Gerechtes Geld in einer ungerechten Zeit

Johannes Adler, Opusculum de Potestate et Vtilitate Monetarium.

Publiziert bei Jakob Köbel in Oppenheim, 1516.

 

Wenn wir zu verstehen versuchen, wie Geld in der Vergangenheit funktionierte, stehen wir vor einem grundsätzlichen Problem: Die Edelmetallhaltigen Münzen früherer Jahrhunderte sind etwas völlig anderes als modernes Fiat-Geld. Und doch kommen dem modernen Leser manche Probleme derer, die auf das Geld ihres Landesherren angewiesen waren, schrecklich vertraut vor.

Auch sie stellten sich die Frage, was ein Inhaber des Münzprivilegs zu tun berechtigt sei und was nicht. Einer der Männer, die das Vorgehen ihres Fürsten in Frage stellte, war Johannes Aquila. Er publizierte 1516 ein „Opusculum“ über die Macht und Nützlichkeit des Geldes. Dem MoneyMuseum ist es gelungen, Adlers Werk für seine Büchersammlung zu erwerben. Wir nehmen dies zum Anlass, etwas zu dessen historischem Hintergrund zu schreiben.

Veränderungen auf dem Weltmarkt

Ob Gold, Silber oder Platin, das Edelmetall, aus dem eine Münze besteht, ist zunächst nichts anderes als eine Handelsware, die in Form einer Münze oder eines Barren auf jedem Markt der Welt gehandelt werden kann. Dies galt natürlich auch für die Zeit, mit der wir uns hier beschäftigen, für das erste Drittel des 16. Jahrhunderts.

Diese Epoche war geprägt von einem großen Silbermangel und einem enormen Preisanstieg für das wichtige Münzmetall. Dafür gab es mehrere Gründe. Die Zahl der Menschen nahm zu. Ihr Einkommen wuchs. Der Tauschhandel entwickelte sich rasant zu einer vom Geld beherrschten Marktwirtschaft. Und als wäre all das noch nicht genug, benötigten die Portugiesen plötzlich riesige Mengen von Silber, um an all die Gewürze und Luxuswaren des Fernen Ostens zu kommen. Kurz, Silber, aus dem man Münzen prägen konnte, wurde zu einer Mangelware in Europa.

Das Heilige Römische Reich war besonders schwer von diesem Silbermangel betroffen, und das obwohl einige Bergbaugebiete wie Schwaz in Tirol oder Annaberg in Sachsen in dieser Zeit ihre Blüte erlebten. Doch nicht das Volk kam in den Besitz des Silbers, sondern große Kaufmannsfamilien, allen voran die Augsburger Geschlechter der Fugger, Welser und wie sie nicht alle hießen. Sie dachten international, brachten das Silber zu den Märkten, die am meisten Profit versprachen. Sie investierten es in Kredite für die Herren Europas, kauften dafür in Nordeuropa kostbare Pelze und das wertvolle Bienenwachs, mit dem man die Kirchen beleuchtete. Silber floss nach Osteuropa, wo die Rinder gezüchtet wurden, deren Fleisch in den deutschen Kochtöpfen schmorte. Kurz zusammengefasst, Wissenschaftler schätzen heute, dass gerade einmal 20 bis 30 % des geschürften Silbers im Reich blieb.

Die Folge für die Bevölkerung: Immer weniger Getreide kostete immer mehr Silber, das mit immer mehr Arbeit erworben werden musste. Die Deflation brachte für die einfache Bevölkerung einen fühlbaren Rückgang der Lebensqualität. Während wir uns heute in einer vergleichbaren Situation vielleicht nicht mehr alle Lebensmittel leisten könnten, die wir gerne essen würden, bedeutete es um 1500 echten Hunger.

Das lokale Dilemma und seine ungerechte Lösung

Aber werfen wir einen Blick auf das andere Ende des sozialen Spektrums, auf all die Fürsten, Grafen, Reichsritter, Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen und natürlich auf die wohlhabenden Reichsstädte. Sie verfügten damals über mehr als 500 Münzstätten im gesamten Heiligen Römischen Reich, in denen sie ihre Münzen produzieren ließen, mit denen ihre Untertanen gezwungen waren, auf dem lokalen Markt zu zahlen. Und jeder einzelne, der das Recht zur Münzprägung hatte, sah sich vor ein Dilemma gestellt.

