Die perfekte Kindheit

Jean-Jacques Rousseau, Émile, ou de l’Éducation.

Herausgegeben von Jean Néaulme in Den Haag, 1762.

Kinder wie kleine Erwachsene: Genau das wollte Rousseau nicht. Johannes Cornelisz Verspronck, Girl in a Blue Dress, 1641.

Stellen Sie es sich bildlich vor: Sie wachsen außerhalb der Großstadt auf, in frischer Landluft, umgeben von Natur. Sie dürfen ihren Tagesablauf mehr oder weniger frei bestimmen, suchen sich selbst aus, was Sie lernen wollen, und müssen auch bis Sie zwölf sind keine Bücher lesen oder sich mit nervigen Rechenaufgaben herumschlagen. Derartige Ansätze – zurück zur Natur, Erlebnispädagogik, antiautoritäre Erziehungsmethoden und selbstbestimmtes Lernen – haben in den letzten Jahren durchaus Konjunktur. Sie sind aber keine neue Erfindung. Bereits im 18. Jahrhundert schrieb der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sein Buch über die ideale Kindheit. Rousseau war davon überzeugt, dass Émile, oder über die Erziehung sein bestes Werk sei. Obwohl seine Ideen in späteren Jahrzehnten die moderne Pädagogik grundlegend beeinflussten, teilten viele seiner Zeitgenossen diese Auffassung aber erstmal nicht.

Kinder wie kleine Erwachsene

Jean-Jacques Rousseau wuchs in einer bürgerlichen Familie im 18. Jahrhundert in Europa auf. Erst lebte er in Genf, später lange in Paris. Hier wurden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt. Sie trugen hübsche Kleider, lernten Etikette, höflich knicksen, Klavier spielen und Fremdsprachen. Sie mussten stundenlang stillsitzen und sich von ihrem Privatlehrer lesen, rechnen und schreiben beibringen zu lassen. Es gab viele Vorschriften und Regeln, und wer diese brach, wurde bestraft.

Rousseau war davon überzeugt, dass diese Art der Kindererziehung keine wirklich brauchbaren Menschen aus ihnen machte. Für ihn war der Mensch in seinem natürlichen Zustand von Geburt an frei und gut. Die Gesellschaft aber hielt er für problematisch. Er schrieb: „Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ Die Menschen waren neidisch und eitel, sie gaben zu viel darauf, was andere von ihnen dachten und verbogen sich, um bestimmten Erwartungen zu entsprechen. Sie waren zwar frei geboren, ließen sich aber von der Gesellschaft in alle möglichen unnatürlichen Zwänge stecken, bis sie nicht mehr im Einklang mit sich selbst waren.

Dieses Bild repräsentiert eine andere Vorstellung von Kindheit: Die Kinder dürfen im Garten spielen; dass sie außerhalb des Zauns sind, symbolisiert ihre Freiheit von häuslichen Zwängen. Philipp Otto Runge, Die Hülsenbeckschen Kinder, 1805.

Dagegen setzte Rousseau seine radikalen neuen Vorstellungen. Die Kindheit müsse als eigenständige Phase des Lebens betrachtet werden, die einen Wert für sich habe. Kinder sollten spielen können, sie sollten ihre körperlichen Kräfte, ihre Empfindungen und Neigungen frei von allen Zwängen entwickeln dürfen. Um diese Ideen zu veranschaulichen, geht Rousseau nun her und denkt sich einen Jungen aus, Émile, und seinen Lehrer, der zufällig genau wie er selbst Jean-Jacques heißt. In einer Art Roman erzählt er dann die Geschichte von Émile und seinem Tutor und illustriert an diesem Beispiel seine pädagogischen Ideen.

Rousseau findet Vorbilder für seine pädagogische Agenda in der griechischen Mythologie: Der Zentaur Cheiron unterrichtet den Jungen Achilles.

Die Natur als Lehrer

Die Natur spielt eine zentrale Rolle in Rousseaus Utopie. Émile wird auf dem Land erzogen, fernab der bösen Gesellschaft und mit viel frischer Landluft und Bewegung, um seine körperlichen Kräfte zu entwickeln. Die Illustration zeigt eine Szene aus der griechischen Mythologie, die als Vorbild dienen soll: Der Zentaur Chiron unterweist den jungen Achilles in Flora und Fauna. Chiron war in der Welt der alten Götter hochangesehen und der beliebteste Privatlehrer für einen ganzen Haufen junger Heroen, darunter auch Jason und Odysseus. So wie Achilles soll auch Émile natur- und praxisnah die Welt entdecken.

