Der Polarstern unter den Architekten

Andreas Palladio, Die Baumeisterin Pallas, Oder Der in Teutschland entstandene Palladius, übersetzt von Georg Andreas Böckler.

Nürnberg 1698, gedruckt im Verlag Endter

Was haben das Weiße Haus in Washington, das Panthéon in Paris und das Parlamentsgebäude in Wien gemeinsam? Sie alle stehen für die Herrschaft des Volkes. Und sie für alle wurde ein Architekturstil gewählt, der sich den Anschein gibt, eine direkte Verbindung zur Antike herzustellen. Allerdings nicht zur wirklichen Antike, sondern zu einer Antike, die ein Architekt der Spätrenaissance schuf: Zur Antike Palladios.

Wir haben uns so an diese Bauten gewöhnt, dass wir uns eine Metropole ohne Kuppeln und Tempelfassaden kaum mehr vorstellen können. Dieser Essay beschäftigt sich mit dem Architekten, der diesen Trend setzte: Andreas Palladio. Das MoneyMuseum konnte kürzlich beim Antiquariat Müller in Salzburg eine Ausgabe der ersten deutschen Übersetzung seiner zwei Bücher über die Baukunst aus dem Jahr 1698 erwerben. Dieser Beitrag thematisiert die Bedeutung des Werks: Seine Vorgeschichte, das Buch selbst und sein Nachleben.

Das wohl bekannteste Werk Palladios: Il Redentore / Venedig. Foto. Longs Peak, cc-by 3.0.

1. Teil: Der Autor Palladio oder die Vorgeschichte

 

Palladio: Ein Anfang als einfacher Steinmetz

Er wurde im Jahr 1508 als Sohn eines Müllers geboren, jener Andrea di Pietro della Gondola, den wir heute als Palladio kennen. Und die ersten rund 28 Jahre führte er ein Leben, wie es seinem Stand angemessen war: Sein Taufpate, ein Bildhauer, sorgte dafür, dass sein Patenkind ebenfalls bei einem Bildhauer in die Lehre ging. Bildhauer, wenn wir das Wort hören, denken wir an Michelangelo und seinen David. Palladio dürfte während seiner Lehrzeit anderes gelernt haben: Bildhauer war ein anderes Wort für einen Steinmetz, für einen Handwerker, der von der Pike auf lernte, wie man Stein behandeln musste, um mit ihm ein steinernes Haus zu errichten. Steinerne Häuser waren damals nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Wer ein steinernes Haus baute, verlangte oft auffällige Dekorationen, und die herzustellen war ebenfalls Arbeit für einen Steinmetz. Steinmetze lieferten auch den Bauplan. Sie waren es, die die großen gotischen Kathedralen des Mittelalters konzipiert und erbaut hatten. Doch in der Renaissance verloren die Handwerker mehr und mehr an Boden. Die Theoretiker mischten sich in ihr Geschäft.

Die Renaissance entwickelte nämlich die neue Vorstellung vom Künstler. Hatten sich all die Maler, Musiker und Bildhauer bisher als Handwerker verstanden, die organisiert in einer Werkstatt zusammen mit anderen einen genau definierten Auftrag für einen Auftraggeber ausführten, bewunderten die Humanisten das künstlerische Individuum und seinen schöpferischen Geist. Ein wahrer Künstler war für sie nicht einfach nur ein Maler, ein Bildhauer, ein Musiker. Er war mehr. Er sollte im Idealfall alle Künste beherrschen. Daneben war er in der Lage, wohlerzogen, charmant und elegant mit den Mächtigen seiner Zeit Konversation zu treiben und wissenschaftliche Abhandlungen oder zumindest Sonette zu schreiben. Die hohen Herren sahen sich selbst als verhinderte Genies und umgaben sich kunstsinnig mit den wahren Meistern ihres Fachs.

Und da war nun dieser begabte 28jährige Steinmetz-Meister aus Vicenza, der im Jahr 1536 am Bau der Villa Trissino in Cricoli mitarbeitete. Er dürfte nicht nur muskulös und braun gebrannt, sondern dazu intelligent gewesen sein. Ein Bild hat sich von ihm leider nicht erhalten. Aber er muss seinem Auftraggeber, Gian Giorgio Trissino, aufgefallen sein. Und der war seinerseits ein Humanist aus den besten Kreisen. (Die übrigens, wie jüngere Forschung gezeigt hat, auch das Ideal der athenischen Männerfreundschaft lebten.) Jedenfalls war Trissino weit in Italien herumgekommen. Man kann nur spekulieren, was er in dem jungen Handwerker sah. Auf jeden Fall begann er, ihn systematisch zu fördern.

