Ode an die Nicotiana

Für und Wider den Tabak. Aussprüche deutscher Zeitgenossen über den Tabakgenuss.

Geschrieben für die Deutsche Tabak-Zeitung. Herausgegeben von Gustav Lewinstein, 1890 in Berlin beim Wolf Peiser Verlag.

Wir haben hier vor uns ein Büchlein, das verspricht, Argumente für und wider den Tabakgenuss zu liefern. Herausgegeben wurde es 1890 von einem Herrn Lewinstein, dem Redakteur der Deutschen Tabak-Zeitung, unter dem Vorwand, man wolle einmal beiden Seiten der seit jeher währenden Diskussion über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens Platz geben. Die Frage, ob es im Interesse eines solchen Herausgebers liegen kann, ernsthafte Argumente gegen den Tabakkonsum vorzubringen, ist wohl rhetorischer Natur. Aber selbst wenn man nichts über den Hintergrund des Herausgebers wüsste, würden Form und Inhalt des Buches schnell genug verraten, worum es sich hier wirklich handelt: eine Ode an die „Nicotiana“, eine verführerische, wenn auch gefährliche Lebensgefährtin, von der aber niemand so richtig lassen mag. Denn, so scheint der Tenor, ein Leben ganz ohne Laster und Genuss wäre doch auch nicht richtig lebenswert…

Das Buch als Zigarrenkiste

Was dem Leser des Buches als Erstes ins Auge fällt, ist sein aufwendig gestalteter Einband. Angefangen beim Buchdeckel aus leichtem Holz erinnert der nämlich in allen Details an eine Zigarrenkiste. Der Titel ist mittig und kreisförmig gesetzt und sieht damit aus wie eine cubierta, also die kreisförmige Verzierung auf der Außenseite einer Zigarrenkiste, die in der Regel den Markennamen des Herstellers trägt. Weiter geht es mit den filetes, den lithographisch verzierten Papierstreifen am Rand des Buches. Auf Zigarrenkisten dienen diese filetes nicht nur der Dekoration, sondern auch der Versiegelung der Kiste. Das Hauptsiegel aber befindet sich am oberen Rand des Buchdeckels in Form eines tapaclevo. Auf Zigarrenkisten nehmen diese tapaclevos oft Bezug auf den Hersteller oder Markennamen. So zeigen die Siegel des kubanischen Zigarrenherstellers Romeo y Julieta das namensgebende Liebespaar.

Und unser Buch? Nun ja, erstens macht die leichtbekleidete attraktive Frauengestalt auf dem rechteckigen Buchsiegel himmelschreiend offensichtlich Werbung für die Deutsche Tabak-Zeitung, die sie auf dem Kopf trägt. Den Zeitungsnamen hat man hispanisiert („La gazeta de tabacos“), wohl als Anspielung auf den süd- und mittelamerikanischen Raum als Ursprung des Tabaks und für mehr exotisches Flair. Und zu guter letzte behaupte ich, handelt es sich um eine Verbildlichung der Nicotiana – einer humoristischen Vorstellung der Tabakpflanze als weibliche Muse und Verführerin. Denn genau so wird sie im Buch über weite Strecken beschrieben.

Nicotiana: Muse, Verführerin, vortreffliche Gesellschafterin

Für und Wider den Tabakgenuss hat bei Weitem keinen wissenschaftlichen Anspruch. Der Herausgeber hat, kurz gesagt, Bekannte um Zuschriften gebeten, in denen sie ihre Meinung zum Tabakkonsum kundtun. Darunter sind aber nicht nur Ärzte, sondern vor allem Schriftsteller und Künstler. Und was sagt ein Schriftsteller über das Rauchen? „Ich kann keine Zeile schreiben, ohne zu rauchen […]. Ich meine, dass mir nichts einfällt, wenn ich nicht dann und wann in die Gluth oder in den blauen Athem meiner Cigarre blicken kann.“ Mit diesem Ausspruch legitimiert ein Berliner Schriftsteller seine Nikotinsucht als notwendige Voraussetzung für sein dichterisches Schaffen. Fast poetisch gereimt setzt er nach und beschreibt die Zigarre als „vortreffliche Gesellschafterin“: „Ich bin nicht gern allein. Mit der Cigarre fühle ich mich zu Zweien.“