Wegen des gestiegenen Silberpreises, kletterte beim bisherigen Münzfuß – also bei altbekanntem Gewicht und der gewohnten Legierung – der intrinsische Wert über den Nominalwert. Mit anderen Worten: Das in der Münze enthaltene Silber war mehr wert als man für diese Münze auf dem Markt kaufen konnte. Die Münzen mussten dieser Situation angepasst werden. Wer seine Münzen nicht anpasste, sprich Gewicht herabsetzte oder die Legierung verschlechterte, der lief Gefahr, dass seine Prägungen aus dem Verkehr verschwanden. Sie wurden gehortet oder eingeschmolzen.

Um weiter funktionsfähiges Geld zu haben, musste ein Fürst also die Münzen verändern. Doch nun war die Versuchung groß: In einem Staatswesen, in dem es noch keine funktionierende Besteuerung gab, erwirtschaftete der Fürst einen Teil seines Einkommens über den Schlagschatz, also über die Differenz zwischen Nominalwert und Herstellungskosten (Silber + Produktion). Je geringer der Silbergehalt, umso größer der Gewinn. Und Geld war existentiell für die „Gloire“ eines Herrschers. Schließlich war ein Fürst zu Pracht, Großzügigkeit und spektakulärem Auftreten geradezu verpflichtet.

Auf der anderen Seite war der Fürst der größte Zahlungsempfänger eines Landes. Wenn er nun seine Münzen verschlechterte, ging sein Einkommen zurück, weil ja auch er mit schlechteren Münzen bezahlt wurde.

Um nicht in diesem Dilemma gefangen zu sein, ordneten die meisten hohen Herren an, dass das, was an die Staatskasse zu zahlen sei, in Gold oder den neuen Guldinern – Silbermünzen im Wert eines Goldgulden – entrichtet werden musste. Und damit besteuerten sie ihre Untertanen ein weiteres Mal: Die mussten nämlich ein hohes Aufgeld beim Geldwechsel zahlen, um ihre Pfennige und Heller, die sie mit ihren Verkäufen auf dem Markt verdient hatten, gegen die Münzen einzutauschen, die von der Staatskasse akzeptiert wurden.

Auch wenn diese Bestrafung eines Bauernführers erst 1525 vollzogen wurde, dürften die Urteile gegen die Angehörigen des „Armen Konrad“ nicht milder ausgefallen sein. Holzstich von 1551.

Die Situation in Württemberg

Auch dort, wo der Autor unseres Büchleins lebte, fühlten sich die einfachen Leute ungerecht behandelt. Sie hatten das Pech, einen ehrgeizigen Halbstarken als Herrscher zu haben, der seinen Ruhm in das Zentrum des Universums stellte und für den sich Wirtschaftspolitik auf die Frage beschränkte, wie er an das nötige Bargeld kam, um sich jeden seiner Wünsche erfüllen zu können.

Während der Herzog das Geld für den ihm standesgemäß dünkenden Luxus verprasste, hungerten die Handwerker, Bauern und Tagelöhner. Die Münzen, mit denen sie bezahlt wurden, hatten bereits vor der Machtübernahme Ulrichs bis zu einem Drittel an Feingehalt und damit an Wert verloren. Nun kamen auch noch Missernten dazu. Innert kürzester Zeit stieg der Preis für einen Scheffel Getreide auf fast das Sechsfache!

Und dann beschloss Herzog Ulrich zu allem Überfluss auch noch in den Krieg ziehen. Damals wie heute die kostspieligste aller Unternehmungen. Finanziert werden sollte das über eine zusätzliche Verbrauchssteuer auf Fleisch, Wein und Getreide. Das war zu viel. Die Untertanen probten den Aufstand. Er ist als der „Arme Konrad“ in die Geschichte eingegangen.

Die Rebellen forderten grundsätzliche Änderungen: Unter anderem das Recht, ihre Steuern nicht mit den vom Herzog vorgeschriebenen Münzen zu zahlen, sondern mit denen, die sie auf dem Markt benutzten. Die einfachen Tagelöhner, Bauern und Handwerker verstanden durchaus, auf welche Art und Weise sie die Obrigkeit ausbeutete.

