Lukans „Bürgerkrieg“: Gemetzel ohne Gott

M. Annaei Lucani Pharsalia sive De Bello Civili Caesaris, & Pompeji Libri X.

Herausgegeben von Hugo Grotius, gedruckt bei Stefano Curti in Venedig, 1679.

Hugo Grotius hatte sich in seiner Heimat viele Feinde gemacht mit seinen toleranten, aufgeklärten und gemäßigten Positionen. Nach einer dramatischen Flucht aus der Haft fand der Niederländer 1621 Zuflucht beim französischen König. 1626, in der Zeit seines Exils, veröffentlichte er neben rechtsphilosophischen Schriften auch antike Werke, darunter die „Pharsalia“, in denen der römische Dichter Lukan den Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius besingt. Eigentlich darf Grotius’ Wahl nicht verwundern, herrschte doch auch zu seiner Zeit ein blutiges Schlachten in Europa: der Dreißigjährige Krieg. Es gab so manche Parallele zwischen dem antiken Dichter und seinem neuzeitlichen Herausgeber.

Hugo Grotius verdankte der Literatur tatsächlich die Flucht aus der Gefangenschaft. Statt ausgeliehene Bücher zurückzuschicken, versteckte er sich selbst in einer Bücherkiste und floh nach Paris. Illustration von G. Sibelius, 1771.

Grotius – Wunderkind auf der Flucht

Der Calvinist Hugo Grotius sprach und schrieb bereits mit 12 Jahren fließend Latein und Griechisch, dichtete elegant und studierte an der Universität. Mit 16 hatte er seine Zulassung als Staatsanwalt in der Tasche. Doch sein wiederholtes Eintreten für gemäßigt calvinistische Positionen und seine Ansicht, der Staat dürfe auch über kirchliche Angelegenheiten entscheiden, zeugte von standhaftem Eintreten für seine Überzeugungen – oder schlichtweg von politischer Naivität. Das einstige Wunderkind landete im Gefängnis und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Die verbrachte er mit seiner Familie in Schloss Loevestein, von wo aus er weiterhin publizieren durfte. Da es im 17. Jahrhundert noch kein Internet gab, gewährte man ihm das Privileg, sich zu Studienzwecken Bücher liefern zu dürfen. Natürlich musste Grotius die wieder zurückgeben – und das war sein Glück. Mithilfe seiner Frau versteckte er sich in einer solchen Rückgabekiste und setzte sich nach Paris ab. Unter dem Schutz Ludwigs XIII. schrieb er 1625 sein Hauptwerk: „Das Recht in Friedens- und Kriegszeiten“. Grotius setzte sich in seiner Toleranz dafür ein, ein allgemein bindendes Völkerrecht zu schaffen, das unterschiedliche Rechtstraditionen berücksichtigen sollte. Außerdem fand er, dass kein einzelnes Land Anspruch auf das Meer erheben dürfe. Das war natürlich unerhört im Zeitalter der Seemächte! In dieser Situation veröffentlichte Grotius 1626 seine Lukan-Ausgabe. Bald darauf wurde sein Leben wieder unsteter und er zog an verschiedene Höfe, wirkte als Diplomat und saß doch oft zwischen den Stühlen. Ausgestoßen aus seiner Heimat wird er sich mehr als einmal dem antiken Dichter Lukan verbunden gefühlt haben.

Nach der Ermordung seiner Mutter soll Nero sich mit Zweifeln gequält haben – jedenfalls im Gemälde von John William Waterhouse (1878). Als sich Lukan, der vielleicht genialste Dichter seiner Zeit auf kaiserlichen Befehl selbst getötet hatte, wird der ambitionierte Hobbyverseschmied eher aufgeatmet haben, dass sein begabter Konkurrent ihn nicht mehr in den Schatten stellen konnte.

Lukan – Wunderkind ohne Fortune

Auch Marcus Annaeus Lucanus (Rufname Lukan) galt als Wunderkind auf dem Gebiet der Dichtung. Das lag wohl in der Familie: Der Vater war ein berühmter Redner, sein Onkel der Bestsellerautor Seneca. Richtig, der Seneca, der als Philosoph den Jungspund Nero in der Spur halten sollte. Erfolglos wie wir wissen. Damals nahm Nero, der sich selbst schon als größten Dichter aller Zeiten sah, den Shootingstar der Literaturkreise an seinem Hof auf. Doch als er merkte, dass Lukan in seinem Witz, seiner geschliffenen Sprache, den neuen Bildern und seinem kraftvollen Ausdruck jeden Konkurrenten neben sich verblassen ließ, entzog er ihm gnadenlos seine Gunst. Die Konsequenz: Berufsverbot gefolgt von einer lapidaren Anweisung zum Selbstmord im Jahr 65. Da war der produktive Lukan keine 26 Jahre alt gewesen und hinterließ sein Hauptwerk unvollendet, die „Pharsalia“.

Mit Cäsars Überschreitung des Rubico – hier in einem Gemälde von Adolphe Yvon (1875) – beginnt Lukans Bürgerkriegsepos.

