Macht, Machtlosigkeit und eine Münzsammlung

Das Titelblatt des 6. Bandes der Gesamtausgabe der Münzsammlung des Geschlechts der Farnese.

Paolo Pedrusi, I Cesari in Metallo Grande da Giulio Cesare sino a L. Elio, raccolti nel Farnese Museo. Band 6

Publiziert in Parma 1714

 

Viel wissen wir nicht über den Jesuiten Paolo Pedrusi (*1644, +1720), den Autor dieses Buchs. Die Publikation der Münzsammlung des Hauses Farnese war sein Lebenswerk. Und trotzdem war er selbst nicht wichtig. Er war austauschbares Werkzeug des Herzogs, der Wert darauf legte, der ganzen gebildeten Welt mitzuteilen, über was für eine bedeutende Sammlung das Haus Farnese verfügte. Warum aber war das von Bedeutung? Welche politische Botschaft war damit verbunden?

Wer das Buch aufschlug, begegnete sofort dem Eigentümer der Sammlung, dem Herzog von Parma und Piacenza. Sein Name ist übrigens auch auf dem Titel weitaus größer geschrieben als der des Autors.

Ein machtloser Fürst und seine Sammlung

Um zu verstehen, welche Funktion eine Münzsammlung während des ausgehenden Barocks hatte, müssen wir uns nur den Kupferstich ansehen, der in unserer Ausgabe gegenüber dem Titelblatt eingebunden ist. Er zeigt Francesco Farnese, ihren Besitzer, Herzog von Parma und Piacenza. Über ihm schwebt Fama, die öffentliche Meinung, und verkündet mit ihrer Trompete seinen Ruhm. Der Behang der Trompete zeigt die römische Wölfin mit den beiden Zwillingen und nimmt damit Bezug auf die römischen Münzen der Publikation. Rechts unten sehen wir Minerva, die der Barock als eine Göttin des Wissens interpretierte. Der Fürst selbst steht links, hoch aufgerichtet, in voller Rüstung mit Allonge-Perücke. Er legt seine rechte Hand auf die Bücher, die ihm gewidmet sind. In der linken Hand hält er den Lorbeerkranz des Siegers.

Doch im realen Leben war Francesco I. sicher kein Siegertyp, ganz im Gegenteil. Er war als Herzog von Parma und Piacenza ein ziemlich mediokrer Herrscher, den die zeitgenössischen Großmächte für schwach und damit angreifbar hielten. Obwohl Francesco zu Beginn des Spanischen Erbfolgekriegs öffentlich seine Neutralität erklärte, okkupierte Prinz Eugen im Namen des Kaisers einen Teil des Herzogtums. Als Francesco protestierte, versprach Kaiser Leopold I. vollmundig eine Entschädigung, die nie ausgezahlt wurde. Warum auch? Francesco war machtlos. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs beanspruchten die Österreicher gar mit Hilfe des Papstes Francescos Territorium als Teil ihres gerade eben gewonnenen Herzogtums Mailand.

Man möchte nun glauben, dass ein Fürst wie Francesco, der in einem kriegerischen Umfeld um das Überleben seines Staats kämpfte, anderes zu tun gehabt hätte, als seine Münzsammlung zu publizieren. Doch im Barock war eine umfangreiche Münzsammlung etwas, mit dem man durchaus punkten konnte. Sie zeugte nämlich von den politischen Verbindungen ihres Besitzers.

Die Sammlung Farnese

Während man heute lediglich Geld braucht, um sehr schnell eine gute Sammlung aufzubauen, war dies in der Frühzeit des Sammelns anders. Die Sammlung spiegelte die Bedeutung des Sammlers. Der Sammler – in ganz wenigen Ausnahmefällen die Sammlerin – erhielt die Objekte nur dank guter Verbindungen zu gebildeten und mächtigen Männern in ganz Europa. Es galt also der Umkehrschluss: Wer eine umfangreiche Sammlung besaß, musste ein machtvoller Mann sein.

Und das war der Gründer der Sammlung Farnese sicherlich. Alessandro Farnese brachte es bis zum höchsten kirchlichen Amt. Als Papst Paul III. hatte er alle Möglichkeiten: So verlieh er seiner eigenen Familie (und damit sich selbst) das Privileg, Ausgrabungen in Rom durchzuführen und die dabei gefundenen Statuen zu behalten. Noch heute kennt die Archäologie einige besonders bedeutende Objekte davon als „Hercules Farnese“ oder den „Farnesischen Stier“.