Der Aufstand endete, wie alle Bauernaufstände der damaligen Zeit endeten: Mit seiner Niederschlagung und einer drakonischen Strafaktion. 1.700 Aufständische wurden gefangen genommen, gefoltert und mit dem Tode bestraft.

Und nicht einmal zwei Jahre nach dem Ende dieses Aufstands publizierte der Tübinger Jurist Johannes Adler sein Buch über die Macht und Nützlichkeit des Geldes, übrigens nicht im Herrschaftsbereich von Herzog Ulrich, sondern in Oppenheim am Rhein, einer freien Reichsstadt, die weder der württembergischen Zensur noch der württembergischen Gerichtsbarkeit unterworfen war.

Johannes Adler, Jurist mit einer eigenen Meinung

Johannes Adler, mit bürgerlichem Namen Johannes Gentner, wurde irgendwann zwischen 1470 und 1475 in der Nähe von Schwäbisch Hall geboren. Nach seinem Geburtort nannte sich der Gelehrte in bester Humanistentradition Halietus. Nun ist Halietus der lateinische Begriff für Seeadler, was wiederum zu Adler verkürzt und als Aquila latinisiert wurde. Deshalb verwirrt uns der gute Johannes Gentner gelegentlich mit seiner Fülle von Namen.

Ursprünglich in Heidelberg immatrikuliert, wechselte Adler 1490 nach Tübingen, wo er seinen Magister Artium sowie seinen Doktor der beiden Rechte – des zivilen und des kanonischen, also geistlichen – ablegte. 1501 erhielt Adler dort eine Professur. Übrigens nicht seine einzige Tätigkeit, er amtierte seit 1509 als Assessor am württembergischen Hofgericht, gehörte also zu den Beamten, die Herzog Ulrichs Vorgehen aus nächster Nähe beobachten konnten.

Adler publizierte mehrere Bücher, und doch scheint ihm die Aussage seines 1516 veröffentlichten Opusculum über Macht und Nutzen des Geldes besonders wichtig gewesen sein.

Matrjoschka

Matrjoschka nennt sich die russische Schachtelpuppe, bei der sich eine Figur in der anderen versteckt. Ein ganz ähnliches Vorgehen wählte Johannes Adler, als er 1516 in Oppenheim nicht nur sein eigenes Werk über das Geld publizierte, sondern das eines wesentlich bekannteren Kollegen namens Gabriel Biel wieder auflegte, ohne dabei übrigens seine eigene Mitwirkung zu erwähnen, was man bei der Bedeutung der eigenen Reputation in dieser Zeit für äußerst ungewöhnlich halten darf.

Dass Adler hinter diesem Büchlein steckt, ist eine sehr plausible Vermutung heutiger Historiker, die nicht nur die gleichen Buchtitel als Indiz sehen, sondern auch die Tatsache, dass sich die beiden Bände optisch ähneln.

Wahrscheinlich war auch der Drucker, Jakob Köbel, in die Entscheidung, nicht nur das Werk Adlers, sondern gleichzeitig das des schon längst verstorbenen Biel wieder aufzulegen, involviert. Köbel interessierte sich zwar mehr für Mathematik und die Astronomie, was sich an den Titeln seines Verlags spiegelt, doch sein Vater amtierte als pfalzgräflicher Münzbeamter. So kannte also auch Köbel die geldpolitischen Probleme seiner Zeit aus erster Hand.

Wir können davon ausgehen, dass sich die beiden Männer zusammengetan hatten. Sie kannten sich vielleicht schon von einer gemeinsamen Studienzeit in Heidelberg. Oder ein gemeinsamer Freund, der Mathematik- und Astronomieprofessor Johannes Stöffler, hatte sie zusammengebracht. Seine Freundschaft zu Köbel bezeugt eine reiche Korrespondenz, und dass er für Jakob Adler wichtig war, zeigt die Tatsache, dass ihm dieser sein Opusculum über das Geld als seinem geistigen Vater widmete.