Trissino unterrichtete seinen Steinmetz in Mathematik und Musik und machte ihn mit den lateinischen Klassikern bekannt. Er schenkte ihm sogar einen neuen Namen: Palladio, abgeleitet von der Göttin des Wissens und seiner Anwendung: Pallas Athena. Diesen Namen verewigte der Humanist Trissino in seinem literarischen Werk. In dem Epos „ l’Italia liberata dai Goti“ tritt ein schöner Jüngling namens Palladio als himmlischer Bote und Schutzengel des Feldherrn kaiserlichen Belisar auf. Den hatte der in Konstantinopel residierende oströmische Kaiser geschickt, um das gotische Heer aus Italien zu vertreiben. Auch Palladio erhält in diesem Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei seine Aufgabe: Er soll neuartige Bauten errichten, um Italien so vom Einfluss des schlechten, nordalpinen (sprich gotischen) Geschmacks zu befreien.

Doppelseite aus der kommentierten Übersetzung zu Vitruv von Daniele Barbaro aus dem Jahr 1567, illustriert von Palladio.

Theoretische Ausbildung im Schnelldurchgang

Trissino öffnete seine Bibliothek für Palladio. Er machte ihn natürlich vorrangig mit all den Büchern vertraut, die man gelesen haben musste, wenn man sich mit Humanisten über die Baukunst unterhalten wollte. Dazu gehörte in erster Linie das Werk des römischen Autors Vitruv. Poggio Braccionlini hatte eine komplette Abschrift dieses für die Renaissance so entscheidenden Werks im Jahr 1416 in der St. Galler Klosterbibliothek gefunden und – damals gab es noch kein Kulturgutschutzgesetz – nach Italien mitgenommen.

Vitruvs „Zehn Bücher über die Baukunst“ hatten unter den führenden Humanisten großes Aufsehen erregt – und noch mehr Diskussion. Denn das Werk enthielt keine Abbildungen, und das bedeutete, dass alle, die wie die Römer bauen wollten, sich selbst überlegen mussten, was das praktisch bedeutete. Denn viele wollten Gebäude im römischen Stil haben, was schon die Nachfrage nach gedruckten Ausgaben des Manuskripts zeigt. Es erschien erstmals im Jahr 1486 in Rom. 1521 lag eine italienische Übersetzung vor, diesmal mit Illustrationen. Es handelte sich natürlich nicht um wissenschaftliche Rekonstruktionen, sondern um freie Interpretationen, wie der Architekt Cesare Cesariano sich die Anwendung der Vitruvschen Regeln vorstellte. Auf uns wirken seine Zeichnungen nicht wie römische Bauten. Wir erkennen ihn ihnen die Formen der Renaissance.

Auch Palladio beschäftigte sich intensiv mit Vitruv, sehr intensiv. Das wissen wir, weil in der kommentierten Übersetzung, die ein weiterer seiner vielen Förderer, der hohe Geistliche Daniele Barbaro im Jahr 1556 publizierte, viele seiner Abbildungen benutzt werden. Und das zeigt, welch unglaublichen Aufstieg der Steinmetz in den beiden Jahrzehnten zwischen 1536 und 1556 gemacht hatte. Immerhin arbeitete ein bedeutender Geistlicher aus bester altadliger Familie für die Publikation seines Buchs mit einem ehemaligen Handwerker zusammen! Auch wenn Palladio auf dem Titel der Vitruvausgabe keine Erwähnung findet, muss er doch regelmäßigen persönlichen Umgang mit dem sozial weit über ihm Stehenden gehabt haben.

Warum gaben sich all die Herren Humanisten mit einem simplen Steinmetz ab? Ganz einfach: Palladio vereinte zwei Wissensstränge in seiner Person. Er hatte die traditionelle Ausbildung zum Steinmetz durchlaufen und hatte dank Trissino sein Wissen an den theoretischen Überlegungen der Humanisten geschult. Er war Praktiker und Theoretiker – und beherrschte die Kunst der gebildeten Konversation. Darüber hinaus unternahm er Forschungsreisen zu all den bekannten Ruinen römischer Bauten. Trissino ermöglichte ihm das finanziell und sozial, denn Reisen ging damals nur, wenn die wichtigen Persönlichkeiten einem ihr Haus öffneten.