Auch mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Viele der Zuschriften geben zwar zu, dass Rauchen ungesund, abscheulich, schlecht für den Magen und ein Laster sei, aber alle beharren trotzdem darauf, dass der Genuss diese Nachteile überwiege. Die Nicotiana wird abwechselnd als Muse, als Verführerin oder als strenge Herrscherin gezeichnet, der man sich aber gerne hingibt. So schreibt ein Herr Sybel aus Berlin: „Ich preise den Verstand und Charakter eines Jeden, welcher der Versuchung der holden Nicotiana widersteht – aber der Versuchung zu erliegen, ist doch schön.“

Der Schriftsteller August Silberstein geht sogar noch weiter und schreibt gleich ein ganzes Gedicht, indem er das Rauchen – wenn auch mit einer Prise Humor – zu einem quasi transzendenten Zeitvertreib überhöht. Hier glüht der Zigarettenstängel so leuchtend wie die Sonne am Firmament und der Zigarrenrauch kräuselt sich so wolkengleich dem blauen Himmel entgegen, dass dem Dichter die Brust gleich ganz romantisch anschwillt. Dem gegenüber wird das Tabakschnupfen als niedere, schmutzige Angelegenheit verbildlicht.

Ob es gesundheitsschädlich?

Was aber sagen die Zuschriften über die gesundheitlichen Risiken des Tabakkonsums? Nun, wenn man ehrlich ist, will man es gar nicht so genau wissen. Der erste Leserbeitrag bringt es auf den Punkt: „Das Tabakrauchen ist ein abscheuliches, stänkriges Laster; welche Erkenntniss mich nicht abhält, dem Genuss der Cigarre leidenschaftlich besonders beim Schreiben und in müssigen Stunden zu fröhnen. Ob es gesundheitsschädlich? Mit dieser Frage würde ich mich nur an einen Arzt wenden, dessen gegentheiliger Ansicht ich sicher wäre.“ Damit ist wohl alles gesagt.

Wir haben also mit diesem Buch keine ausgewogene Debatte über die Vor- und Nachteile des Rauchens vor uns, sondern gut gemachte Werbung der frühen Tabakindustrie. Noch dazu ziemlich unverhohlene Werbung. Das beginnt schon mit dem Einband: Ein Buch, das sich so viel Mühe gibt, ein wertvolles Sammlerobjekt wie Zigarrenkisten zu imitieren, spricht offensichtlich den leidenschaftlichen Zigarrenraucher mehr an als den Skeptiker. Schon das Buch als Objekt wird damit ein Bekenntnis zur Schönheit dieses Hobbies. Denken Sie im krassen Gegensatz dazu an die heutigen Tabakverpackungen, auf denen seit einigen Jahren wahrlich ekelerregende Bilder von Lungenkarzinomen prangen müssen.

Amerikanische Zigarettenwerbung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: Zigarettenkauf als patriotischer Dienst am Vaterland.

Der Siegeszug der Zigarette im 20. Jahrhundert

Der Siegeszug der Tabakindustrie, in unserem Buch bereits angedeutet, vollzog sich dann vollends im 20. Jahrhundert. Neue Maschinen ermöglichten erstmals die Massenproduktion von Zigaretten, das Aufkommen der modernen Werbeindustrie tat ihr Übriges. Während den beiden Weltkriegen sponserten amerikanische Firmen massiv die Soldaten an der Front durch kostenlose Zigarettenlieferungen und erschlossen so riesige Märkte in Amerika und Europa. Als Nächstes begriff man, dass man den Markt gleich verdoppeln könnte, wenn nicht nur Männern sondern auch Frauen rauchten. Also schaffte man schleunigst das gesellschaftliche Tabu ab, dass Rauchen für Frauen nicht schicklich sei, und inszenierte die Zigarette als „Fackel der Freiheit“ gegen die Unterdrückung durch die Männer. Ähnlich wie es die Texte in unserem Buch tun, wurde Rauchen dabei stets als Symbol von Freiheit, Genuss und Nichtkonformität inszeniert – mit dem ungebundenen Cowboy in der Marlboro-Werbung, der sexuellen Selbstbestimmtheit einer Brigitte Bardot oder der intellektuellen Freiheit einer Susan Sontag, die mit der Fluppe in der Hand über ihren Büchern sitzt. Damit ist die Zigarette vielleicht das erfolgreichste Marketingprodukt der Geschichte, die erst jetzt und auch nur sehr langsam etwas ihrer scheinbar unvergänglichen Popularität einbüßt.

 

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