Ob nun Köbel, Adler oder Stöffler oder vielleicht alle drei gemeinsam für die Wiederauflage des Werks von Biel verantwortlich waren, sie tarnten mit ihr die eigene Kritik, indem sie einen Wissenschaftler von untadeligem Ruf vorschoben. Gabriel Biel gehörte zu den Gründungsvätern der Tübinger Universität. Ihn hatte Eberhard im Barte höchstpersönlich berufen. Was einer wie Biel geschrieben hatte, das hatte Gewicht in der akademischen Welt Süddeutschlands.

Allerdings hatte Biel kein geldtheoretisches Werk verfasst. Er schrieb einen Kommentar zu einem Kommentar des William von Ockham, mit dem dieser die Lehrsätze eines mittelalterlichen Theologen namens Petrus Lombardus erläutert hatte. Nun hatten weder Ockham noch Petrus Lombardus irgendetwas zum Thema Geld gesagt. Sie hatten sich mit den Sakramenten beschäftigt. Und Biel hatte, als er das Sakrament der Buße behandelte, das Verfälschen von Münzen als illustrierendes Beispiel dafür gewählt, wie sorgsam ein Sachverhalt geprüft werden muss, um festzustellen, welche Art von Buße verhängt werden soll.

Jüngstes Gericht: Links im Bild, deutlich an seinem dicken Geldbeutel zu erkennen, ein Wucherer, der genauso ins Fegefeuer wandert wie der König, der sein Amt missbraucht hat. Gemälde eines Meisters aus Tirol, um 1500.

Lassen Sie es mich noch einmal betonen: Biel schrieb ein theologisches Werk über die Sakramente. Dabei nutzte er die Münzverschlechterung als Beispiel. Adler – vielleicht in Zusammenarbeit mit Köbel und Stöffler – machte daraus ein geldtheoretisches Werk, indem er die Teile, in denen Biel vom Geld handelte, isolierte, mit neuen Überschriften versah und so tat, als handle es sich um ein eigenständiges Werk, als wären diese Zeilen nicht aus dem Zusammenhang gerissen. Nirgendwo findet sich ein Hinweis, dass diese Abhandlung Teil eines größeren Werks ist!

Nikolaus von Oresme in seiner Studierstube.

Die Sünde, falsches Geld zu prägen

Biel war übrigens bei seiner Behandlung des Themas Geld nicht einmal sehr originell. Er bediente sich bei dem damals für seine Abhandlung über die Veränderung der Münzen weithin bekannten Nikolaus von Oresme. Oresme hatte sein Buch um 1358 geschrieben, in einer Zeit, in der der französische König eine enorme Summe Geldes aufbringen musste, um seinen in englische Gefangenschaft geratenen Vater freizukaufen. Doch wie sollte das Geld beschafft werden? Welches Vorgehen war gerecht, welches nicht zu rechtfertigen?

Oresmes Werk ist deshalb von Bedeutung, weil er in diesem Zusammenhang äußerte, dass nicht der Herrscher derjenige sei, der über das Geld gebietet, sondern dass das Wohl der Allgemeinheit bei Münzveränderungen im Mittelpunkt zu stehen habe.

Biel folgt in seinem Tractatus der Argumentation von Oresme: Auch er hält Handel und Geld per se für eine gute Sache. Genauso wie es einen gerechten Preis gibt, der sich zusammensetzt aus dem Bedarf an einem Gut, dessen Seltenheit und dem Aufwand seiner Produktion, gibt es für Biel ein gerechtes Geld, wenn Veränderungen an der Münze ausschließlich zum Wohl des Gemeinwesens vorgenommen werden.

So gibt in seinen Augen sechs Bedingungen dafür, dass es gerecht ist, Bild, Legierung und / oder Gewicht einer Münze zu ändern:

  • Wenn der Silberpreis gestiegen ist
  • Wenn der Schlagschatz dem Gemeinwesen zunutze kommt
  • Wenn die Bürger die Zustimmung zu der Veränderung geben
  • Wenn diese verschlechterten Münzen ausschließlich im betroffenen Herrschaftsbereich kursieren
  • Wenn die zu ersetzenden Münzen alt und abgenutzt sind
  • Wenn die Gefahr droht, die eigenen Münzen mit in betrügerischer Absicht hergestellten Beischlägen zu verwechseln

Verfälscht aber ein Nutzer eine Münze etwa durch Abfeilen von Silber, macht er sich genauso der Todsünde schuldig wie ein Fürst, der aus Gewinnsucht und Hochmut die Münzen in Gewicht oder Legierung zum Schaden des Gemeinwesens verfälscht. So ein Sünder kann nur dann von seiner Sünde freigesprochen werden, wenn er für seinen Diebstahl, denn nichts anderes ist diese Verfälschung, Schadensersatz leistet.