Palladio erforschte, zeichnete und vermaß nicht nur die Bauten Roms und die Ruinen Italiens, er fuhr auch ins Ausland. Wir wissen, dass er zumindest die Maison Carrée in Nimes und den Augustustempel von Pula gekannt haben muss. Er dürfte von seiner Reise als ein anderer Mensch zurückgekehrt sein. Wer fortan mit ihm über die Bauten der Römer sprechen wollte, erlebte einen weltgewandten und eloquenten Mann, der die schriftlichen und die archäologischen Quellen wohl besser als jeder andere kannte – und der darüber hinaus selbst Erfahrung in den Techniken besaß, die seit den Zeiten der Römer verwendet wurden, um Gebäude zu errichten.

Kein Wunder, dass er nach seiner Rückkehr in die Heimat Vicenza einen Wettbewerb zur Umgestaltung eines zentralen öffentlichen Gebäudes gewann. Das war 1549. Dieser Bau machte ihn mit einem Schlag berühmt. Er öffnete ihm die Herzen und die Geldbeutel all der Bauherren, die ihm nur zwei Tagesreisen entfernt gelegenen Venedig wohnte. Und dort suchten gerade viele Reiche händeringend nach einem innovativen Architekten.

Die Villa Barbaro in Maser, begonnen um 1557. Foto: Wikipedia.

Bauernhöfe für die Reichen und Schönen

Denken wir daran: Vasco da Gama hatte 1499 den Seeweg nach Indien entdeckt, und damit begannen sich langsam, aber unabwendbar die Handelswege zu verändern. Das Mittelmeer verlor zugunsten des Atlantik im Fernhandel an Bedeutung, und damit musste sich die venezianische Oberschicht ein neues Business-Modell erschließen.

Die meisten von ihnen hatten an irgendeinem Zeitpunkt der Familiengeschichte in Besitzungen auf der Terraferma, dem Festland, investiert. Nun bekamen die Äcker und Weinberge, die Weiden und Fischteiche auf einmal eine echte wirtschaftliche Funktion. Wenn man die Güter professionell betrieb, lieferten sie genügend Überschüsse, um profitabel in den umliegenden Städten Oberitaliens vermarktet zu werden. Dafür war aber häufig die regelmäßige Anwesenheit des Besitzers erforderlich. Wer von all den Reichen und Schönen wohnte schon gerne in einem heruntergekommenen Bauernhof? Eine Villa musste her, eine Villa wie sie die Römer im Zentrum ihrer landwirtschaftlichen Betriebe besessen hatten. Diese Villa musste schön, bequem und repräsentativ sein. Palladio erwarb sich den Ruf genau solche Bauten errichten zu können. Er wurde zum Architekten dieser noblen Bauernhöfe, die wir heute als Brenta-Villen und UNESCO-Weltkulturerbe kennen – und wurde damit reich.

Denn wir dürfen bei all der kunsthistorischen Bedeutung seiner Bauten nicht vergessen, dass Palladio mit ihrem Bau sein Geld verdiente. Er war ein Dienstleister, kundenorientiert. Und die in die Antike verliebten Bauherren von Venedig und Vicenza werden ihn geliebt haben: Einen hervorragenden Handwerker, der als gebildeter Humanist fast auf Augenhöhe mit ihnen verkehrte. Das Stichwort ist Humanist, diese Schicht von Intellektuellen hatte einen so hohen sozialen Status, dass sie vorgeben konnten, dass ihr geistiger Reichtum mit dem materiellen Reichtum ihrer Mäzene gleichwertig war. (Was so natürlich ganz und gar nicht zutraf, aber alle fanden die Idee viel zu schön, um ihr zu widersprechen.)

Es war für Palladio also eine Imagefrage, dass er wie andere Humanisten gelehrte Schriften verfasste und veröffentlichte. Sie eröffneten ihm einen Zugang zu seinen Auftraggebern, den er als einfacher Steinmetz so nie gehabt hätte.

1568 schrieb Vasari in der Lebensbeschreibung des Jacopo Sansovino über ihn: „Doch unter allen Bürgern von Vicenza verdient der Architekt Andrea Palladio das höchste Lob, da er ein Mann von einzigartigem Talent und einer ebensolchen Urteilskraft ist. Dies sieht man an vielen Werken, die er in seiner Heimatstadt und anderswo geschaffen hat […], und wenn man seine schönen und merkwürdigen Erfindungen und ungewöhnlichen Einfälle in allen Einzelheiten hätte aufzählen wollen, wäre daraus eine äußerst langatmige Geschichte geworden. Und da bald ein Werk Palladios erscheinen wird […], werde ich weiter nichts über ihn sagen, da dies ausreicht, um ihn als jenen hervorragenden Architekten bekannt zu machen, für den er von jedem, der seine wunderschönen Werke sieht, gehalten wird.“

Die vier Bücher über die Baukunst von Andrea Palladio

Tatsächlich arbeitete Palladio zu dem Zeitpunkt, an dem Vasari über ihn schrieb, schon viele Jahre an seinem Opus Magnum, das seine umfangreichen Publikationen krönte. Wer die vielen Kupferstiche sieht, begreift schnell, dass es Jahrzehnte gedauert haben muss, um all das Material zu sammeln.

