Don Quijote: Lesen ist gefährlich

Michel de Cervantes, Histoire de l’Admirable Don Quichotte de la Manche.

Übersetzt aus dem Spanischen. Verschiedene Erscheinungsjahre und –orte.

Don Quijote, Sancho Pansa, Rosinante – wer kennt diese Namen nicht? Miguel de Cervantes’ Erzählung von den Abenteuern des spanischen Ritters steht regelmäßig auf Listen der besten Bücher überhaupt. Die zwei Hauptfiguren wurden außerdem zur Vorlage für zahlreiche Komikerduos (Modell: der große Dünne und der kleine Dicke). Aber Sie wissen ja wie das ist mit den Klassikern: Man würde sie gerne lesen, findet aber nie die Zeit. Und weiß dann doch nicht so genau, worum es eigentlich geht. Wir möchten Abhilfe schaffen und stellen Ihnen vor, was in Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha passiert und welche kulturhistorische Bedeutung der Roman hat.

Die Handlung

Links sehen wir Don Quijote, wie er gegen die berühmten Windmühlen kämpft. Für ihn sehen sie aus wie gefährliche Riesen.

Der Protagonist Don Quijote, ein verarmter Adliger aus der „Mancha“ in Mittelspanien, liest leidenschaftlich gerne Ritterromane. Ein bisschen zu gerne, denn irgendwann verliert der Gute jeden Realitätsbezug und meint, selbst einer zu sein. Er sattelt sein Schlachtross, legt die Rüstung an, nimmt sich einen Knappen und zieht in den Kampf. Einziger Haken an der Sache: Das Schlachtross ist eine alte Klappermähre, die Rüstung selbstgebastelt, der Knappe ein einfacher Bauer und Don Quijote kein Ritter. Das stört ihn nicht weiter, denn seine blühende Fantasie verwandelt Schänken in Burgen, Prostituierte in vornehme Burgfräulein und die berühmten Windmühlen in gefährliche Riesen, denen er sich mutig entgegenstellt. Das geht selten gut aus. In der Regel enden die abenteuerlichen Episoden damit, dass Don Quijote und sein treuer Schildknappe Sancho Pansa eine gehörige Tracht Prügel beziehen.

Der Ritterroman als Freizeitsünde des Spätmittelalters

Um diese tragikomische Geschichte vom missglückten Ritter besser zu verstehen, hilft ein wenig Hintergrundwissen über die Zeit der Entstehung. Der erste Teil des Romans El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha wurde 1605 veröffentlicht. Das war eine ganze Weile nach dem goldenen Zeitalter der Ritter. Die Geschichten vom legendären König Artus und seiner Tafelrunde, von Gawain, Lancelot, Guinevere und der Suche nach dem heiligen Gral waren schon zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert berühmt. Weil sie aber außerordentlich beliebt waren, wurden bis ins Spätmittelalter fleißig weitere Abwandlungen geschrieben, darunter die im spanischsprachigen Raum verbreiteten Amadisromane, nach dem gleichnamigen Held Amadis de Gaula. Diese „Ritter-Popliteratur“ wurde immer absurder und unglaubwürdiger, bis einer kam und das alles gehörig auf die Schippe nahm – und derjenige hieß Miguel de Cervantes.

Der ‚pícaro‘

Man kann den Don Quijote aber nicht nur als Parodie des Ritterromans lesen. Im 16. Jahrhundert entstand in Spanien auch der sogenannte „Schelmenroman“, der einen Helden aus der einfachen Bevölkerung dabei begleitet, wie er allerlei Reisen und Abenteuer erlebt. Dabei lernt er Jung und Alt und Arm und Reich kennen, und liefert dem werten Leser einen bunten Querschnitt der Gesellschaft seiner Zeit. So trägt es sich auch in der Erzählung von Don Quijote zu, der es mit Bauern, Schankwirte und Prostituierten zu tun hat. Und weil der Schelm auf Spanisch der „pícaro“ ist, heißt der Schelmenroman auch pikaresker Roman. Wenn Sie also in Zukunft auf einer Cocktailparty Eindruck schinden wollen, können Sie jetzt ganz beiläufig eine kluge Bemerkung über Cervantes und den pikaresken Roman fallen lassen…

Fiktion und Realität

Ich habe damit begonnen, dass der vorliegende Roman fraglos als Klassiker der Weltliteratur gilt und sich auf dementsprechend vielen Listen der Art „Die 100 besten Bücher aller Zeiten“ findet. Ein Grund, warum Bücher auf solchen Listen landen, ist, dass sie nicht nur eine konkrete Geschichte erzählen, sondern auch das Geschichtenerzählen an sich thematisieren. Sozusagen Literatur über Literatur.

