Die Päpstin Johanna – Eine mittelalterliche Legende und ihr Nachleben

Giovanni Boccaccio, De Mulieribus Claris

Gedruckt von Matthias Apiarius in Bern 1539

Wir haben Ihnen in der letzten Ausgabe unseres Bookophile Newsletters Boccaccios Buch über die berühmten Frauen vorgestellt. Natürlich können wir bei so einer kurzen Vorstellung nicht alle Details verfolgen, aber unsere Boccaccio-Ausgabe enthält die Biographie und die Abbildung einer so spannenden Gestalt, dass wir Ihnen die historischen Hintergründe dazu nicht vorenthalten möchten. Kapitel 99 ist der Päpstin Johanna gewidmet. Dazu fertigte Jakob Kallenberg im Auftrag des Herausgebers Matthias Apiarius, der 1539 die im MoneyMuseum vorhandene Ausgabe publizierte, eine Illustration, die an drastischer Dramatik kaum zu überbieten ist.

Die Päpstin Johanna gebiert ein Kind. Holzschnitt von Jakob Kallenberg als Illustration von Giovanni Boccaccio, De Mulieribus Claris

Ein mittelalterlicher Mythos

Wir sehen einen Papst im vollen Ornat. Er trägt die Tiara auf dem Kopf, die (roten) Schuhe an den Füßen, ist in Albe und Pluviale gekleidet. Über ihn spannen zwei Kardinäle und zwei Bischöfe den Baldachin auf, der bei Prozessionen, in denen der Papst die Monstranz mit dem Allerheiligsten trägt, über beide gespannt wird. Der Skandal ist in den Mittelpunkt des Bildes gerückt: Während sich die Kardinäle noch um den zusammengebrochenen Papst kümmern, erscheint unter der Albe ein Kind, wodurch klar wird, dass es sich bei der Gestalt im päpstlichen Ornat nicht um einen Papst handelt, sondern um eine Frau, die das Sakrileg begangen hat, sich als Papst zu gerieren.

Boccaccio hatte die Geschichte von einer Frau auf dem Papstthron nicht erfunden. Er folgte in seiner Biographie einem früheren Geschichtsschreiber namens Martin von Troppau, der in einem 1277 verfassten Werk aus verstreuten Notizen über eine Päpstin namens Johanna oder Agnes eine in sich schlüssige Geschichte gezimmert hatte. In Boccaccios Version wird eine jungen Frau in Mainz von ihrem Lateinlehrer verführt. Sie flieht mit ihm in Männerkleidung nach England, wo sie mit ihrem Liebhaber unter dem Namen Johannes an einer Universität studiert. Auch nach dessen Tod setzt sie – immer noch unter dem männlichen Namen Johannes – ihre Studien fort, erwirbt in der akademischen Welt großes Ansehen und übersiedelt nach Rom. Dort wählt man sie nach dem Tod Leos V. wegen ihres vorbildlichen Lebenswandels und ihres umfangreichen Wissens zum Papst.

Während wir so einer mutigen Frau Beifall klatschen würden, deutete Boccaccio das Geschehen auf dem Hintergrund eines für uns heute fremden Weltbildes. Er billigte ihr Vorgehen nicht, im Gegenteil. Für ihn hatte der Teufel höchstpersönlich Johanna / Johannes zu diesem unglaublichen Sakrileg verführt. Und der Höllenfürst hatte auch für ihre Bestrafung gesorgt, indem er ihr einen Liebhaber schickte, der sie verführte und schwängerte. Das ganze Volk von Rom wurde Zeuge dieser unglaubliche Schande, als Johanna während einer Prozession zwischen dem Kolosseum und San Clemente eine Fehlgeburt erlitt.

Gab es die Päpstin Johanna? Und wenn nicht, warum schrieb Boccaccio über sie?

Um zunächst eines klarzustellen: Trotz aller Bemühungen feministisch angehauchter PopulärforscherInnen ist es bis heute nicht gelungen, den schlüssigen Beweis zu erbringen, dass es eine Päpstin Johanna gegeben hat. Wir können (und wollen) an dieser Stelle weder die umfangreiche Literatur zu diesem Thema zitieren, noch alle möglichen Indizien aufzählen resp. entkräften. Das haben andere vor uns getan.

Fragen wir uns lieber, warum Boccaccio unbedingt diese ziemlich zweifelhafte mittelalterliche Legende in sein Buch über die berühmten Frauen aufgenommen hat. Um das zu verstehen, müssen wir erst einmal überlegen, wozu sein Werk diente.

Boccaccio legte das Werk als eine Sammlung von Exempla an. Exemplum ist das lateinische Wort für Beispiel. Exempla wurden benutzt, um Menschen vor Augen zu führen, was geschehen konnte, wenn man sich in einer bestimmten Situation so oder so verhielt.