Bemerkenswert und typisch für die Renaissance ist, dass Palladio sich in seinem Buch zwar als Erbe der Antike positioniert, aber zeigt, dass er in der Lage ist, bessere Bauten als seine antiken Vorgänger zu errichten. Die Renaissance ist eben nicht eine Wiedergeburt der Antike, sondern ein Anwenden antiken Wissens auf moderne Fragestellungen. So heißen die „Bauernhöfe“ Palladios zwar wie ihre römischen Vorbilder „villa“, das lateinische Wort für das Dorf, die Stadt, das Amtshaus und das Landhaus – speziell in der Spätantike wurde es für die autarke dörfliche Gemeinschaft um das Haupthaus eines Eigentümers und Patrons benutzt -, aber der Architekt machte die römische Villa zu etwas völlig Neuem, zu einem Gebäudetyp, aus dem sich unsere moderne Villa, ein freistehende Einfamilienhaus, entwickelte.

Palladios Werk erschien im Jahr 1570, und dafür könnte es einen ganz praktischen Grund geben: Der 84jährige Jacopo Sansovino lag 1570 im Sterben. Er war es gewesen, der jahrzehntelang die öffentlichen Bauaufträge Venedigs an sich gezogen hatte. Wer würde seine Nachfolge antreten? Palladio musste sich positionieren. Vielleicht tat er dies mit Hilfe des in Venedig erschienen Buches, das seine schönsten Werke Revue passieren ließ. Und tatsächlich, als die Prokuratoren entscheiden mussten, wer den Auftrag für den Bau der Kirche „Il Redentore“ im Jahr 1577 erhalten sollte, fiel die Wahl auf Palladio.

Wir müssen uns an dieser Stelle nicht genauer mit den Bauten Palladios beschäftigen, schließlich soll das keine kunsthistorische Abhandlung werden. Viel wichtiger ist, festzuhalten, welche unglaubliche Internationalität Palladios vier Bücher über die Baukunst gewannen. Sie wurden nämlich nicht nur zu einem Best-, sondern auch zu einem Longseller – im In- und im Ausland: Es gab in den Jahren 1581, 1601, 1616 und 1642 Neuauflagen in italienischer Sprache. 1625 wurde das erste Buch ins Spanische übersetzt, 1646 alle Bücher ins Niederländische, 1650 ins Französische. Und das sind nur einige der frühen Übersetzungen…

Das Buch, das das MoneyMuseum kürzlich erwerben konnte, ist die erste Übersetzung ins Deutsche, die im Jahr 1698 erschien, also weit mehr als ein Jahrhundert nach Palladios Tod.

Georg Andreas Böckler, Architekt und Übersetzer des Palladio.

2. Teil: Das Buch

 

Deutschland um 1700

Als das uns vorliegende Buch frisch von der Druckerpresse kam, lag das Ende des 30jährigen Krieges exakt ein halbes Jahrhundert zurück. Die deutschen Städte, Fürstentümer und Abteien hatten sich von den wirtschaftlichen und personellen Verlusten erholt. Sie waren wieder zu Wohlstand gekommen, und den zeigten sie nur zu gerne durch die Errichtung prachtvoller Bauten. Mit anderen Worten: Architekten hatten Hochkonjunktur. Einer von ihnen war Georg Andreas Böckler, der für die Übersetzung der ersten beiden Bände von Palladio verantwortlich zeichnete.

Georg Andreas Böckler war Sohn eines protestantischen Pfarrers, und zwar nicht irgendeines protestantischen Pfarrers. Der alte Böckler war der letzte protestantische Pfarrer im fränkischen Cronheim, bevor die Stadt im Jahr 1661 an den Bischof von Eichstätt zurückfiel. Das bedeutete, dass alle, die in Cronheim bleiben wollten, ihre Konfession wechseln mussten und Pastor Böckler seine Arbeit verlor. Kein Wunder, dass Georg Andreas Böckler strikt protestantisch gesinnt waren und all den katholischen Pomp vehement ablehnte. Er suchte und fand seine Auftraggeber ausschließlich im protestantischen Bereich. Böckler war Baumeister beim (protestantischen) Herzog von Württemberg und im (reformierten) Brandenburg-Ansbach.

