Die Rente ist sicher!

Das Titelblatt der Streitschrift des Jakob Heerbrand über den päpstlichen Ablass von 1525.

Jakob Heerbrand, Newer Bäpstischer Ablaß

Gedruckt 1580 von Alexander Hock in Tübingen

Es gibt Dinge, die sind dem Menschen wichtig. Er kann vieles ertragen, wenn er weiß, dass die Zeit der Not vorbei geht, und dass am Ende des Tunnels ein Licht ist.

Was der Tunnel und was das Licht ist, das ist Definitionsfrage, eine Frage, die jedes Zeitalter für sich neu beantwortet. Sehen wir uns das für unsere Zeit an: Viele verbringen große Teile ihres Lebens mit ungeliebten Tätigkeiten, nur um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. Sie freuen sich dabei auf die Zeit jenseits der Arbeit, die sie als Rentner sorgenfrei zu genießen hoffen.

Nun ist es überhaupt nicht sicher, dass die Renten weiterhin in dem Maße ausbezahlt werden können. Jeder kennt die Alterspyramiden europäischer Nationen. Doch kaum ein Politiker spricht das Problem ernsthaft an. Jeder weiß, dass es einen Aufstand gäbe, würde man die Behauptung, dass die Rente sicher sei, widerlegen.

 

Zeitgenössisches Porträt Martin Luthers. Kunstmuseum Basel. Foto: KW.

Das Skandalon der Reformation

Diese Angst kannte Martin Luther nicht. Er nahm seinen Zeitgenossen die Gewissheit, dass der Weg ins ewige Leben sicher sei. Das Paradies war das frühneuzeitliche Äquivalent für das Licht am Ende des Tunnels. In einer Zeit, in der man noch echten Hunger, echte Not kannte, in der Krankheiten tödlich und Komfort selbst für Adlige ein Fremdwort war, in der Krieg, Raub und Obrigkeitswillkür den Alltag bestimmten, sehnte sich jeder einzelne jeden Tag, den Gott ihm schenkte, nur nach einem: der Sicherheit des Paradieses.

Ein Leben ohne dieses Paradies war sinnlos, hoffnungslos, man konnte daran nur verzweifeln. Das große Problem dabei: Der Weg in den Himmel war an die Einhaltung unzähliger Regeln gebunden, die ebenso schwer mit dem Alltag zu vereinbaren waren wie die Forderungen unserer heutigen Klimaaktivisten. Sünden waren unvermeidlich, und so sah jeder denkende Mensch seine ewige Seligkeit bedroht.

 

Wofür es den Ablass brauchte

Natürlich konnte man für seine Sünden büßen. Man musste sie aus tiefstem Herzen bereuen und dann eine Wiedergutmachung leisten. Diese konnte aus Gebeten, Geschenken an die Armen (resp. die Kirche) oder einer Wallfahrt bestehen.

Oft fand sich im Alltag nicht die Zeit, für seine Sünden zu bezahlen. Die Kirche hatte auch dafür einen Ausweg entwickelt: Dieser Ausweg hieß Fegefeuer. Es handelte sich um eine Art „Vorparadies“, in dem niemand mehr sündigen konnte, sondern ausschließlich die Sünden seines weltlichen Lebens abbüßte. Hatte er für alle Sünden bezahlt, war der Weg zur ewigen Seligkeit garantiert.

Nun stellten sich die meisten dieses „Vorparadies“ als ein Abbild der irdischen Gerechtigkeit vor, wo gefoltert, gebrannt, gestochen und anderes Schreckliches mehr mit dem menschlichen Körper getan wurde. Ja, davor hatten viele Angst. Und deshalb stürzten sie sich geradezu auf die Abkürzung, auf den Ablass.

Wer an ganz bestimmten Tagen an ganz bestimmten Orten ganz bestimmte Gebete sprach, dem erließ der Himmel – auf Bitten des Papstes – einen Teil seiner Jahre in Fegefeuer. Wobei die Zahl der Jahre ungefähr genauso ausgeklügelt berechnet wurde wie die Kosten von Zertifikaten, mit denen wir heute die Umweltschäden wieder gut machen können, die wir mit unserem Flug angerichtet haben.

