteller geschafft, sondern höchstens vielleicht zu einem Bestseller bei Amazon. Der typische Vertreter der augusteischen Dichtung beherrscht virtuos die Klaviatur der literarischen Verweise. Mit äußerster Raffinesse spielt er auf literarische Vorgänger an, seine sensiblen Darstellungen entzücken die Elite der Zeit. Denken Sie an die humanistischen Wortspiele und Bilderrätsel, Anspielungen für Insider. Wenn Sie darüber lachen oder eher verständig schmunzeln konnten, hatten Sie es geschafft: Sie gehörten zu den wirklich Gebildeten, die selbst die hintergründigste Andeutung dank ihrer umfassenden Bildung noch verstanden. Das war Vergil. Und nebenbei gab er Rom mit der „Aeneis“ ein „Nationalepos“.

Intellektuelle Spielereien, schöngeistige Versdrechselei, die man im Mittelalter ohne solide Griechischkenntnisse (die praktisch keiner hatte) gar nicht verstand. Wie, bitte schön, konnte dieser Dichter zu einem der meistgelesenen und wirkmächtigsten Autoren der europäischen Kulturgeschichte werden?

Vergils Erfolg ist nicht nur seiner sprachlichen Qualität geschuldet, sondern sein vermeintliches Prophetentum. In der vierten Ekloge (hier in einer spätantiken Handschrift) verkündet ein Hirte seinem Kollegen die Geburt eines Retters – nach christlicher Deutung war Jesus Christus gemeint.

Vergils Erfolg: ein Missverständnis?

In Vergils Hirtendichtung kündet ein Hirte dem anderen die Geburt eines Kindes an, das die Welt retten wird. Geschrieben mitten in der blutigen Bürgerkriegszeit sollte damit wohl am ehesten auf den Heilsbringer Augustus angespielt werden. Doch bekanntlich gibt ein Autor die Kontrolle über sein Werk mit der Veröffentlichung ab und jeder Leser liest seine eigene Deutung hinein. Sie ahnen, wie es kam: Für christliche Leser war völlig klar, dass Vergil ein prophetischer Glaubensgenosse avant la lettre war. (Gestorben im Jahr 19 vor Christi Geburt!)

Dieser Deutung verdankt Vergil seine unglaublich reiche Überlieferung in unzähligen Handschriften seit der Antike und seine prominente Rolle als Dantes Führer durch die Unterwelt in der „Göttlichen Komödie“. Und nicht zuletzt sponnen sich im Mittelalter eine Reihe von Sagen um ihn: Etwa die von Vergil, dem Zauberer, der mit seinen magischen Kräften vor allem sein geliebtes Neapel beschützte. Diese Volkssagen hatten mit der historischen Gestalt gar nichts mehr zu tun, untermauerten aber die Prominenz des Dichters in allen Gesellschaftsschichten – und gerade auch bei denen, die ihn gar nicht lesen konnten.

Die Intellektuellen hingegen schätzten seinen geschliffenen Schreibstil, der als Nonplusultra im Lateinischen gilt. Auch motivisch regte Vergil zu allen Zeiten an: Petrarca zu seinen Gedichten, Torquato Tasso zu „Gerusalemme Liberata“, und auch außerhalb Italiens arbeiteten sich Schriftsteller zu allen Zeit an ihm ab.

Unsere Ausgabe: Zeugnis der Bildungselite

Als unsere Ausgabe 1584 in Basel gedruckt wurde, waren die Volksmythen längst verblasst und die literarische Rezeption in den Vordergrund gerückt. Sie verstehen jetzt, dass jeder, der sich auch nur halbwegs als gebildet ausgeben wollte, eine Vergilausgabe benötigte, die er bestenfalls auch gelesen hatte.

Zu dieser Zeit schrieb man Vergil auch verschiedene kleinere Werke zu, die wir heute als unecht klassifizieren. Aber so klug sind die Philologen noch nicht seit langem und in jedem Fall wurden auch diese Stücke (über die Vulkanologie oder ein so profanes Sujet wie eine störende Mücke) gerne gelesen. Daneben finden wir hier auch antike Viten abgedruckt und einen Sachindex. Liebevoll lässt sich das Buch im Hosentaschenformat auch mit zwei Metallschließen sichern.

Schlagen wir den Deckel vorsichtig auf, sehen wir auf den Innenseiten vorne und hinten Anmerkungen und Exlibris der Besitzer. Auch wenn wir nichts weiter von ihnen wissen: Die Tinte verströmt noch immer den Geruch von Belesenheit. Uns begrüßen mehrere Zeilen in Griechisch samt lateinischer Übertragung. Es handelt sich um eine Passage aus einer Rede des Isokrates über vorbildliches Verhalten gegenüber den Eltern. Auf der Rückseite finden wir ein bei Dichtern und Möchtegernschriftstellern seit jeher beliebtes Horaz-Zitat. Man möge nichts gegen den Willen Minervas (der Göttin der Dichter) tun, sonst könne das Werk nicht gelingen. Es braucht eben Inspiration für ein echtes Kunstwerk.

Wir sehen, Vergil wurde hier von Menschen gelesen, die Griechisch konnten und sich vermutlich an literarischen Spielereien erfreuten.

Gerade in Deutschland wurde Vergil in seiner Bedeutung im 19. Jahrhundert durch die Griechen, allen voran Homer abgelöst. Aber unsere europäische Literatur, vor allem die Werke der entstehenden romanischen Volkssprachen, hätte ohne Vergil völlig andere Wege eingeschlagen. Dieses Buch zeugt von seiner einstigen Bedeutung.

 

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Unsere Ausgabe ist sehr selten und findet sich leider nicht im Netz, doch einen anderen Text von 1515 finden Sie als Digitalisat hier.

Die Übersetzungen von Johann Heinrich Voss, der sich vor allem mit seinen Homer-Übertragungen Ruhm verschaffte, bietet das Gutenberg-Projekt.