Die Schätze Afrikas

Das Titelblatt der „Africae Descriptio IX lib. absoluta“ des Johannes Leo Africanus.

Johannes Leo Africanus, Africae Descriptio IX lib. absoluta

Herausgegeben 1632 in Leipzig

Am 9. Juni 1788 trafen sich in London zwölf einflussreiche Männer, um gemeinsam etwas in die Wege zu leiten, für das es dem einzelnen an Mitteln fehlte: Sie gründeten die African Association – und zwar nicht etwa aus altruistischen Gründen. Sie wollten detailliert wissen, wie man an die Schätze Afrikas kommen könne, an das Gold, das Elfenbein, die Sklaven, um nur die wichtigsten Handelsgüter zu nennen. Jedes Mitglied der Gesellschaft zahlte drei Jahre lang jährlich fünf Guineas, um damit Forschungsreisende auszurüsten. Die würden dafür ihre Berichte ausschließlich den Mitgliedern der Gesellschaft zu Verfügung stellen.

 

Porträt eines Humanisten von Sebastiano del Piombo. In der grundlegenden Arbeit zum Werk von Leo Africanus wurde 1999 vorgeschlagen, das Modell dieses Bildes mit Leo Africanus zu identifizieren.

Warum diese zwölf Männer so sehr an den Reichtümern Afrikas interessiert waren? Nun, sie alle hatten das Werk des großen muslimischen Geographen al_Hasan ben Muhammed al Wazzan al-Fasi (1490-1550) gelesen. Wir kennen ihn heute besser unter dem Namen Johannes Leo Africanus. Das Buch, das wir Ihnen heute vorstellen, ist eine lateinische Ausgabe seines wegweisenden Werks über Afrika, die 1632 in Leiden erschien.

Das Leben seines Verfassers ist heute dank des bekannten Romans von Amin Maalouf weithin bekannt. Der Autor hatte einen hervorragenden Stoff: Das Leben von Hasan ist spannender als jeder Roman.

Geboren um 1490 in Granada zog seine Familie kurz danach ins heute marokkanische Fez. Dort erhielt der junge Mann eine hervorragende Ausbildung. Sein Onkel war Diplomat, nahm den jungen Mann auf seinen Reisen mit, und bald diente Hasan selbst als Diplomat im Dienste des Sultan von Fez. Auf seinen Gesandtschaftsreisen erwarb er sich eine gründliche Kenntnis der Städte Nordafrikas. Er machte eine Pilgerschaft nach Mekka und kam bis nach Istanbul.

Doch 1518 wurde sein Schiff bei Kreta von spanischen Piraten überfallen. Der Diplomat wurde gefangen genommen und sollte eigentlich als Slave auf einem Ruderschiff dienen. Doch seine neuen Besitzer merkten schnell, dass sie da wirklich eine gute Beute gemacht hatten. Hasan wurde zum diplomatischen Geschenk. Papst Leo X. kam eine zusätzlich Informationsquelle für den Krieg gegen das Osmanische Reich gut zu pass. Leo ließ Hasan frei, „überzeugte“ ihn, sich taufen zu lassen und mit dem neuen Namen Johannes Leo de Medici in Rom zu bleiben.

Leo Africanus etablierte sich in der Welt der Humanisten als kenntnisreicher Geograph und Arabist. Er schrieb mehrere Bücher, von denen seine Beschreibung Afrikas das bekannteste wurde. Bis die Mitglieder der African Association mit der Erforschung des schwarzen Kontinents begannen, war es sein Buch, aus dem die Christenheit ihr Wissen über Afrika bezog.

Erstmals publiziert wurde sein Manuskript viele Jahre, nachdem er es geschrieben hatte. Der venezianische Unternehmer Giovanni Battista Ramusio nahm es 1550 in seine Serie mit verschiedensten Reiseberichten auf. Leos Werk umfasste neun Bücher in zwei Teilen – knapp 900 Seiten, auf denen erstmals fundierte Beschreibungen der Barbareskenstaaten zu finden waren, deren Piraten den Christen so viel Ärger machten. Hier fanden die Leser Informationen über die Königreiche West- und Zentralafrikas, aus denen immense Mengen an Gold kamen. Noch heute zeigen Namen wie Goldküste, Sklavenküste und Elfenbeinküste, was Europa an Afrika so faszinierte. Und genau das beschrieb Leo Africanus. Sein Buch war geradezu eine Auflistung boomender Handelsstädte wie Marrakesch, Fes, Tunis, Kairo und natürlich das geheimnisvolle Timbuktu.

Sein Buch wurde zu „dem“ Standardwerk über Afrika. Da nur wenige Gelehrte Italienisch verstanden, übersetzte Jean Temporal aus Lyon es ins Französische. Diese Ausgabe war die Grundlage einer lateinischen Übersetzung, die 1556 erstmals erschien und bereits 1558 nachgedruckt werden musste. Sie übernahm der Leidener Verlag Elzevier für seine Ausgabe von 1632, die uns vorliegt.

Bereits eine Generation früher hatte John Pory eine englische Übersetzung für den englischen Markt angefertigt. Sie wurde im Jahr 1600 publiziert, und man kann es wohl kaum einen Zufall nennen, dass Shakespeare 1603 seinen Othello schrieb. Afrika war damals dank Leo Africanus eben topaktuell und in aller Munde.

Übrigens, die Nachfolgegesellschaft der African Association existiert bis heute. Sie ging auf in der wesentlich bekannteren Royal Geographic Society. Dabei darf man davon ausgehen, dass die Motive für die Erforschung der Welt, ursprünglich die gleichen waren – ob bei African Association oder bei Royal Geographic Society.

 

Wenn Sie am Buch Hasans ben Muhammed bzw. von Leo Africanus Ihr Latein üben wollen, Google hat eine Digitalisierung ins Netz gestellt. Das dafür benutzte Exemplar stammt aus der Universitätsbibliothek der Niederlande in Leiden.

Die BBC hat eine Dokumentation über Leo Africanus gedreht und stellt sie auf youtube zur Verfügung.

Wenn Sie mehr über Leo Africanus wissen möchten, gibt Ihnen die Seite einer begeisterten Marokko-Reisenden eine Vielfalt an Informationen.