Dabei schwingt natürlich eines immer mit: Fürsten, die Münzen zu ihrem eigenen Nutzen verfälschen, werden beim Jüngsten Gericht dafür Rechenschaft abzulegen haben!

Die Position des Beobachters

Gemessen an diesen Aussagen, wirkt das, was Johannes Adler in seinem namentlich gezeichneten Opusculum über Macht und Nutzen des Geldes schreibt, geradezu harmlos.

Er beschränkt sich auf die Position des Juristen, der dumme Fragen stellt bzw. die rechtliche Position klärt. In seinem theoretischen ersten Teil macht er darauf aufmerksam, dass ein Grundproblem des Juristen die Tatsache ist, dass sich der Wert der Münzen seit der römischen Zeit ständig verändert hat, während die Begriffe, die dafür genutzt werden, dieselben geblieben sind. Und damit stellt sich dem Juristen die Frage, wie er diese mit römischen Namen bezeichneten Münzen in den Alltag der Rechtsprechung zu transformieren hat.

Auch Adler folgt den Aussagen von Oresme und Biel und hält kurz fest, dass die Änderung von Material, Gewicht und Aussehen nur dann gerecht ist, wenn sie mit Zustimmung der Betroffenen vorgenommen wird. Wenn dies nicht geschehen ist, dann begeht auch der Fürst, der eine vollwertige Münze einzieht, um sie durch eine schlechtere Münze ersetzen zu lassen, Betrug. Er begeht eine Todsünde, die ihn – will er davon freigesprochen werden – zur Restitution des Schadens verpflichtet. Und Adler geht noch weiter: Wer eine Münzverfälschung wahrnimmt und nicht anklagt oder verhindert, muss ebenfalls als Münzfälscher bestraft werden.

Das alles wird nicht im Ton der Empörung vorgetragen, sondern in dem trockenen Latein des Juristen, als seien diese Aussagen nicht Anklagen gegen einen Fürsten, der sein Münzprivileg missbraucht, sondern feststehende, juristisch wohl begründete Tatsachen.

Ein Blick in den Alltag

Ergänzt werden diese theoretischen Überlegungen durch konkrete Probleme aus dem Rechtsalltag des Juristen: Das Grundproblem macht Adler daran fest, dass in Rechtstexten – Verträgen, Testamenten, Schenkungen, Darlehen – immer große Summen genannt sind. Wenn es nun zu einer Münzverschlechterung kommt – ob aus gerechten oder ungerechten Gründen – wie geht man dann mit der Summe um? Setzt man den alten oder den neuen Münzwert an?

Schauen wir uns das an einem einleuchtenden Beispiel an. A schließt mit B zu einem Zeitpunkt x einen Vertrag, der A verpflichtet, eine bestimmte Summe Geldes in einer bestimmten Münze zu einem Zeitpunkt y zu zahlen. Nun verändert sich der Wert der genannten Münze zwischen x und y. Welcher Wert ist in so einem Fall anzusetzen?

Oder ein anderes Beispiel: Der Abt von Bebenhausen ist der Lohnherr des Tübinger Pfarrvikars. Der Papst selbst hat die Summe festgesetzt, die der Vikar in regionaler Währung erhalten soll. Nun wurde die lokale Münze durch die (schlechtere) des Herzogs von Württemberg ersetzt. Verliert der Vikar einen Teil seines Lohns?

Und noch ein drittes Beispiel: A leiht sich von B Geld. Zum Zeitpunkt der Auszahlung der Summe ist die Münze wesentlich mehr wert als zum Zeitpunkt der Rückzahlung. Wer trägt den Schaden? Dieselbe Frage stellt sich übrigens bei der Rückzahlung einer Mitgift im Scheidungsfall. Soll für den Wert der Münze der Zeitpunkt der Hochzeit oder der Scheidung angesetzt werden?