Ein Bombengeschäft für die Kirche – Ein Stein des Anstoßes für die Protestanten

Natürlich gab es auch die Möglichkeit, einen Ablass zu kaufen, also gegen eine von der Größe des eigenen Besitzes abhängige Spende sich Jahre im Fegefeuer zu ersparen. Und es war nur allzu menschlich, dass die kirchlichen Autoritäten die Bereitschaft ihrer Schäfchen, freiwillig Geld zu zahlen, ausnutzten.

Für Protestanten war das ein Skandal! Nicht die Kirche, sondern Gott schenkte dem Menschen den Weg ins Paradies. Deshalb musste eine christliche Obrigkeit die Güter der Kirche unter die eigene Kontrolle bringen, sie zum Wohl des Staates einsetzen und ihre Bürger mittels Gesetzen und Strafen zwingen, ein Gott gefälliges Leben zu führen.

Das Marburger Religionsgespräch.

Diskussion um den richtigen Weg

Weder Protestanten, noch Reformierte oder Calvinisten zweifelten daran, dass das Paradies existierte und dass es einen Weg in dieses Paradies gab. Worüber sie sich – gerne auch mit den Katholiken – stritten, war der Weg, den ein Mensch einschlagen musste, um ins Paradies zu gelangen.

Um zu verstehen, mit welcher Vehemenz die Diskussion um den richtigen Weg ausgefochten wurde, möge man sich nur einen Moment vorstellen, heutige Politiker würden es tatsächlich wagen zu behaupten, unsere Rente sei nicht sicher, und wir müssten jetzt einen neuen Weg finden, um diese Rente zu garantieren. Können Sie sich vorstellen, in welchem Maße diese Frage in unseren populären Medien aufgegriffen würde? Die Frage würde unsere Zeitungen füllen. Eine Talkshow nach der anderen würde sich damit beschäftigen.

Die Talkshows des 16. Jahrhunderts nannte man Disputationen. Sie wurden überall von Herrschern und Städten veranstaltet. Theologen unterschiedlicher Bekenntnisse stritten dabei über vorher festgelegte Fragen. Oft wurde der Ausgang einer Disputation zur Grundlage für eine politische Entscheidung.

Der Vorsprung der Protestanten

In vielen Disputationen blieben die Protestanten siegreich. Dies hatte einen praktischen Grund. Ihre besten Theologen – und Jakob Heerbrand gehörte als Kanzler der Tübinger Universität zu den Besten der Besten – lieferten ihnen die Argumente, die sie einsetzen konnten, wenn es zur Diskussion kam.

Wir müssen die Abhandlung, die uns hier vorliegt, unter dieser Perspektive sehen. Für Heerbrand ist der Ablass, den „der Antichrist“ – so Heerbrand – Papst Gregor XIII. anlässlich des heiligen Jahres von 1575 verkündete, „gräulich und schrecklich“. Nichtsdestotrotz ließ er ihn zusammen mit seinem Kommentar abdrucken, damit der eifrige Leser seines Buchs die katholische Argumentation und die protestantischen Gegenargumente kannte.

Diese Methode war äußerst erfolgreich! In den meisten Disputationen siegten die Protestanten. Dies änderte sich erst mit der Verbreitung des Jesuitenordens. Er kopierte die Methode seiner Gegner und lieferte seinen Schülern vorgefertigte Argumente in den wichtigsten Streitfragen.

Das Erbe des konfessionellen Zeitalters

Eine Überzeugung haben wir aus dieser Zeit verinnerlicht, nämlich dass es in einer Diskussion Sieger und Unterlegene gibt – und dass der Sieger im Recht ist. Wir werden wohl noch lange brauchen, bis wir verstehen, dass komplexe Probleme wie die Sicherheit unserer Renten nicht von schönen Worten, sondern von effektiven Maßnahmen und exakten Berechnungen abhängen.

 

Wenn Sie das ganze Buch von Jakob Heerbrand über „den päpstlichen Ablass“ durchblättern wollen, können Sie das hier tun.

Gekauft haben wir dieses Buch im Münchner Antiquariat von Thomas Rezek.