Licht, Farbe, Schatten

Gotthard Jedlicka, Ein Spanisches Bettelmädchen/ Sommerlicht in Madrid.

Herausgegeben in Olten 1958. Achtzigste Publikation der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, im Auftrag von William Matheson.

 

Frage: Warum schreibt ein Kunsthistoriker Kurzgeschichten? Was sind das für Geschichten? Und sind sie lesenswert? In wenigen Worten: Erstens, es sind keine Kurzgeschichten im eigentlichen Sinne, sondern persönliche Erlebnisse aus seiner Zeit in Madrid, die der Autor notiert hat. Zweitens geht es, ganz wie die Titel der beiden Texte vorwegnehmen, um eine Begegnung mit einem spanischen Bettelmädchen und um das Sommerlicht in Madrid. Drittens: Die Gedanken zum Licht in der Malerei sind lesenswert. Das mit dem Bettelmädchen – nun, sagen wir so, ich habe es für Sie gelesen und das genügt wohl auch.

Georges Braque, einer der ‚Fauvisten‘. Viaduc de l’Estaque (1907-08).

Der Kunstkenner aus der Schweiz

Gotthard Jedlicka (geb. 1899), der Autor unseres heutigen Büchleins, war ein bekannter Schweizer Kunsthistoriker. Er lehrte bis zu seinem Tod 1965 an der Universität in Zürich und verfasste mehr als 40 Bücher und 700 Artikel über Kunstgeschichte und ihre Protagonisten: über Impressionismus und Fauvismus, über Henri de Toulouse-Lautrec, Pieter Breughel, Édouard Manet, Henri Matisse und Pablo Picasso.

Madrider Vignetten

Jedlicka muss wohl mindestens einmal in seinem Leben längere Zeit in Madrid gelebt haben. Womit er seine Zeit verbrachte? Mit Pradobesuchen (vielen!), danach „lesend und schreibend, träumend und notierend in [s]einem dunklen Hotelzimmer“. Zwei Vignetten – also kurze, impressionistische Texte – aus seiner Madrider Zeit sind uns erhalten: „Ein spanisches Bettelmädchen“ heißt die eine, „Sommerlicht in Madrid“ die andere.

Wie genau sie zur Publikation in die Hände der Oltner Bücherfreunde gelangt sind, wissen wir nicht. Da die limitierte Ausgabe jedoch noch zu Jedlickas Lebzeiten erschien und vom Autor handsigniert wurde, liegt eine persönliche Verbindung zum Oltner Verleger William Matheson nahe. Der hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seltene, noch nie veröffentlichte oder verschollene Texte einem kleinen Publikum von Bücherliebhabern zugänglich zu machen. Das erklärt den Seltenheitswert dieses Buches. Sie finden die Texte von Jedlicka nämlich sonst nirgends frei im Internet – nicht als PDF, nicht als Digitalisat. Sie tauchen noch nicht einmal in Werkverzeichnissen auf.

Genauso verhält es sich mit vielen anderen Texten aus der Oltner Bücherschmiede: Wenn Sie sie lesen möchten, müssen Sie sie (antiquarisch) erwerben. Oder natürlich unsere Buchvorstellungen auf Bookophile lesen – dann erzählen wir Ihnen, was drinsteht. Hier zum Beispiel in der Oltner Ausgabe von Hermann Hesses Erwin.

Sommerlicht in Madrid

Jedlickas Blick war durch seine lange Tätigkeit als Kunstkritiker geschult. Er nahm Farben, Proportionen, Licht und Schatten anders wahr als wir. Und so fiel ihm in seiner Madrider Zeit etwas auf, was den meisten anderen Besuchern wohl entgangen wäre: das außergewöhnliche Sommerlicht in der Stadt. Ein Licht, dessen besondere Qualität ihn Tag für Tag begeisterte – aber lassen wir den Autor selbst sprechen:

„Ein Licht, das ein Haus, eine Mauer, Mensch, Tier, Baum, jeden Gegenstand plastisch in einer überhöhten, abstrakten Körperlichkeit erscheinen läßt, das nicht nur über der Erde, den Menschen und Gegenständen liegt, sondern in ihnen selber seinen Ursprung zu haben scheint: ein Licht, das aus jedem Körper, jedem Gegenstand ununterbrochen, in gleichmäßiger Dichtigkeit, eine feine, strahlige Substanz abgibt, das alle Farben und Farbtöne, in der Nähe und in der Ferne, mit einem feinen, glanzsteigernden Firnis überzieht: eine gelbe Fassade, die grob gemörtelt ist, wie Alabaster leuchten macht, die grauen, rötlichen, roten Dächer schimmern läßt, das Hauptpostgebäude von Madrid, das in meinem Blickfeld liegt, in einen Märchenbau verwandelt, den grauschwarzen Asphalt […] mit einer von Diamantsplittern durchsetzten Samtschicht überzieht, die Schriften und Schriftbänder auf den Palastfassaden, den Hausmauern und Holzwänden der kleinen Kioske zu Leuchtschriften steigert, die Farbe der Markisen – Grün, Orange, Blau –, das Grün der Rasen, Bäume und Sträucher, die in den Rasenflächen stehen, so hervortreten läßt, daß alle diese Farben wie mit einer dünnen, glänzenden Haut überzogen wirken.“

Francisco de Goya, Pradera de San Isidro (1788).

Das Licht in Madrid – heimlicher Held der spanischen Malerei?

So eingenommen, so verzaubert ist Jedlicka von diesem Spektakel, dass er sich fragt: Warum haben nicht alle Maler der spanischen Tradition dieses Licht zum Mittelpunkt ihrer Bilder gemacht? Wenn der Künstler versucht, die eigene Lebenswelt einzufangen, warum ist dieses magische Licht nicht der Held der spanischen Malerei geworden? Immer wieder streift er durch das Prado, betrachtet die großen Meister: Greco, Velázquez, Goya. Doch er findet die Gemälde von zwei Farben dominiert: rot und schwarz. In einem einzigen Werk von Goya meint er, das Sommerlicht zu entdecken; „Pradera de San Isidro“, es zeigt eine Ansicht der Ufer des Manzanares.

Wie kann das sein? Jedlicka findet die Erklärung darin, dass Kunst eben doch nicht immer das abbildet, was den Maler umgibt. Vielmehr entsteht sie oft als Gegensatz zu dem, was ist. Als die Großstädte im frühen 20. Jahrhundert immer voller und hektischer wurden, bevölkert von Automobilen und Straßenbahnen, malte Mondrian dagegen quadratische Flächen in gelb, rot, blau, in größtmöglicher Einfachheit. Und vielleicht haben die Spanier gegen die Übermacht dieses allgegenwärtigen Lichts in ihrer Kunst gerade die Dunkelheit gesucht.

Man merkt, dass Jedlicka hier in seinem Metier ist. Über Kunst schreiben, das kann er. So hinterlässt die Ausgabe aus Olten einen gemischten Gesamteindruck: Die literarische Welt hätte es wohl verschmerzen können, wenn diese zwei kurzen Texte nie im Druck erschienen wären. Gleichzeitig entdeckt so vielleicht auch der ein oder andere Bibliophile mit Jedlicka seinen Kunstsinn und schult damit sein Auge für Licht, Schatten und Farben des Lebens…

 

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