Der Literatur-Blog der Weimarer Klassik

Musen-Almanach für das Jahr 1796, herausgegeben von Friedrich Schiller

Gedruckt bei dem Hofbuchhändler Salomo Michaelis in Neustrelitz.

 

Blogs können eine hervorragende Möglichkeit sein, eigene kreative Produkte zu verbreiten, egal ob es dabei um Haiku-Imitate, Fotos vom letzten Urlaub auf Mallorca oder die neuesten veganen Backrezepte für Allergiker geht. Das Netz ist voll davon. Manche Blogs sind kurzlebig, andere gehen „viral“ und heimsen Preise ein wie den Grimme-Online-Award. Der Vorläufer dieser Blogs im 18. Jahrhundert war der Almanach. Einer der bekanntesten und einflussreichsten dieser zeitschriftenartigen Drucke war der „Musen-Almanach“, den Friedrich Schiller 1796 begründete.

Da viele von uns heute eher Blogs lesen als Almanache, klären wir erst einmal den Begriff.

 

Almanache gab es viele, so auch ein „Frauenzimmer-Almanach zum Nutzen und Vergnügen für das Jahr 1817“.

Was ist ein „Almanach“?

Die Herkunft des Wortes Almanach ist nicht eindeutig, führt aber stets in den arabischen Kulturkreis und zu Bedeutungen wie „Neujahrsgeschenk“ oder „Kalender des Firmaments“. Tatsächlich waren Almanache ursprünglich astrologische Tabellen, oder „Tafelwerk“ – nüchterne Zahlenkolonnen, in denen Forscher bestimmte Konstellationen von Himmelskörpern nachschlagen konnten. Als solche waren sie in der Frühen Neuzeit ungemein wichtig und der „Almanach auf das Jahr 1448“ ist eines der ersten Druckwerke überhaupt.

Mit der Zeit erweiterten die Herausgeber geschickt ihren Adressatenkreis weg von einem (zahlenmäßig sehr begrenzten) wissenschaftlichen Fachpublikum hin zu einer breiten Kundschaft. Das schafften sie mit einem simplen Kniff: Sie ergänzten die trockenen Tabellen zunehmend um ganz praktische weltliche Ereignisse, die auch Normalbürger interessierten, wie Feste, wichtige Marktplätze und dergleichen. Im 17. Jahrhundert sorgten dann Anekdoten oder Kurzgeschichten für Kurzweil und die Almanache spezialisierten sich: Es gab landwirtschaftliche und nautische Almanache, diplomatische und eben literarische, so wie unseren „Musen-Almanach“.

Wir dürfen wohl getrost an die heutigen (boomenden!) Kunstkalender denken, deren Themenspektrum von Mirò und Klimt über Henri Cartier-Bresson zu Katzen und Bonsaigärten reicht. Und bei denen sich kaum jemand für die filigran gesetzten Monatstage interessiert. Die ruft man sowieso vom Handy aus ab, die „Kalender“ dienen als Augenweide und werden alle zwölf Monate gewechselt.

Friedrich Schiller, porträtiert von Ludovike Simanowiz im Jahr 1794.

Schiller anno 1796

Der Herausgeber unseres „Musen-Almanachs“, Friedrich Schiller, hatte sich 1796 mittlerweile in halbwegs gesicherten Verhältnissen etabliert. Obwohl er seit Jahren einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache gewesen war, hatte er stets am sprichwörtlichen Hungertuch genagt. Erst eine Professur für Geschichte in Jena sicherte ihm 1789 im Alter von dreißig Jahren ein geregeltes Einkommen.

Außerdem war Schiller bis dahin seinem Kollegen Johann Wolfgang Goethe ein Dorn im Auge gewesen. Die beiden konnten sich nicht ausstehen: Der zehn Jahre jüngere Schiller erinnerte den arrivierten Goethe an seine eigene lang zurückliegende Sturm-und-Drang-Zeit, Schiller wiederum beneidete den Älteren um dessen finanziellen Erfolg. Doch 1794 änderte sich das und die beiden Literaturgiganten begründeten ihr brüderliches Freundschaftsverhältnis, das sie bis heute in trauter Zweisamkeit auf unzähligen Podesten stehen lässt.

Die daraus resultierende kreative Explosion führte unter anderem zu zwei Publikationen: den 1795 begründeten Horen, einer Literaturzeitschrift, und eben jenem „Musen-Almanach“, den Schiller im folgenden Jahr herausgab.

Raubkopieren ist nicht strafbar

Anders als heute gab es zur Zeit der Weimarer Klassik kein einklagbares Recht auf geistiges Eigentum. Die literarischen Almanache dienten daher auch dazu, eigene Werke möglichst rasch zu publizieren, bevor ein anderer mit ihnen den Reibach machte. Lange zu warten, bis man ein ganzes Buch mit eigenen Poesien gefüllt hatte, konnte in diesen Zeiten den finanziellen Ruin bedeuten. Das galt sogar für die Almanche! Ein trauriges Beispiel war der „Göttinger Musenalmanach“. 1770 erschien er, prall gefüllt mit glänzender Dichtkunst – und war doch schon veraltet. Engelhard Benjamin Schickert hatte von dem Projekt Wind bekommen und kurzerhand einen „Leipziger Almanach der deutschen Musen“ aus dem Boden gestampft, in dem zahlreiche Beiträge der Göttinger Erstausgabe erschienen. Und Schickert war das Husarenstück gelungen, sein – nun ja, Konkurrenzprodukt bereits 1769, also ein Jahr vor dem Original rauszuhauen! Der Konkurrenzkampf war hart.