Eine andere wichtige Metapher in Rousseaus Abhandlung ist die, dass Kinder selbst wie Pflanzen sind. Sie sollen natürlich wachsen und wenn man nur genug Wasser und Sonne an sie lässt, tun sie das auch. Statt des traditionellen Bildes eines Lehrers, der dem Kind möglichst früh möglichst viel Wissen ins Hirn trichtert, nimmt Jean-Jacques vielmehr die Rolle des Gärtners ein. Seine Hauptaufgabe ist es, die Pflanze vor schädlichen Einflüssen zu schützen, sodass sie sich frei entfalten kann. Dieser Ansatz wird auch als negative Pädagogik bezeichnet und kann ziemlich radikal antiautoritär ausfallen: So spricht der Tutor Jean-Jacques niemals Verbote oder Vorschriften aus, sondern „lenkt“ (man könnte auch sagen: manipuliert) den jungen Émile subtil so, dass er sich von alleine die guten und richtigen Dinge aussucht.

Learning by doing

Einen hohen Stellenwert nimmt bei Rousseau außerdem das erfahrende Lernen ein. Indem Émile Experimente macht und selbst beobachtet, wie sich Gegenstände verhalten, lernt er etwas über ihre Eigenschaften. Die dahinterstehende Grundüberzeugung ist, dass ein gesunder Menschenverstand in der Lage ist, sich allein anhand von Erfahrungen und Empfindungen zu entwickeln. Es ist gut möglich, dass Rousseau auch auf Grund seiner eigenen Lebensgeschichte zu dieser Auffassung kam. Er hatte eine turbulente Kindheit, in der seine Ausbildung immer wieder unterbrochen wurde und die ihn letztendlich zu einem brillanten Autodidakten machte.

Experimentelles Lernen, ganzheitliche Erziehung, freie Entfaltung des Kindes: Was sich für uns heute vielleicht gar nicht so falsch anhört, war damals ein Skandal. Zwar behauptete Rousseau nicht, dass die Vernunft grundsätzlich schädlich sei, wohl aber, dass zu viel Vernunft zu früh im Leben schaden kann. Stattdessen plädierte er dafür, auch körperliche Fähigkeiten und emotionale Empfindungen gleichberechtigt zu behandeln. Damit trat er seinen Zeitgenossen, bei denen die Vernunft über alles ging, gehörig auf den Schlips.

Es half auch nicht, dass Rousseau in dem Émile eine gut fünfzigseitige Predigt eines fiktiven „Savoyer Vikars“ einbaute. Hier erklärte der Autor unter dem Decknamen des Vikars seine religiösen Überzeugungen. Er war gegen die katholische Kirche, gegen die Calvinisten, eigentlich gegen jegliche Form der institutionalisierten Religion. Glaube war für ihn etwas sehr persönliches, eine Angelegenheit des Herzens. Er glaubte zwar an die Existenz Gottes und daran, dass er sich in allen Aspekten der von ihm geschaffenen Natur ausdrückt – aber ob man an etwas, das über diese grundlegende Naturreligion hinausgehe, glaube, müsse jeder Leser selbst entscheiden.

Schon wenige Tage nach Erscheinen des Émile im Jahre 1762 wurde das Buch in Paris und Genf verboten und öffentlich verbrannt. Die Ausgabe in der Sammlung des MoneyMuseums wurde deshalb, wie es bei kontroversen Schriften aus der Zeit so häufig der Fall war, in Den Haag gedruckt. Wie es ebenfalls bei kontroversen Schriften der Fall war, wurde das verbotene Werk gerne gelesen und verbreitete sich schnell in Europa. Seine Ideen beeinflussten Denker wie Immanuel Kant und Pädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi und Maria Montessori.

So einflussreich sein theoretisches Werk auch war, so sehr versagte Rousseau selbst als Vater. Seine fünf Kinder gab er ins Findelhaus – eine Tat, die ihn Zeit seines Lebens beschäftigen sollte. Woran wir wieder einmal sehen, dass diejenigen, die auf dem Papier große Ahnung von etwas haben, nicht immer die sind, die sich damit auch im echten Leben auskennen…

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

Einen Ausschnitt aus Émile, oder über die Erziehung in deutscher Übersetzung können Sie hier lesen.

Hier finden Sie den vollständigen Text des französischen Originals.

Falls Sie sich noch intensiver mit dem Buch auseinandersetzen wollen, empfehle ich den ausgezeichneten Podcast von BBC In Our Time. In der Folge „Rousseau on Education“ unterhalten sich drei ausgewiesene Rousseau-Experten über Ideen und Kontext des Émile (auf Englisch).

Nur einen Monat nach Erscheinen des Émile veröffentlichte Rousseau seine berühmte Theorie zum Gesellschaftsvertrag. Das Buch haben wir von Bookophile hier vorgestellt.