Warum die Religionszugehörigkeit eines Architekten für uns eine Rolle spielt? Ganz einfach: Es war für die Selbstdarstellung eines Fürsten von vehementer Bedeutung, ob sein Palast die barocke Pracht der (katholischen) Habsburger und der (katholischen) Bourbonen nachahmte oder sich durch andere Formen davon abhob. Und eine solche Alternative bot Palladio.

Böckler dürfte sich also ein gutes Geschäft von der Übersetzung versprochen haben, genauso wie das Verlagshaus, das dieses Werk publizierte: Die Familie Endter in Nürnberg. Deren Produkte richteten sich an einen protestantischen Leserkreis. Ihr Bestseller war die so genannte Kurfürstenbibel. Es handelte sich um eine Ausgabe der Lutherbibel, die durch zahlreiche Kupferstiche zur Reformationsgeschichte angereichert werden konnte. Sie ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie kundenorientiert das Verlagshaus arbeitete: Je mehr ein Käufer investieren wollte, umso mehr Bilder und Karten mochte er erwerben. Wobei sich viele Illustrationen nicht mit dem biblischen Geschehen, sondern mit der Verherrlichung der protestantischen Geschichte beschäftigen.

Kurz gesagt: Die Endters kannten ihre Kunden. Wir dürfen sicher sein, dass sie die Palladio-Übersetzung nicht herausgebracht hätten, wenn sie sich dafür keine guten Chancen auf dem von ihnen beherrschten Marktsegment ausgerechnet hätten.

Das Frontispiz: Statt einer Einleitung

Eingeleitet wird die deutsche Übersetzung des Schlüsselwerks von Palladio mit einem Frontispiz, das – anders als sonst üblich – ein Gedicht erläutert. Wir folgen in unserer Interpretation diesem Gedicht.

Eine weibliche Personifikation der Baukunst steht im Zentrum der Darstellung. Sie trägt als Königin der Künste eine Mauerkrone und hält mit Zirkel und Lot die wichtigsten Werkzeuge des Architekten als Attribut in der Hand. Dass es nicht nur um die Kunst, sondern auch um die wirtschaftlichen Aspekte eines Baus geht, dafür stehen die goldenen Ketten, die sie trägt. Mit ihnen wird der tüchtige Architekt für sein Können vom Auftraggeber reichlich belohnt.

Das Gewand der Baukunst ist mit Augen und Ohren geschmückt. Die Schönheit des Gebäudes soll eben für sich selbst sprechen, und der Architekt nicht auf das Gerede der Leute hören. Ihr Gürtel ist bestickt mit vielen Zahlen. Auch ihre Bedeutung erklärt das Gedicht: Der Gürtel, der sie schützt, mit Zahlen wohl beschlagen, heißt Arithmetica, die alles überschlägt, was Auf- und Abgang sei, ob man auch könnt ertragen die Kosten, die ein Bau auf seinem Rücken trägt. Die Worte Auf- und Abgang hatten in der frühen Neuzeit eine andere Bedeutung als heute. Aufgang waren die entstehenden Kosten, Abgang der unvorhergesehene Schwund. Mit anderen Worten: Mit Hilfe der Arithmetik berechnete ein kluger Architekt, ob ein Bauherr überhaupt in der Lage war, sich sein Projekt zu leisten – eine Frage, die bis heute von existentieller Bedeutung für jeden Neubau sein sollte.

Jedes einzelne Detail der Darstellung hat seine Bedeutung: Der geschürzte Rock der Baukunst steht für den Fleiß, der nötig ist, um ein Haus zu bauen; die fest umschnürten Beine für das feste Fundament, das ihm Halt geben soll. Auf der Hand der Baukunst hat sich eine kleine Schwalbe niedergelassen. Dieser Vogel, der aus Lehm feste Nester für mehrere Jahre baut, galt als Inbegriff der treu sorgenden Familie und symbolisierte, dass ein Bauherr sein Haus nicht nur für sich, sondern für viele Generationen errichtet.