Pharsalia – existenzialistisches Gemetzel ohne Götter

Ihnen sagt der Name nichts, obwohl Sie Latein in der Schule hatten? Kein Wunder. Lukan schreibt wirklich sehr anspruchsvoll. So anspruchsvoll, dass man das den letzten Generationen von Lateinschülern nicht mehr zumuten konnte. Dabei lohnt die Lektüre! Der Name spielt an auf die entscheidende Schlacht bei Pharsalos zwischen Caesar und Pompejus im Jahr 48 v. Chr., tatsächlich war der eigentliche Titel „Über den Bürgerkrieg“.

Das Werk ließ schon die Zeitgenossen sprachlos zurück, es changierte zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung. Formal ein Epos in Versen, inhaltlich voller persönlicher Kommentare des Autors, wie man es aus der Historiographie kannte. Lukan arbeitete feine psychologische Studien ein und vor allem: Sein Werk kam ohne den ansonsten üblichen Götterapparat aus. Denken wir an Ilias oder Aeneis, was sie ohne die strahlenden Olympier gewesen? Obwohl Lukan sich ganz unbescheiden mit Homer und Vergil verglich, wirbelt bei ihm höchstens mal die launische Fortuna die Geschicke durcheinander. Ganz im Sinne des modernen Existenzialismus à la Sartre waren die Menschen in ihrem Elend auf sich selbst zurückgeworfen, Caesar ein dämonischer, kaum zu bremsender Rambo, der über Leichenhaufen ging, um seine Ziele zu erreichen. Die republikanischen Gegenspieler hatten die moralische Erhabenheit gepachtet, aber gerade das Einhalten ethischer Werte ließ sie unterliegen.

Doch hier heißt es aufgepasst: Sicher wollte Lukan Nero nur durch einen besseren Kaiser ersetzen, nicht aber die Monarchie abschaffen. Dieses Missverständnis machten viele „Republikaner“ in späteren Zeiten. Auch Grotius wird bei Lukan immer wieder seine eigene antimonarchische Haltung gefunden haben. Schließlich hatte sich Grotius selbst als junger Mann vehement dafür ausgesprochen, dass die Niederlande eine aristokratische Republik bleiben sollten. (Das hinderte ihn nicht daran, im Exil verschiedenen Monarchen zu dienen …) Während also in Europas Gemetzel die säkularen Interessen eher schlecht als recht von einem religiösen Deckmäntelchen verbrämt wurden, das bereits in Fetzen herunterhing, legte Grotius Lukans Bürgerkriegsepos vor, dessen sprachliche Schönheit atemberaubend war und das man durchaus als Absage an überzogene Selbstverwirklichungstrips machthungriger Duodezfürsten verstehen konnte.

Lukan: Inspiration und Messlatte

Unsere Ausgabe ist ein späterer Nachdruck von 1679, einer von vielen, wie man sagen muss, denn diese Edition war sehr beliebt. Damals war Grotius schon seit einer Generation tot. Doch Lukan war en vogue. Eigentlich war Lukan immer beliebt gewesen. In der christlichen Spätantike gefiel den Gläubigen die Abwesenheit der heidnischen Götter, im Mittelalter las man Lukan als wichtige historische Schrift zur römischen Geschichte. Und Grotius’ Zeitgenossen schätzten endlich Lukans sprachliche Kraft. Es gab Nachdichtungen, Neudichtungen und unzählige Anleihen und Anspielungen. Man inspirierte sich an den ausgefallenen Bildern des jungen Genies. Man erkannte, dass sich auch Erlebtes und Historisches in Versform verarbeiten ließ. In Shakespeares Römerdramen finden sich Spuren und Lukans Hexe Erichtho erhält einen Auftritt in Goethes Klassischer Walpurgisnacht. Während der Französischen Revolution trugen die Säbel der Gardisten ein Lukanzitat eingraviert (4,579: „Man beachtet nicht, dass es Schwerter gibt, damit niemand Sklave sei.“). Philologische Arbeiten wie die von Hugo Grotius dienten der intensiven Rezeption als Grundlage. Von diesen Texten ausgehend gab es schon zu Grotius’ Zeit Übersetzungen. Aber wer ernsthaft Lukan lesen wollte, brauchte einen verlässlichen Originaltext.

Und warum kennen wir Lukan heute nicht mehr? Lukan verlangt Zeit in der Lektüre – wie jede komplexe Literatur. Das ist sicher ebenso wenig in Mode wie die großen Gestalten der römischen Republik. Aber wenn wir hinter die Figuren schauen, eröffnet sich uns eine pralle Welt voller Vorstellungen – wie die von den Menschen, die ohne göttliches Eingreifen in der Welt bestehen müssen –, sprachlicher Bilder und einer mitreißenden Sprache, die uns heute ebenso begeistern können wie im 17. Jahrhundert die Käufer von Grotius’ Ausgabe.

 

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Die ursprüngliche Ausgabe von 1626 finden Sie als Digitalisat in der Datenbank der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.