Eine Visitenkarte aus Stahl

Johann Conrad Fischer, Tagebuch einer im Jahr 1814 gemachten Reise über Paris nach London und einigen Fabrikstädten Englands vorzüglich in technologischer Hinsicht.

Aarau, 1816

 

Schaffhauser erzählen einem gerne diese Geschichte, wenn sie auf Johann Conrad Fischer zu sprechen kommen: Dem weltweit bekannten, nichtsdestotrotz bescheiden auftretenden Stahlproduzenten sei einst der Zutritt zu einem Fabrikbesitzer verweigert worden. Daraufhin habe er dem Butler statt einer Visitenkarte einen kleinen Würfel seines berühmten Meteorstahls auf das Tablett gelegt. Es habe keine Minute gedauert, bis der Herr des Hauses gelaufen kam: „Entweder Sie sind der Teufel oder Johann Fischer aus Schaffhausen“ soll der zu ihm gesagt haben, ehe er ihn in sein Haus einlud.

 

Zar Alexander I. von Russland besucht am 9./10. Januar 1814 das Stahlwerk von Johann Conrad Fischer. Der an seinem hohen Zweispitz leicht erkennbare Zar wird vom Firmenchef persönlich geführt. Bild: Konzernarchiv der Georg Fischer AG, Schaffhausen. CC-BY 4.0.

Als in Schaffhausen der weltbeste Gussstahl entstand

Johann Conrad Fischer war ein genialer Erfinder, der aus der kleinen Glockengießerei seines Vaters ein Stahlwerk machte, das für die Qualität seiner Produkte weltweite Anerkennung genoss. Fischer spezialisierte sich auf Gussstahl, ein relativ neues Produkt, bei dem Stahl zu Halbzeug gegossen wurde, das erst später seine endgültige Form erhielt. Fischer entwickelte immer neue Legierungen, um seine Produkte zu optimieren. Weltbekannt wurde sein Meteorstahl, der das Grundmaterial Stahl mit Nickel kombinierte.

Schaffhauser Gussstahl aus dem Hause Fischer wurde während der Ersten Weltausstellung 1851 in London präsentiert. Schon zu dem Zeitpunkt war das Produkt in der ganzen Welt bekannt. Nur ein Beispiel aus dem Bereich der Münzen: Die Londoner Royal Mint produzierte einen Teil ihrer Stempel aus Schaffhauser Stahl, ebenso wie die Münzstätten von München und Paris.

Und doch wäre man Fischer gegenüber äußerst ungerecht, würde man ihn auf seine Erfindungen reduzieren. Er war ein wichtiger, richtungsweisender Lokalpolitiker, der vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet auch die Bundespolitik der Eidgenossenschaft beeinflusste. Er war ein liebevoller Ehemann und Vater, der für seine Ehefrau gefühlvolle Gedichte schrieb, und dem die Erziehung seiner sieben Kinder am Herzen lag.

Und last but not least war Fischer ein witziger Tagebuchschreiber.

Industrielle Eisengießerei in Commentry / Frankreich. Kupferstich von 1856.

England am Höhepunkt der Industrialisierung

Wir wissen das, weil Johann Conrad Fischer die Tagebücher seiner Reisen ins Ausland veröffentlichte. Das MoneyMuseum besitzt sein 1816 in Aarau veröffentlichtes Tagebuch, das seiner rund siebenwöchigen Reise nach Großbritannien, gleich nach der Aufhebung der Kontinentalsperre gewidmet war. Fischer hatte 1794/5 in Großbritannien gearbeitet. Er hatte danach sein eigenes Stahlwerk aufgebaut – und nun wollte er genau wissen, wo die britische Konkurrenz ihm gegenüber stand.

Was heute geradezu unvorstellbar wäre, nämlich dass man einen direkten Konkurrenten durch seine Fabrik führt, um ihm die vielen Betriebsgeheimnisse zu verraten, das scheint zu Beginn des 19. Jahrhunderts völlig normal gewesen zu sein. Fischer war Gast bei all den großen und berühmten Fabrikanten in Birmingham und Sheffield. Er wurde von ihnen an den Tisch geladen und durchs Werk geführt, und so ist Fischers Tagebuch eine wunderbare Lektüre für all jene, die sich eine Vorstellung machen wollen, wie ein Fabrikant im Zeitalter der Industrialisierung lebte und dachte. Wir besuchen mit Fischer eine Fabrikantenfamilie am Sonntag. Natürlich wurde das Mittagessen an diesem Tag bereits um 1 Uhr und nicht um 4 Uhr wie gewöhnlich gereicht. Schließlich wollte man der Dienerschaft den Besuch des Gottesdienstes ermöglichen.

Wir begegnen den Söhnen von James Watt, Konstrukteur der ersten Dampfmaschine, und Josiah Wedgwood II, Produzent der berühmten blauen Jasperware mit ihren weißen Applikationen.

Wir nehmen an Fischers zahllosen Fabrikbesichtigungen teil und beobachten, wie Stoffe gewebt, Maschinen konstruiert und zusammengebaut, das berühmte Wedgwood Porzellan geformt, gebrannt, verpackt und Gewehre wie Patronen fabriziert werden.

Stoff zum Nachdenken

Fischer beschreibt das, was er sieht vom Standpunkt eines Fabrikbesitzers aus. Ihn treibt die Neugierde herauszufinden, ob er eine Innovation eventuell in seinem eigenen Betrieb nutzen kann. Und die meisten Leser seiner Bücher werden das genauso gesehen haben. Während wir eher gähnen, wenn es um langatmige Berechnungen geht, dürften Fischers Zeitgenossen diese geradezu „gefressen“ – und wahrscheinlich später für sich nachgerechnet – haben.