Rechts von der Personifikation der Baukunst sind zahlreiche Werkzeuge und Maschinen angeordnet, wie sie beim Bauen benutzt wurden: Gut erkennbar ist eine Schubkarre und ein Kran mit seinem Laufrad, das von Tieren oder Menschen angetrieben wurde, um schwere Lasten in die Höhe zu befördern. Zu ihrer Linken finden wir Musikinstrumente, nämlich Orgel und Harfe. Die Musik galt wegen ihrer mathematischen Proportionen als eng verwandt mit der Baukunst, die für das Auge nur dann harmonisch ist, wenn ihre Bestandteile in einem perfekten Verhältnis zueinander stehen. Globus und korinthische Säule stehen dafür, dass ein Architekt sich seine Kunst durch weite Reisen in Raum und Zeit aneignen muss. Als Grundlage seines Wissens galt auch zur Zeit Böcklers immer noch Vitruv, dessen Werk demonstrativ zu Füßen der Baukunst liegt.

Ein Handbuch des Bauens

Böckler und der Verlag der Familie Endter wollten mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen kommerziellen Erfolg erzielen. So verzichteten sie darauf, das dritte und vierte Buch Palladios zu publizieren. Auch wenn diese Bücher ebenfalls reichlich illustriert waren, galten ihre Themen als nicht so profitversprechend. Sein drittes Buch hatte Palladio nämlich der Stadtplanung gewidmet, also öffentlichen Gebäuden und der Infrastruktur. Dafür war der Kundenkreis einfach kleiner, genau wie für das vierte Buch, das sich mit dem Kirchenbau beschäftigte.

Das erste Buch dagegen war geradezu ein Handbuch der Baukunst, das Palladio – nachdem er sich mit den wichtigsten Eigenschaften eines guten Architekten auseinandergesetzt hat – mit einer Abhandlung zu den verschiedenen Baustoffen beginnt. Holz, Stein, Sand, Kalk und Metalle: wie müssen sie beschaffen sein, um die optimale Grundlage jedes Baues zu bieten. Es folgen die einzelnen Bestandteile jedes Gebäudes, also Fundament, Mauern und Dach. Welche Möglichkeiten gibt es zu ihrer Gestaltung? Was muss der Architekt beachten?

Böckler erhöhte die Nutzbarkeit des Buchs für den deutschen Raum, indem er den Kapiteln Palladios seine eigenen Kommentare an die Seite stellt. Er rechnet die italienischen Maße in deutsche Einheiten um und hilft, die auf italienische Bedingungen optimierten Anweisungen den landesüblichen Voraussetzungen anzupassen.

In diesem ersten Buch handelt Palladio auch den Bauschmuck ab, vor allem die aus der Antike übernommenen Säulen. Hier zeigt der gelernte Steinmetz genau, in welchem Verhältnis Basis, Schaft und Kapitell stehen müssen, um ein harmonisches Erscheinungsbild zu erzeugen.

Besonders nützlich für den Architekten und seine Handwerker ist nicht der Text, sondern die vielen Illustrationen. Jedes Bauelement ist mit genauen Angaben zu den Proportionen bezeichnet. Palladio gibt sich nicht mit exakten Maßen ab, sondern nennt die Verhältnisse. Wer seine Proportionen für die Einzelteile übernimmt, erhält ein harmonisches Ganzes. So kann jeder Bauherr jedes von Palladio gezeichnete Bauteil in der von ihm gewünschten Größe reproduzieren.

Ob Aufsicht oder Seitenansicht, man merkt es den Skizzen an, wie viel Erfahrung Palladio gehabt haben muss, seinen Mitarbeitern zu erklären, wie sie seine Vorgaben für die architektonischen Details eines Baus umsetzen sollen.

Anregungen und Beispiele

Das zweite Buch widmete Palladio den verschiedenen von ihm geplanten Gebäuden. Hier liefert er den Architekten ein umfangreiches Musterbuch, aus dem sie sich Anregungen für ihre eigenen Projekte holen konnten. Das Spannende für uns ist, dass sich viele dieser Gebäude bis heute erhalten haben, und wir ihr Erscheinungsbild mit den Plänen vergleichen können, die Palladio einst seinen Auftraggebern vorlegte.

Ein Beispiel dafür ist der Palazzo Antonini in Udine, den Palladio im Auftrag von Floriano Antonini um 1556 zu errichten begann. Das Buch enthält den stilisierten Grundriss zusammen mit Palladios Anmerkungen. Dazu erhalten wir die Ansicht von Vorder- und Rückseite sowie weitere detaillierte Pläne und Ansichten.

Wie gesagt, es handelt sich um den ursprünglichen Plan, der so nicht bis ins letzte Detail umgesetzt wurde. Auch damals machten Architekten ihre Pläne und mussten sie danach an die Wünsche ihrer Auftraggeber anpassen. Es zeigt den Stolz des Künstlers Palladio auf seine Invention, dass er lieber die ursprünglichen Pläne präsentierte, nicht die letztendlich realisierten.