Dahinter stand die antike Vorstellung, dass der Charakter eines Menschen unwandelbar ist. Während wir heute wissen, dass jeder Mensch eine Fülle von Charakterzügen hat, die durch unterschiedliche Erfahrungen in die eine oder andere Richtung geformt und durch neue Deutungsmodelle geändert werden können, ging Boccaccio davon aus, dass der Mensch sich entscheidet, entweder gut oder schlecht, tugendhaft oder sündig, überheblich oder demütig zu sein. Gott und seine Engel helfen, den tugendhaften Weg zu gehen, der Teufel führt die Nachlässigen auf den breiten Weg der Sünde. Und natürlich ist jederzeit – nach Beichte und Buße – eine Umkehr auf den Weg der Tugend möglich.

Um nun dem Menschen zu helfen, sich für das Richtige zu entscheiden, brauchte es Vorbilder und abschreckende Beispiele. Und genau diese Beispiele stellt Boccaccio mit seinen berühmten Frauen zur Verfügung. Für ihn war die Päpstin Johanna das Musterexemplar einer überheblichen Frau, die sich nicht in die ihr von Gott zugewiesene Rolle fügte, und deshalb vor aller Augen für ihren Frevel bestraft wurde.

Darstellung der Päpstin Johanna auf einem Porzellanteller, entstanden nach der französischen Revolution. Foto: Jatayou / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Und wieso glauben heute noch Menschen an die Päpstin Johanna?

Nun hätte es der Päpstin Johanna gehen können, wie den meisten antiken und mittelalterlichen Mythen: Irgendwann wäre sie zwischen Rotkäppchen und Trojanischem Krieg gelandet. Doch ernsthafte Wissenschaftler diskutierten Jahrhunderte lang ihre Existenz, und das hatte einen Grund, der nichts mit übereifrigen Historikern zu tun hatte, sondern mit einem Glaubensstreit.

An einem Faktum kamen nämlich die Protestanten in ihren Argumentationsketten nicht vorbei: Ein Papst, der seine Einsetzung direkt auf Petrus und damit auf Christus zurückführte, konnte weder die Hure Babylon noch der Antichrist sein. Wenn die kontinuierliche Abfolge der Päpste gesichert war – dass heutige Historiker sie für alles andere als gesichert halten, ist wieder eine ganz andere Geschichte – , dann musste Luther, Zwingli & Co unrecht haben. Wenn aber die protestantischen Historiker nachweisen konnten, dass es mit einer Päpstin Johanna eine Unterbrechung der kontinuierlichen Abfolge gegeben hatte, dann war der Papst tatsächlich der Antichrist. Mit der Päpstin Johanna hatte sich der Teufel in die von Christus begonnene Reihe der Päpstin eingemischt.

Während also katholische Geschichtsschreiber erstmals systematische Quellenstudien trieben, um nachzuweisen, dass es die Päpstin Johanna nie gegeben hatte, sammelten protestantische und reformierte Historiker alle Indizien dafür, dass es eine Päpstin gegeben haben muss.

Noch einmal: Die Tatsache, dass es eine Frau auf den Papstthron geschafft haben könnte, fanden beide Konfessionen skandalös, nur war der Skandal im Sinne der Protestanten, während ihn die Katholiken nicht brauchen konnten.

Brauchen wir emanzipierten Frauen eine Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht?

Sie finden das unlogisch? Nun, es ist nicht unlogischer als die modernen Bemühungen von populärhistorischen Werken, bereits im Mittelalter emanzipierte Frauen zu finden. All die Päpstinnen, Wanderhuren, Apothekerinnen, Hebammen, Henkerstöchter, Kastratinnen, Hexen und anverwandte Gestalten sind schöne Fiktion, die nur in der modernen Romanliteratur ihren Platz haben sollten. Wir müssen uns bewusst sein, dass diese Geschichten nichts mit Geschichte zu tun haben, sondern unsere Ideale auf eine Vergangenheit projizieren, in der die Idee einer Gleichberechtigung nicht einmal verstanden worden wäre.

Gottes Reich war damals fest gefügt und bot jedem Menschen seinen ihm zugewiesenen Platz. Wer diesen Platz ausfüllte, bewährte sich, gleichgültig wie hoch oder wie niedrig sein sozialer Status war. Mit anderen Worten, vor Gott war es von exakt gleicher Bedeutung, ob ein Müllmann oder ein Manager seine ihm aufgetragene Rolle gut ausfüllte.

Wer aber seinen Platz verließ, verstieß gegen Gottes Plan. Die Päpstin Johanna war damit für die Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ein wunderbares Beispiel dafür, mit welch schrecklichen Strafen eine Frau rechnen musste, wenn sie ihren angestammten Platz aufgab und wagte, in die Domäne der Männer einzudringen.

Nicht, dass ich das heute genauso sehen würde. Aber ich lebe auch nicht wie Boccaccio im 14. Jahrhundert.

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Wenn Sie selbst einen Blick in das Buch tun wollen, können sie das auf e-rara tun. Sollte der Server wie fast immer „überlastet“ sein, gehen Sie noch zwei-, dreimal auf denselben Link, meistens klappt es irgendwann.

Eine Einführung in das Buch finden Sie bei uns auf Bookophile.

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