Ubbo Emmo oder: Wenn Geschichtsschreibung politisch ist

Ubbo Emmo, Graecorum Respublicae descriptae. Cum Privilegio.

Gedruckt bei Elsevier in Leiden, 1632.

Beeinflusst ein Buch über das antike Griechenland die Bundestagswahlen in Deutschland? Wohl kaum. Historische Analysen erzählen davon, wie es einst war, weniger davon was wir daraus lernen können. Doch in der frühen Neuzeit war das noch ganz anders. Ubbo Emmos Abhandlung über das politische System im antiken Athen und Sparta war ein Streichholz, seine Heimat Ostfriesland ein Pulverfass. Um das zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick werfen auf die besondere Geschichte dieses Landstrichs an der Nordseeküste.

So hatte Ubbo Emmo 1595 Ostfriesland selbst in einer präzisen Karte dargestellt. Seine Heimat hatte er da schon verlassen und sich im niederländischen Groningen niedergelassen. Für einen freiheitsliebenden Denker wie ihn war es dort sicherer.

Ostfriesland – eine Welt für sich

Das Heilige Römische Reich war feudal organisiert, Lehen wurden von unterschiedlichen Lehnsherren beherrscht, nur wenige freie Reichsstädte genossen Privilegien. Vergessen Sie das alles, wenn Sie Ostfriesland hören. Die Ostfriesen scherten sich nicht um das Feudalwesen und beriefen sich auf eine Zusage Karls des Großen, dass sie nur dem Kaiser selbst unterstellt seien. Diese Regelung nannten sie die Friesische Freiheit und die ließen sie sich von niemandem nehmen. Mit ihren „Häuptlingen“ orientierten sie sich über Jahrhunderte an den alten Stammesstrukturen der Germanen. Bis in die frühe Neuzeit scheiterten alle Versuche kläglich, Ostfriesland in ein feudales Lehen umzuwandeln. Als Kaiser Friedrich III. 1464 das Geschlecht der Cirksena in den Grafenstand erhob und mit Ostfriesland belehnte, hatten es die neuen Blaublüter nicht leicht mit ihren selbstbewussten Untertanen.

Der ostfriesische Humanist Ubbo Emmo (1547-1625) als hochdekorierter erster Rektor der neugegründeten Reichsuniversität Groningen.

Ubbo Emmo: Ostfrieslands größter Humanist

In diese komplizierte Welt wurde Ubbo Emmo 1547 an der Nordseeküste als Sohn eines lutherischen Pastors hineingeboren. Er genoss eine gute Erziehung, studierte Geschichte und klassische Philologie und kam bei seinen Studien bis ins reformierte Basel. Dort fing er Feuer für den Calvinismus und sein großes Vorbild Erasmus von Rotterdam. Mit einer klaren Weltanschauung kehrte er in die Heimat zurück und wurde Rektor der Schule, die er selbst einst besucht hatte. Doch als nunmehr Reformierter fiel er in Ungnade bei einem einflussreichen lutherischen Hofprediger. Denn sogar der Hof der Cirksena war gespalten.

Die Herrschaft teilten sich zwei Brüder, einer lutherisch, der andere reformiert. Der reformierte Johann half Emmo auf eine neue Position in Leer, starb jedoch schon bald. Unter dem lutherischen Edzard II. eskalierten die theologischen und politischen Spannungen. 1595 kam es zur sogenannten Emder Revolution, in der die Bürger der reichen Stadt Emden Graf Edzard II. gewaltsam aus seiner Residenz vertrieben und sich unter den Schutz der Niederlande stellten. Zähneknirschend musste Edzard ihre Forderungen akzeptieren. Emmo selbst war zu dieser Zeit bereits in den Niederlanden, von wo er den Emdern kräftig applaudierte. Er war nämlich kurz zuvor einer Einladung nach Groningen gefolgt und leitete dort eine renommierte Lateinschule. In dem florierenden Experimentierlabor, das Groningen damals für die Intellektuellen darstellte – Emmo ganz voran – kam es 1614 zur Gründung der neuen Reichsuniversität Groningen. Ihr erster Rektor wurde Emmo.

Die Ostfriesen und Griechenland

In Groningen war Emmo sicher vor den Anfeindungen des lutherischen Grafen und konnte frei von der Leber schreiben, was er dachte – nicht nur in Fragen der Theologie, sondern auch der Politik. Emmo stand ganz klar auf der Seite der freiheitsliebenden ostfriesischen Stände. Deren glorreiche Geschichte besang er in einer sechsbändigen „Geschichte der Friesen“, erschienen zwischen 1596 und 1616. Natürlich auf Latein, damit die Gebildeten ihn auch verstanden. Doch das reichte ihm nicht. Er schob noch etwas nach: Seine „Verfassung der griechischen Gemeinwesen“.

Für jeden Humanist galt die Antike nicht nur als eine bessere Zeit, sondern auch als eine Epoche, die es zu übertrumpfen galt. Doch wie war die Antike zu einem Leuchtturm der neuzeitlichen Denker geworden? Für Emmo ganz klar: Der Freiheitsgedanke der Griechen hatte ihre kulturellen Leistungen erst ermöglicht. So trug er zusammen, was er an „modernen“ historischen Darstellungen finden konnte und las fleißig antike Originalquellen. Sein Buch stellt die aus seiner Sicht erfolgreichsten Modelle vor: Zunächst Athen, danach Sparta.

Athen, nun gut, mag noch heute als Paradebeispiel für Demokratie und Freiheit gelten. Die modernen Historiker sehen das zwar differenzierter, aber zu Emmos Zeit war das eine Grundüberzeugung. Doch Sparta? Dort hatte es zwar Könige gegeben, aber dennoch eine oligarchische Herrschaft des Adels, in der man mit etwas gutem Willen vage Ähnlichkeiten mit der alten ostfriesischen Herrschaftsorganisation erkennen konnte. Teil 3 seines Werkes beginnt Emmo daher mit einer Analyse über den „Grad der Freiheit Spartas“.

Überhaupt, „Libertas“, Freiheit, ist der Schlüsselbegriff, ja das Kampfwort, in seinem Werk. Am Ende kann kein Leser mehr zweifeln: Will Ostfriesland eine wohlhabende und florierende Region sein, darf es sich nicht von Grafen knechten lassen, sondern muss seiner Tradition der Selbstverwaltung treu bleiben und sich ein Beispiel nehmen an Sparta und Athen – und (das mag man zwischen den Zeilen gelesen haben) natürlich auch an den Niederlanden.

Dort wurde das Buch erst 1632 gedruckt, also postum, denn Emmo starb 1625. Vielleicht war es dem Drucker deshalb so wichtig, gleich unter dem Titel stolz „Cum Privilegio“ zu drucken. Das bedeutete schlichtweg, dass der Drucker keine illegale Raubkopie vertrieb, behauptete er zumindest. So genau wurde das damals noch nicht kontrolliert, das Thema Lizenzen und Urheberrecht wurde eher „liberal“ gehandhabt …

Übrigens, die Ostfriesen wurden zwar ihre Cirksena nicht los, die friesischen Stände lebten aber ihre antifeudale Gesinnung aus, bis die Preußen sich Ostfriesland 1744 schnappten.

Anders als Emmos Werk über die Geschichte der Friesen, ist unser Buch weitaus weniger verbreitet. Es gibt kein Digitalisat im Internet.

 

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