So juristisch diese Fragestellungen sich anhören, illustrieren sie doch markant, dass die Münzverschlechterung eines Fürsten kein Verbrechen ohne Opfer ist, sondern dass es bei einem sich ändernden Wert des Geldes ganz klar einen Verlierer gibt.

Dass Johannes Adler seine Beispiele sicher nicht naiv und beliebig ausgewählt hat, zeigt sich an seinem neunten Fallbeispiel: Hier fragt er, ob der Gläubiger auf der Zahlung in einem bestimmten Metall bestehen darf oder ob die Rückzahlung in einem anderen Metall auch gegen den Willen des Gläubigers erfolgen darf. Wir erinnern uns: Die Aufständischen des „Armen Konrad“ hatten sich genau darüber beschwert, dass der Herzog, den man durchaus im Gläubiger erkennen kann, von ihnen die Steuerschulden in harter, unveränderter Münze forderte.

Das Unsagbare sagen

Wir dürfen bei all dem nicht vergessen, dass Johannes Adler im Jahr 1516 nicht nur Professor an der Universität Tübingen war, sondern auch zu Herzog Ulrichs Beamtenapparat gehörte. Er konnte es sich nicht leisten, an seinem Dienstherrn Kritik zu üben. Auf der anderen Seite dürfte er zu den vielen Intellektuellen gehört haben, die eine arrogante und unfähige Obrigkeit kritisieren wollten. Dafür setzte ihm seine berufliche Situation enge Schranken.

Vielleicht kann man aus diesem Zusammenhang verstehen, warum sich Adler – vielleicht in Absprache mit Köbel und Stöffler – des renommierten Theologen Gabriel Biel bediente, um die theologische Seite des Betrugs an den Menschen mit verfälschten Münzen darzustellen. Sein Buch über die praktischen Aspekte dieses Problems wurde nur im Zusammenhang mit dem theologischen Kommentar zu gesellschaftlichem Sprengstoff.

Elitäres Geschwafel oder Vordenker der Bauernkriege?

Adler starb 1518, sechs Jahre bevor der große Bauernkrieg in Süddeutschland begann. Ob seine Überlegungen Auswirkungen auf die Forderungen der Bauern hatten, die ganz klar nicht nur religiöse, sondern vor allem wirtschaftliche Forderungen formulierten? Dazu gehörte zum Beispiel der Protest gegen die ständigen Münzverschlechterungen und die Forderung der Fürsten, die Steuern in anderen Münzen zu zahlen, als auf dem Markt benutzt wurden. Also ganz ähnliche Anliegen, wie sie Johannes Adler in seiner Schrift vorgetragen hatte.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass zumindest die Anführer der Bauernschaft in der Lage waren, Latein zu lesen. Aber wahrscheinlich war das gar nicht notwendig. Wahrscheinlich basierte die Schrift von Johannes Adler auf einer in der Gesellschaft damals weit verbreiteten Auffassung von einem gerechten, wertbeständigen Geld, die sich wegen der globalen Veränderungen nicht aufrecht erhalten ließ. Für die nächsten Jahrhunderte musste ständig zwischen dem Allgemeinwohl und den absolutistischen Tendenzen der Fürsten ein Kompromiss gefunden werden.

Dass die Fürsten zu Beginn des 16. Jahrhunderts am längeren Hebel saßen, wissen wir aus der Geschichte. Wirklich gerechtes Geld schuf erst die französische Revolution.

 

Literatur:

Stefan Kötz, Geldtheorie an der Universität Tübingen um 1500: Die Traktate De potestate et utilitate monetarum des Gabriel Biel (nach 1488/89) und des Johannes Adler gen. Aquila (1516). In: Die Universität Tübingen zwischen Scholastik und Humanismus, Hg. S. Lorenz, U. Köpf, J. S. Freedman und D. R. Bauer. Ostfildern (2012), 117-160

Hendrik Mäkeler, Nicolas Oresme und Gabriel Biel – Zur Geldtheorie im späten Mittelalter. Scripta Mercaturae 37 / 1 (2003), S. 56-94

Philipp Robinson Rössner, Deflation – Devaluation – Rebellion. Geld im Zeitalter der Reformation. Stuttgart (2012)

 

Gekauft haben wir diese bibliophile Kostbarkeit im April 2020 beim Grazer Buch- und Kunstantiquariat Wolfgang Friebes.