 

Schillers „Musen-Almanach“

1796 warf also Schiller seinen Hut in den Ring mit seinem ersten „Musen-Almanach“. Drucken ließ er ihn in Neustrelitz bei dem Hofbuchhändler Salomo Michaelis. Betrachtet man das Inhaltsverzeichnis, erkennt man sofort zwei Dinge: Erstens, dass Schiller natürlich auch seine eigenen Dichtungen hier in umfangreichem Maß veröffentlichte. Und zweitens, dass er trotz des Konkurrenzdrucks namhafte Kollegen für seinen Almanach hatte gewinnen können, an allererster Stelle Goethe.

Diese Almanache waren auch so etwas wie Freundschaftslisten, vergleichbar mit den Freunden heute bei Facebook oder LinkedIn: Man erkannte sofort, wer in seiner Branche wie gut vernetzt war. Und neben Schiller und Goethe lesen wir in diesem roten Buch Namen wie August Wilhelm Schlegel und Johann Gottfried Herder (die teilweise zusätzlich auch unter Pseudonym schrieben).

Sophie Friederike Mereau (1770-1806) war als Schriftstellerin in der Romantik überaus erfolgreich, auch dank Schillers Unterstützung. Der hohe Preis, den sie dafür zahlte, war ein tragisches Privatleben.

Inmitten dieser männlichen Literaturheroen sticht der Name einer Frau hervor: Sophie Mereau, die spätere Gattin von Clemens Brentano. Schiller hatte die junge Schriftstellerin seit längerem gefördert und bot ihr hier eine neue Plattform, die zu ihrem Erfolg als Autorin beitrug.

Ach so, neben dem literarischen Inhalt gab es natürlich auch noch das astrologische Feigenblatt, das den Namen dieser Publikation als Almanach rechtfertigte, die Kalendertabellen mit den Tageslängen, Mondphasen und Heiligentagen.

 

Kurz und intensiv

Der „Musen-Almanach“ war äußerst erfolgreich und galt ganzen Generationen als Vorbild eines literarischen Almanachs. Einen Fehler dürfen wir allerdings nicht machen: Wir sollten diese Almanache nicht als „Literaturzeitschriften“ sehen. Auf den ersten Blick mögen sie so wirken, aber Zeitschriften sind in der Regel langfristig angelegte Projekte, die oftmals ihre Herausgeber überleben.

Bei den Literaturalmanachen zu Schillers Zeit lassen Sie uns lieber an die bereits zitierten Blogs denken. Ihre Herausgeber hatten unbändige Freude beim Zusammenstellen der Inhalte, man konkurrierte miteinander, wer die angesagtesten Gastautoren akquirierte und welchen künstlerischen Coup man landete. Schillers zweiter Band von 1797 war übrigens ein solcher Coup: darin veröffentlichte er die zusammen mit Goethe geschriebenen „Xenien“, bissige Spottgedichte auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb. Ein absoluter Bestseller – von den Lesern geliebt, von den Kollegen gehasst!

Doch wie es mit solchen Herzensprojekten ist, Blog oder Almanach, irgendwann erlöscht die Leidenschaft, man bricht auf zu neuen Ufern. 1799 zog Schiller zurück nach Weimar, wo er in den folgenden Jahren mehrere große Werke fertigstellte: „Maria Stuart“, „Die Braut von Messina“ und den „Wilhelm Tell“. In dieser äußerst produktiven Phase bedeutete das Jahr 1800 das Ende des Kurzzeitprojekts „Musen-Almanach“.

Doch wie bei den Beatles gilt auch für Schillers Almanach: In seiner kurzen Existenz hatte dieser Literaturblog avant la lettre ein großes Publikum begeistert, künstlerische Ideen transportiert und Maßstäbe gesetzt. Noch im späten 19. Jahrhundert, als Musenalmanache ein Revival erlebten, blieb Schillers „Musen-Almanach“ die Referenz.

 

Bei Wikisource finden Sie den „Musen-Almanach für das Jahr 1796“.

Auch wenn es in der Weimarer Klassik kein einklagbares Recht auf geistiges Eigentum gab, ein guter Bekannter Schillers aus Weimar, Friedrich Justin Bertuch, hätte sich ein solches sicher gewünscht. Erfahren Sie hier, warum.

Unser Bild des Schweizers ist immer noch stark von dem beeinflusst, was Friedrich Schiller über Wilhelm Tell zum Besten gegeben hat. Aber woher wusste der Schwabe, dass in den Schweizer Bergen ein edles Volk lebte?