Sie erinnern sich, dass der Held so viele Ritterromane liest, dass er die fiktive Welt irgendwann nicht mehr von der realen unterscheiden kann. Glauben Sie es mir oder nicht, aber das war tatsächlich eine recht weit verbreitete Annahme zu der Zeit: Lesen ist gefährlich. Leute, die zu viel lesen, finden sich in der echten Welt nicht mehr zurecht. In unseren Ohren mag das reichlich seltsam klingen, weil wir Lesen als erbauende, intellektuell stimulierende Beschäftigung allgemein sehr hochhalten – zum Beispiel im Vergleich zum Fernsehen. Im 17. und 18. Jahrhundert allerdings war das Buch ein noch relativ neues Medium, zumindest als Unterhaltungsgegenstand für eine breitere Masse. Und wie jedem neuen Medium standen dem einige Gelehrte erstmal skeptisch gegenüber.

Wohlgemerkt, der Roman selbst vertritt diese These – zu viel Vorstellungskraft schadet dem Menschen –keineswegs. Im Gegenteil. Was ihn zu einem so herausragenden literarischen Werk macht, ist dass er das Verhältnis von Wirklichkeit und Vorstellung, von Idealismus und Pragmatismus grundsätzlich in Frage stellt und dabei verschiedene Lesarten zulässt.

Ein spanischer Exportschlager

In gewisser Weise bot Don Quijote also jedem Leser etwas an: Eine gute Geschichte, interessante Figuren aus allen Bereichen der Gesellschaft, etwas zum Lachen und etwas zum Nachdenken. Das Buch wurde ein sofortiger Erfolg. Schon kurze Zeit später kursierten mehrere Raubdrucke. Als Cervantes zehn Jahre später den zweiten Band veröffentlichte, hatte sogar schon ein anderer Autor versucht, als Trittbrettfahrer von seinem Erfolg zu profitieren und eine inoffizielle Fortsetzung geschrieben.

Die vorliegende Sammelausgabe in sechs Bänden zeigt, was für ein durchschlagender Erfolg der Roman auch im europäischen Ausland war. Das französischsprachige Set des MoneyMuseum stammt nicht aus einer einzigen Ausgabe, sondern gleich aus drei verschiedenen: Band 1 wurde in Paris herausgegeben, Bände 2 bis 5  in Den Haag und Band 6 in Frankfurt. Vermutlich wollte ein Sammler gerne einen vollständigen Satz aus dem 18. Jh. besitzen und trug ihn so Stück für Stück zusammen. Cervantes’ Meisterstück wurde in zahllose Sprachen übersetzt und bleibt bis heute der vermutlich erfolgreichste spanische Literaturexport – was man in diesem Fall sogar an der Sammelgeschichte des Buchs ablesen kann.

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

Zahlreiche Künstler haben Cervantes’ Roman in Bilder umgesetzt, darunter auch Gustave Doré, Salvador Dalí und Pablo Picasso. Dalís Zeichnungen können Sie hier auf der Seite des Dalí Museums sehen (in englischer Sprache).

Hier können Sie den vollständigen Roman von Cervantes aufrufen, in der Übersetzung von Ludwig Tieck und mit Illustrationen von Gustave Doré.

Hier erfahren Sie, warum Turniere so wichtig für die Ritterkultur waren.

Für die Cineasten unter Ihnen: Regisseur Terry Gilliam, bekannt dafür, dass er historische Stoffe verballhornt – etwa die Artussage in Die Ritter der Kokosnuss oder das Leben Christi in Das Leben des Bryan – hat 2018 die neueste Adaption des Cervantes-Stoffs auf die große Leinwand gebracht. Hier der Trailer zu The Man Who Killed Don Quixote – der Film ist seit Kurzem auch auf Netflix verfügbar.