Nehmen wir als Beispiel seine Kostenanalyse zur günstigsten Möglichkeit, eine Fabrik zu beleuchten. Als Beispiel dient ihm die wohl größte Spinnerei des Vereinigten Königreichs, die damals gerade komplett auf Gasbeleuchtung umgestellt hatte. Er berechnet bis ins Detail, was sie für Gas ausgeben musste (650 Pfennig) und was Talglichter gekostet hätten (3.000 Pfennig).

Überlegungen wie diese waren für Schweizer Fabrikanten elementar. Schließlich standen sie unter dem Kostendruck, mit den technisch wesentlich weiter fortgeschrittenen Engländern Schritt halten zu können.

 

Reisen vor der Erfindung des Massentourismus

Doch Fischer ist ein viel zu guter Erzähler, um bei solchen Details zu verweilen. Er amüsiert seine technisch nicht so versierten Leser mit humorvollen Schilderungen seiner Reise: Da ist jener dicke Türke, der mit Postkutsche und Fähre von Dover nach Paris fahren soll, aber leider weder Englisch noch Französisch spricht. „Zur lächerlichen aber doch notwendigen Fürsorge hatte ihm das Haus in London, an das er empfohlen war, einen offenen Frachtbrief, wie zu einer Kiste, an das Oberkleid geheftet, und ihn so an seine Korrespondenten in Dover adressiert, mit dem Ansuchen, für seine Überfahrt zu sorgen und ihn auf gleiche Weise nach Paris zu spedieren.“

Oder jener englische Landjunker, der runde hundert Pfund Sterling beim Pferderennen verloren und sich mit Alkohol über sein Schicksal hinweggetröstet hatte: „Nach dieser Herzenserleichterung fing er an zu schnarchen, und in diesem Zustande wurde er auf der nächsten Station zur Kutsche hinausgeschoben.“

Oder die Geschichte in Manchester, als Fischer beinahe in einer „halbe Mördergrube“ hätte übernachten müssen: „Betrunkene Soldaten, auf Tischen und Bänken herum liegende Matrosen, liederliche Weibsbilder und denselben angemessene Gesellschafter bildeten die Versammlung, in der ich mein Nachtquartier aufschlagen sollte.“ Ein Passant rettete den entsetzten Schweizer und brachte ihn in ein ordentliches Gasthaus.

 

Johann Conrad Fischer im Jahr 1854.

Wollen wir diese Form der Industrialisierung?

Fischer bewunderte England. Und doch wurde er kein Fabrikant nach englischem Vorbild. Er betrieb sein Stahlwerk als einen kleinen, patriarchalisch geführten Betrieb, bei dem die Gewinnmaximierung nicht an allererster Stelle stand.

Denn sein genauer Blick hatte in England nicht nur den Fabrikationsmethoden gegolten, sondern auch den Umständen, unter denen die Arbeiter dort lebten. Als er 1851, im Jahr des Londoner Weltausstellung, vor der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft in Glarus eine Rede hielt – und damals gehörten dieser Gesellschaft die wichtigsten Schweizer Wirtschaftsbosse an -, sagte er folgendes: „In England, von wo ich kürzlich zurückgekehrt bin, ist in der Tat Großes, man möchte sagen, fast Unglaubliches, geschehen, und hier ist eben so sehr und fast noch in höherem Grade der Beweis geleistet worden, was das Zusammenwirken einzelner, aber durch Einigkeit und den gleichen Geist beseelte Partner hervorbringen kann, als das imperatorische Wort eines Autokraten früherer Zeit zu schaffen vermochte. … Dieses ist die schönere Seite der Medaille, die uns vor Augen liegt, aber betrachten wir auch die Kehrseite, namentlich der englischen Produzenten, das heißt der eigentlichen Arbeiter, nicht der Herren auf den Schreibstuben, so ist ihr Los trotz des scheinbar großen Tagelohns in der Tat kein beneidenswertes. … Keiner der tausende und abertausende von dortigen Fabrikarbeitern hat sich nur einer Scholle Erdreichs zu erfreuen … Ihn ergötzt der Anblick einer so schönen und mannigfaltigen Natur nicht, die, wenn sie auch vorhanden wäre, ihm der Steinkohlendampf aus tausend und abertausend hohen und niederen Kaminen verbirgt.“

 

Gegner des Freihandels

Fischer kannte Großbritannien und unterschätzte es nicht. Deshalb kämpfte er vehement gegen den Freihandel auf der Seite der Schweizer Handwerker, die sich durch die Importe billiger Massenwaren bedroht sahen. Für ihn machte die Entwicklungsstufe der Industrie den entscheidenden Unterschied. Da die Briten wesentlich günstiger produzierten als all ihre Konkurrenten sah er in Großbritannien den einzigen Nutznießer eines weltweiten Freihandels.

Damit stand Fischer ziemlich alleine unter den Schweizer Industriellen.

Er war eben eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die ganz weit über den Tellerrand geblickt hatte – und uns an seinen Beobachtungen teilhaben lässt. Sein Reisetagebuch ist auch für den heutigen Leser spannende Lektüre.

 

Solange Corona das Reisen unmöglich macht, nutzen Sie die Gelegenheit, einmal nicht durch den Raum, sondern mit Johann Conrad Fischer durch die Zeit zu reisen.