Die Schätze Indiens

Das Titelblatt von John Ogilby, Asia, the first part aus dem Jahr 1673.

John Ogilby, Asia, the first part, being an accurate description of Persia, and the several provinces thereof. The vast Empire of the Great Mogol, and other parts of India: and their several Kingdoms and Regions.

Herausgegeben 1673 in London

John Ogilby veröffentlichte 1673 eine Beschreibung Indiens und Persiens. Damit lag er voll im Trend. Indien war topaktuell, vor allem wenn es um Investment ging. Jeder reiche Londoner fragte sich nämlich, ob er nicht doch in Aktien der East India Company investieren sollte. Schließlich hatte diese ein Monopol für den Handel mit dem fernen Osten. Und Indien, so hörte man sagen, war ein unglaublich reiches Land…

Als das Buch von Ogilby 1673 erschien, war der Handel mit den Schätzen Ostindiens noch gar nicht richtig angelaufen. Ein gerne zitiertes Bonmot aus dem Mund Charles II. ist ein gutes Zeugnis dafür: Als seine portugiesische Braut bei ihrer Ankunft im Mai 1662 nach einer Tasse Tee verlangte, musste er ihr verlegen antworten: „In England trinken wir keinen Tee. Vielleicht würde ein Bier reichen?“ Gute zwanzig Jahre später amüsierten sich die Briten über dieses Zitat, denn England war eine Nation der Teetrinker geworden. Dafür trug vor allem die East India Company die Verantwortung.

Untertasse für ein Teegeschirr, das in China auf Bestellung für einen Haushalt in Amsterdam hergestellt wurde. Es zeigt westliche Händler und Schiffe, die bei ihren chinesischen Handelspartnern Tee kaufen. China, ca. 1735-1755. Foto: KW.

Diese East India Company war so eine Art Aktiengesellschaft. Gegründet noch unter Elizabeth I. mit einem Startkapital von 72.000 Pfund, hatte die „Gesellschaft der Händler von London, die mit Ostindien Handel treiben“ in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein kleines Netz von Kontoren über Indien gelegt. Wobei man sich das nicht zu eindrucksvoll vorstellen darf. 1647 besaß die Company 23 Kontore mit 90 fest angestellten Agenten auf dem ganzen indischen Subkontinent mit seinen 3,3 Mio. Quadratkilometern. Richtiger Schwung kam erst ins Geschäft, als Charles II. im Jahr 1670 eine Reihe von äußerst nützlichen Gesetzen erließ. Er ermöglichte es der East India Company, quasi als eine Art Staat zu agieren: Sie durfte Münzen prägen, eine eigene Armee aufbauen, Territorien erwerben und in ihnen die Gerichtsbarkeit ausüben. Ja, Charles erlaubte der East India Company sogar, selbstständig Politik zu treiben, also Bündnisse zu schließen und Kriege zu führen.

Erst damit konnte die systematische Ausbeutung der Handelspartner beginnen. Seide wurde im Königreich Persien gegen Silber und Gold eingetauscht. Indien lieferte Baumwolle, Indigo, Salpeter und vor allem Tee. Und wegen der Gewürzinseln begann die englische mit der niederländischen Handelsgesellschaft einen erbitterten (blutigen und grausamen) Kleinkrieg zu führen.

Und spätestens zu diesem Zeitpunkt bekamen alle Finanzhaie Londons glänzende Augen. Sie wollten mehr wissen, verlässlichere Informationen haben über dieses Wunderland im Osten, in dem man anscheinend so grandiose Gewinne machen konnte. Und hier witterte John Ogilby seine Chance. Er war kein Wohltäter oder Wissenschaftler, sondern ein Verleger mit einem Sinn fürs Geschäft. Er hatte ein ausnehmend gutes Händchen dafür, was die Menschen interessierte.

Und so brachte er 1673 ein Buch über Indien und Persien heraus, eben über die Gebiete, wo die East India Company ihre Geschäfte machte. Aus dem Titel „Asia, the first part“ erfahren wir, dass noch ein zweiter Band geplant war. Doch der sollte nie erscheinen. Wahrscheinlich hätte er China abgedeckt und damit ein Buch konkurrenziert, das Ogilby im gleichen Jahr neu aufgelegt hatte: „Embassy to the Emperour of China“.

Ogilby war ein alter Hase, der genau wusste, was die Leser mochten. Er bot ihnen eine clevere Mischung aus Information und Tratsch, alles reichlich illustriert, damit auch die Damen ihren Spaß hatten. (Damals traute man den Damen noch nicht zu, dass sie ein Buch wegen seines Inhalts lasen.)

Der Autor widmete sein Buch König Charles II. – und das aus gutem Grund. Charles II. liebte Karten und Geographie, weshalb er John Ogilby, der 1670 einen Atlas von Afrika, Japan und Amerika veröffentlicht hatte, 1671 zum königlichen Kosmographen machte. 1674, ein Jahr nach der Publikation seines Werks über Asien, erhielt Ogilby sogar den Titel „His Majesty’s Cosmographer and Geographic Printer“.

Ein gutes Geschäft also, dieses Buch über Asien: Für den Verleger und für die Leser, die so Genaueres erfuhren über diese märchenhaft reichen Wunderländer des Ostens, deren Schicksal Großbritannien bis ins 20. Jahrhundert nachhaltig prägen sollte.

 

John Ogilby verfügt über eine Biographie, die jeden Autor, der das Storyboard zu einem Hollywood-Reißer schreiben soll, neidvoll erblassen lassen würde. Hier erfahren Sie mehr über das Leben von John Ogilby.

Eine Transkription des gesamten Buches wurde von der Michigan University erstellt.

Der Guardian hat in englischer Sprache eine ausführliche und kritische Geschichte der East India Company veröffentlicht.