Palladios Spezialität waren Villen, also landwirtschaftliche Zentren, die nicht nur das zentrale Haus umfassten, sondern zahlreiche weitere Gebäude. Als archetypisches Vorbild versuchte er sich an der Rekonstruktion einer römischen Villa, wobei wir heute wissen, dass seine Rekonstruktion weit von der Realität entfernt ist.

Wichtig für unseren Zusammenhang ist, dass sich Palladio nicht nur als Architekt für das Herrenhaus verstand, sondern dieses im Zusammenhang mit den bäuerlichen Funktionsgebäuden – Scheune, Stall, Werkstätten – konzipierte. Einige Pläne zeigen deshalb den gesamten bäuerlichen Komplex wie im Fall der Villa Poiana. Sie wurde in den Jahren zwischen 1548 und 1549 für den als äußerst sparsam bekannten Bonifacio Poiana erbaut. Er verzichtete darauf, die landwirtschaftlichen Gebäude wie geplant in Stein zu errichten. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass ursprünglich etliche hölzerne Bauten die Villa umgaben, die sich nicht bis heute erhalten haben.

Schließen wir den Blick auf Palladios Entwürfe in seinem zweiten Buch der Baukunst mit seiner wohl bekanntesten Villa: La Rotonda. Der wunderschön auf einem Hügel gelegene Bau bot seinen Bewohnern einen prachtvollen Rundumblick auf die Landschaft. Er wurde in den Jahren zwischen 1567 und 1571 für einen hohen Geistlichen erbaut und galt als Gipfel der Schönheit. Viele Besucher waren so begeistert, dass sie ihn in ihrer Heimat nachbauen ließen. Wir kennen fünf Imitationen aus Großbritannien und weitere aus Frankreich, Deutschland und Polen. Die berühmteste von ihnen befindet sich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Thomas Jefferson, dritter Präsident des jungen Staatswesens in der neuen Welt, entwarf das Herrenhaus von Monticello selbst. Er nutzte dafür den Entwurf der Villa Rotonda von Palladio.

Das war übrigens keine Frage des Geschmacks, sondern ein politisches Statement. Zur Zeit Jeffersons war Palladio bereits das angesagte Vorbild all jener, die sich für Freiheit und Gleichheit und die Demokratie begeistern konnten. Wie es dazu kam, erfahren Sie im letzten Teil dieses Essays.

St. Paul’s Cathedral in London. Foto: UK.

3. Teil: Das Nachleben des Buches

 

Inigo Jones und der Palliadianismus

Es hat viele Gründe, warum Palladio so einen großen Einfluss auf die Baukunst der Moderne gewann. Einer davon hat eigentlich nichts mit Palladios Ästhetik zu tun, sondern mit dem Ort, an dem der Architekt seine wunderschönen Bauten errichtet hatte: In Venedig, dessen Umland und im benachbarten Vicenza.

Gehen wir zurück in die frühe Neuzeit. Wer damals etwas auf sich hielt, ob Adliger oder reicher Kaufmann, schickte seine Söhne auf die Grand Tour. Die Grand Tour war etwas ganz anderes als unsere moderne Bildungsreise. Zwar besichtigten die jungen Männer auch im 16. Jahrhundert zahlreiche Sehenswürdigkeiten, aber dabei ging es nicht um ein stures Abhaken der Attraktionen, sondern darum, seinen Geschmack weiter zu bilden. Statt mit dem Handy Selfies zu schießen, skizzierten die Halbstarken betreut von ihrem Lehrer die Bauten, die ihnen gefielen (bzw. die ihnen laut Aussage des Lehrers zu gefallen hatten).

Venedig war ein fester Bestandteil jeder Grand Tour. Schon allein, weil sein Unterhaltungsprogramm derart bekannt war, dass kein junger Mann darauf verzichten wollte. Die Bauten Palladios besaßen also das, was wir heute als „beste Lage“ bezeichnen würden. Es kamen an ihnen einfach sehr viele zukünftige Bauherren vorbei.

Einer von ihnen war Thomas Howard, 21. Earl von Arundel. Der kunstbesessene Mann hatte den damals schon ziemlich erfolgreichen Architekten Inigo Jones in seinem Gefolge. Der war von Palladio begeistert und baute nach seiner Rückkehr im Jahr 1614 bis zu seiner Entlassung unter Cromwell im Jahr 1642 unzählige Paläste und Herrenhäuser in dessen Manier. Inigo Jones fand viele Nachahmer, so dass sich in England ein eigener von Palladio angeregter Stil entwickelte, den Kunsthistoriker Palladianismus nennen.