Paul III. amtierte zwischen 1534 und 1549. Damals stand das Zölibat unter heftiger Kritik – nicht nur bei den Protestanten, sondern auch in fortschrittlichen katholischen Kreisen. Dabei ging es sicher nicht um Fragen der Frömmigkeit oder der Askese. Es war in erster Linie ein wirtschaftliches Thema: Die ihrer Familie verbundenen katholischen Geistlichen von Adel waren nicht willens, ihren während der Amtszeit angehäuften persönlichen Besitz der Kirche zukommen zu lassen! Wer einen (illegitimen) Sohn hatte, wollte für sein Kind sorgen!

Auch Paul III. hatte nicht nur Neffen, sondern einen eigenen Sohn. Für ihn richtete er das Herzogtum Parma ein. Dorthin wanderte die päpstliche Sammlung nach dem Tod von Paul III. Deshalb besaß Francesco, Ururururenkel des Papstes, in seiner Residenz zwar eine Sammlung von Weltrang, und das obwohl er selbst über keinerlei Macht und Einfluss mehr verfügte.

Die barocke Bühne

Doch gerade wer im Barock machtlos war, musste nach außen hin so tun, als wären seine Mittel unbegrenzt. Für Francesco war seine Sammlung das Pfund, mit dem er wuchern konnte. Wer wusste schon außerhalb Italiens, wie hoch verschuldet er war? Indem er durch eine aufwändige Publikation der Münzen zeigte, dass es seine Sammlung durchaus mit der des Kaisers oder des spanischen Königs aufnehmen konnte, beeindruckte er diejenigen unter seinen Zeitgenossen, die sich in den italienischen Verhältnissen nicht allzu gut auskannten.

Francescos Bemühungen blieben nicht völlig erfolglos: Es war ein diplomatischer Coup, als er, der kleine, verarmte, unbedeutende Fürst von Parma, 1714 seine Stieftochter Elisabetta an den gerade eben verwitweten spanischen König Philipp V. verheiraten konnte. Auch dank der Sammlung galt das Herzogtum Parma als begehrenswert, und es stand im Raum, dass Francescos im Jahr 1714 bereits 44jährige Gattin keine Kinder mehr gebären würde. Damit gab es – außer einem unverheirateten Bruder – keine offiziellen Erben, so dass Philipp V. wusste, dass das Herzogtum Parma mit der Sammlung an seinen und Elisabettas Sohn fallen würde. Doch auch für Francesco hatte dieser Deal einen klaren Vorteil: Solange er lebte, schützte Spanien sein Herzogtum!

Der Umzug der Sammlung

Danach allerdings wurde die Sammlung abtransportiert. Karl nahm sie in sein Königreich Neapel und Sizilien. Dort ist sie noch heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel. Die Statuen stehen in den zahllosen Sälen des Museums. Die Münzsammlung dagegen liegt im – meist geschlossenen – Zwischengeschoss. Ein trauriges Schicksal für diese damals auch politisch so wichtige Sammlung, die von Paolo Pedrusi so liebevoll und aufwändig publiziert wurde.

Paolo Pedrusis Buch zeugt davon, dass die Numismatik viele Jahrhundert lang viel mehr war als eine Wissenschaft. Sie war ein Gebiet, auf dem die Herrscher wetteiferten. Wer es hier weit brachte, den hielt man auch für politisch einflussreich. Und damit konnte so mancher Fürst überspielen, dass sein Reich den Zenit längst überschritten hatte.

 

Alle Bände dieses beeindruckenden Werks können Sie in der digitalen Bibliothek des Hathi Trusts herunterladen. Den hier vorgestellten Band finden Sie unter Nummer 6.

Allzu viel sieht man auf der Seite des archäologischen Museums von Neapel leider nicht zum Thema Numismatik, aber immerhin.

Übrigens, viele der Stücke aus der Sammlung Farnese wurden erstmals fotographisch publiziert, als im Februar 1977 fast 6.000 Stücke aus dem damals schon zumeist geschlossenen Münzkabinett von Neapel gestohlen wurden. Die IAPN widmete ihnen ein eigenes Heft. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.