Johann Kißling, Neuzugerichtetes Buß-Beicht- und Communion-Büchlein

Gedruckt von Christian Ludwig Kunst, Berlin 1767

Unsere Welt ist wahrlich nicht so beschaffen, dass man ohne jeglichen Zweifel an einen guten Gott glauben mag. Das war sie noch nie. Und so haben sich die Menschen immer wieder gefragt, wie es denn sein kann, dass ein allmächtiger Gott nicht einschreitet, wenn die Menschheit sich selbst in Kriegen zerfleischt.

Die Antwort, die mancher Prediger des Barock auf diese Frage gab, zielte darauf hin, dass jeder Mensch sich erst einmal selbst vervollkommnen solle. Diese Rückbesinnung auf die ursprünglichen Inhalte der Reformation wird in der Geschichte als Pietismus bezeichnet. Ein Zeugnis dieses neu erwachten Interesses an der eigenen Seele sind die unzähligen Gebetsbüchlein, die im 17. und 18. Jahrhundert gedruckt wurden, um den Christen bei ihrer Suche nach Vollkommenheit zu helfen.

Der protestantische Theologe Johann Kißling hatte sein Buß-, Beicht- und Communion-Büchlein erstmals 1685 publiziert. Die im MoneyMuseum liegende Ausgabe wurde fast ein Jahrhundert später gedruckt, nämlich 1767, allein schon das zeugt von dem gewaltigen Erfolg, den dieses Druckerzeugnis hatte.

 

Heutige Leser dürften das kaum nachvollziehen können: Wenig gibt es an dem Buch, was das Auge zu fesseln vermag. Das schlägt sich auf den Preis solcher Publikationen nieder: Sie sind derzeit unglaublich billig zu haben, selbst wenn sie – anders als das hier vorliegende Beispiel – reich bebildert und schön gebunden sind. 30 Franken hat dieses kleine Buch gekostet. Es stammt aus einer kirchlichen Bibliothek in dem winzigen am Balaton gelegenen Ort Felsöörs. Wie es dorthin gekommen ist, wissen wir nicht. Was wir aber wissen ist, dass seine ursprüngliche Besitzerin Charlotte Bruthren hieß und eine geborene Krüger war.

Sie hat nämlich auf den letzten beiden Seiten ihres viel benutzten Gebetsbuches die Geburten ihrer fünf Söhne in den Jahren zwischen 1781 und 1794 verzeichnet. Und einer von ihnen vertraute viele Jahre später, im März des Jahres 1828, den Tod der Mutter dem Gebetsbuch an. Sie starb am Nachmittag des 12. März um 1 Uhr und ihr Todeskampf hatte nur wenige Stunden, nämlich von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachmittags gedauert. Bis zuletzt, erzählt ihr Sohn, war sie geistig völlig klar und aufmerksam.

Wie wir uns das Sterben der Mutter vorstellen können, zeigen unzählige Altarbilder, die dem Tod Mariens gewidmet sind: Verwandte und Nachbarn haben sich im Zimmer der Sterbenden versammelt. Am Kopfende des Bettes stehen die brennenden Sterbekerzen, die – wie Taufkerze den Eintritt ins christliche Leben – nun dessen Ende dokumentieren. Einer der Anwesenden liest aus einem Gebetsbuch vor, um die Sterbende, ja vielleicht mehr noch die Hinterbliebenen zu trösten. Wahrscheinlich benutzte man beim Tod der Charlotte Bruthren genau dieses Gebetsbuch für diesen Zweck.

Ist der Wert, den dieses Zeugnis eines menschlichen Lebens und eines menschlichen Endes hat, mit 30 Franken richtig beschrieben?

Sie können dieses Buch im Original in der Bibliothek des MoneyMuseum sehen.

Wenn Sie mehr über die Glaubensrichtung des Pietismus wissen wollen, empfehlen wir Ihnen den passenden Wikipedia-Artikel.