Der Palladianismus war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts derart beliebt, dass das nach dem Brand von 1666 neu aufgebaute London überall an Palladio erinnerte. So könnte Palladio sogar Christopher Wren zur Kuppel der St. Paul’s Cathedral und ihrem Eingang im Stil eines Tempels inspiriert haben. Wren stand die 1663 erstmals ins Englische übersetzte Fassung von Palladios ersten Buch der Baukunst zur Verfügung. Dass der italienische Architekt auch im beginnenden 18. Jahrhundert seinen Einfluss behielt, sieht man daran, dass das gesamte Werk im Jahr 1715 ins Englische übersetzt wurde – inklusive der Bücher über Stadtplanung und Kirchenbau.

Symbole der Freiheit

Während die französischen Könige ihre Paläste im üppigen Barock- und Rokokostil errichteten, bevorzugten die Briten einfache Bauten, deren Grundrisse über Palladio direkt aus der Antike zu kommen schienen. Sie basierten auf Symmetrie und klaren Formen, die mit Hilfe der Mathematik leicht zu berechnen waren.

Klarheit, Mathematik, natürlich zog dieser Baustil die Aufmerksamkeit der Aufklärer auf sich. Die nach der geometrischen Logik konzipierten Räume entwickelten sich zu einem Politikum. Aufklärer outeten sich durch einen Verzicht auf das verspielte Rokoko. Sie schwärmten von Palladio, der die Baukunst – so sahen sie es jedenfalls – wieder auf ihre antiken Grundlagen zurückgeführt hatte. Und die Antike, das war für alle Gelehrten, die ihr Latein mit Hilfe der eleganten Texte eines Cicero gelernt hatten, die römische Republik. Sie galt als das Musterbeispiel einer erfolgreichen Demokratie – genauso wie Venedig, wo Palladios Villen entstanden waren. Venedig besaß ein kompliziertes Wahlsystem, das man für vorbildlich hielt, um eine dauerhafte Demokratie zu erreichen.

Wir müssen an dieser Stelle nicht betonen, dass weder die römische noch die venezianische Republik eine Demokratie in unserem Sinne war. Im Gegenteil: Nur ein winziger Teil ihrer Einwohner verfügte über politischen Einfluss. Doch das interessierte damals nicht. Schließlich gehörten ihre Verehrer exakt der gleichen sozialen Schicht an, die während der römischen Republik und in Venedig geherrscht hatte. Was lag also näher, als dem Architekten zu befehlen, die demokratische Gesinnung des Bauherrn mit Hilfe der Architektur öffentlich zu machen?

Ihren großen Triumph erlebten die Stilmerkmale Palladios während des Klassizismus, als kein revolutionärer Bau, kein Tempel des Volks ohne schmückende Säulenfassade und eindrucksvolle Kuppel auskam. Palladios Stilmerkmale verselbständigten sich derart, dass niemand mehr an Palladio dachte, wenn er sie sah.

Akademie von Athen, erbaut 1856 von Theophil von Hansen. Foto: A. Savin, cc-by-sa 3.0.

Wenn wir heute die im 19. Jahrhundert drastisch restaurierte Akropolis besuchen, sollten wir nicht vergessen, dass wir keinen rein genuin antiken Gebäudekomplex vor uns haben, sondern einen von Architekten geschaffenen Raum, der gleichzeitig mit den klassizistischen Gebäuden der Stadt entstanden ist. Unsere Vorstellungen von der antiken Baukunst fußen weniger in den jüngsten Erkenntnissen der Archäologie als in den Ideen, die ein einfacher Steinmetz entwickelte, der das Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu bauen und zu publizieren.

Der Formenschatz von Palladio ist aus unseren kollektiven Sehgewohnheiten nicht mehr wegzudenken.

 

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Herunterladen können Sie die komplette deutsche Übersetzung von Palladios Buch über diesen Link.

Als zentrale kulturelle Tätigkeit des Menschen wurde Baukunst auch auf Münzen abgebildet.

Was man sich im Mittelalter zur „Architectura Von Vestungen“ einfallen ließ, wenn’s Mauern allein nicht mehr taten, können Sie hier nachlesen.

Wie die barocke Theaterbühne architektonische Meisterwerke vollbrachte, zeigt aktuell die Ausstellung Architecture, Theater, and Fantasy der Morgan Library & Museum in New York (Meldung in englischer Sprache).