Johannes Stumpf, Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten, Landen und Völckeren Chronick wirdiger Thaaten Beschreybung

Gedruckt von Christoph Froschauer, Zürich 1548

Druckermarke des Christoph Froschauer

Nein, neutral kann man weder Johannes Stumpf noch Christoph Froschauer nennen, die gemeinsam für die „Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten, Landen und Völckeren Chronick wirdiger Thaaten Beschreybung“, auch Reformationschronik genannt, verantwortlich zeichnen.

Johannes Stumpf gehörte zu den engsten Mitarbeitern Zwinglis. Er unterstützte ihn bei seinem Kampf für die Reformation Zürichs. Von seinem Schwiegervater erbte er die Vorarbeiten für eine Chronik, die er im Sinne der Reformation umgestaltete. Er machte seine Chronik zu einem Manifest gegen die Herrschaft der Habsburger, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts für den Katholizismus und den Bund mit der päpstlichen Kirche standen. Wollte man Stumpf glauben, waren die Schweizer immer schon Feinde der Habsburger gewesen – eine gezielte politische Verfälschung, die bis heute tief im Schweizerischen Nationalempfinden verwurzelt ist.

Auch Christoph Froschauer zählte zum engsten Kreis um den Zürcher Reformator. In seinem Haus fand das so genannte „Wurstessen“ statt, eine gezielte Provokation der katholischen Amtskirche in der Fastenzeit. Auch wenn Froschauer in seiner Anfangszeit durchaus auch Ablassbriefe gedruckt hat, setzte er bald seine ganze geballte Medienmacht im Sinne der Reformation und Zwinglis ein.

Natürlich hat der Autor große Verdienste erworben. Doch ohne die verlegerische Großleistung Froschauers wäre der Chronik nie dieser langanhaltende Erfolg beschieden gewesen. Denn der Drucker knüpfte mit seiner Ausgabe an einen in der Schweizer Oberschicht gerne geübten Brauch an. Reiche, mächtige Städte besaßen ihre Bilderchroniken, in denen die Taten ihrer Vorfahren nicht nur schriftlich aufgezeichnet, sondern auch reich illustriert waren. Diese Prachtbände wurden gerne hervorgeholt, wenn es galt, Diplomaten zu beeindrucken oder sich selbst von der eigenen Wichtigkeit zu überzeugen. Dann saß man zusammen, betrachtete die reichen Illustrationen und war stolz auf das eigene Gemeinwesen.

Froschauer gab der protestantischen Oberschicht ihre zeitgemäße Bilderchronik. Er holte sich einen der besten Buchillustratoren der damaligen Zeit ins Haus, den aus Straßburg stammenden Heinrich Vogtherr. Darüber schrieb er am 18. Januar 1545 an den St. Galler Historiker Joachim von Watt: „Um die Chronik steht es folgendermaßen: ich habe seit Martini (= 11. November) den besten Maler, den es derzeit gibt, bei mir im Haus. Ich gebe ihm jede Woche 2 Gulden und Essen und Trinken; er macht nichts anderes, als Holzschnitte für die Chronik. Daran werden keine Kosten gespart!“ Und tatsächlich schuf Vogtherr in relativ kurzer Zeit 400 Holzschnitte, mit denen die Chronik auch für die interessant wurde, die das Lesen nur mit Mühe bewältigten.

Diese Holzschnitte spiegeln die Zeit, in der sie entstanden sind. Ob ein feister Pfaffe als Vertreter der katholischen Kirche die Kommunion reicht und damit das reformatorische Feindbild verkörpert, ob ein Heer mit Gewalthaufen und Kanonen angreift, ob verurteilte Räuber mit glühenden Zangen gezwickt und aufs Rad geflochten werden: die Darstellungen entsprechen dem, was der Künstler aus eigener Beobachtung kannte. Das macht die Chronik so spannend: Sie gibt uns einen Einblick in den Alltag der Zeit Zwinglis, auch wenn Stumpf über ganz andere Länder und eine weit zurückliegende Vergangenheit schreibt.

Denn Stumpf beschränkte sich nicht auf die Schweiz. Er wollte das Geschehen in die gesamteuropäische Geschichte einordnen. Dass er auch für diese Vergangenheit seinen reformatorischen Blickwinkel wählte, schmälert den Wert der Chronik als historische Quelle keinesfalls. Im Gegenteil: Sie zeigt uns, dass jede Zeit ihre eigene Geschichte schreibt, sie in ihrem Sinn interpretiert und nutzt. Und dass wir manchmal aus einem Buch über Geschichte mehr über die Gegenwart des Autors als über die beschriebene Vergangenheit lernen.

Sie können dieses Buch im Original in der Bibliothek des MoneyMuseum sehen.

Die Zürcher Zentralbibliothek verfügt nicht nur über die Handschrift zur Chronik aus der Feder von Stumpf, sondern hat auch den Druck von Froschauer zum virtuellen Durchblättern ins Netz gestellt. Dieser Link bringt sie zur Chronik.