Der Kampf zwischen der Wahrnehmung und dem Papier

Galileo Galilei, Discorso al Serenissimo Don Cosimo II … intorno alle cose, che stanno sù l’Acqua, ò che in quella si muovono … Zusammengebunden mit zwei Entgegnungen anderer Autoren.

Gedruckt in Bologna 1655 bei Dozza.

Über 300 Jahre brauchte die römisch-katholische Kirche, um ihren Frieden mit Galileo Galilei zu machen. Galilei war nicht erste, der dem kirchlichen Weltbild widersprach. Aber bis heute sehen wir in ihm jemanden, der der Vernunft folgte und zu seiner Überzeugung stand, auch gegen die vorherrschenden Ansichten. Dabei war Galilei ein gläubiger Katholik und ähnlich wie Luther wollte er reformieren, nicht spalten. Vor allem aber wollte er forschen. Und dabei geriet er zunächst gar nicht mit der Kirche in Konflikt, sondern mit Gläubigen ganz anderer Art: mit den Artistotelikern. Von diesem wissenschaftlichen Konflikt zeugt ein Druck von 1655, der eine berühmte Schrift des Galilei mit zwei Gegenschriften zusammengebunden hat. Wir steigen also direkt ein in den wissenschaftlichen Diskurs um 1612 …

1609 schrieb Galilei an den Dogen von Venedig und bot ihm ein von ihm gebautes Teleskop an: zur Feindaufklärung. Ein Entwurf des Briefs zeigt aber, dass der Forscher längst erkannt hat, was man wirklich damit tun kann: den Himmel beobachten. Die „Flecken“ im unteren Bereich sind die Positionen der „Galileischen Monde“.

Hofmathematiker und Astronom

1610 erlebte Galileo Galilei seinen Durchbruch. Im Jahr zuvor hatte er von einer hochmodernen Erfindung erfahren, die sein Leben verändern sollte. Ein gewisser Jan Lippershey hatte Linsen in einem Rohr hintereinander montiert – ein erstes Fernrohr. Die Herrscher dankten es ihm wegen der Einsatzmöglichkeiten zur Feindaufklärung im Krieg. Galilei baute sich so ein Gerät nach und begriff sofort die revolutionäre Möglichkeit für die Beobachtung von Himmelskörpern. Als er die vier Monde des Jupiter entdeckte, die man mit bloßem Auge nicht zu sehen vermag, hatte er seinen neuen Vertrag schon in der Tasche. Von der Universität in Padua wechselte er an den Hof der Medici nach Florenz und schmeichelte seinen neuen Herren, indem er den neu entdeckten Monden den klangvollen Namen „Mediceische Gestirne“ verlieh (heute kennen wir sie trotzdem als „Galileische Monde“).

Ein Gemälde von Justus Sustermans zeigt Galileo Galilei als alten Mann.

Er hatte allen Grund zur Dankbarkeit: Als Hofmathematiker, Hofphilosoph und Mathematikprofessor in Pisa ohne Lehrverpflichtung genoss das Genie völlige Forschungsfreiheit. Vor allem die astronomischen Untersuchungen faszinierten ihn, er verbesserte sein Teleskop andauernd. Seine Beobachtungen wurden von vielen angezweifelt, auch weil die Qualität der Teleskope noch sehr unterschiedlich war. Kollegen Galileis weigerten sich angeblich sogar durch sein Teleskop auch nur zu schauen! Seine Monde hatten für Furore gesorgt, denn es waren die ersten Himmelskörper, die sich nicht unmittelbar um die Erde drehten. 1611 stellte Galilei sein Gerät im Vatikan den Jesuiten vor. Sie galten seinerzeit als höchste Autorität in der Wissenschaft und überprüften Galileis Beobachtungen und bestätigten sie. Nun konnte Galilei sich auf einen ganz anderen Kampf konzentrieren …

 

Mathematik gegen Logik, Sinne gegen Papier

Noch immer galt die Scholastik als wissenschaftliche Richtung, die das zur kirchlichen Doktrin passende Weltbild lieferte. Diese mittelalterliche Lehre stützte sich vor allem auf die Schriften des griechischen Philosophen und Forschers Aristoteles. Nach ihrem Säulenheiligen bezeichneten sich viele Denker als Aristoteliker oder Peripatetiker und klebten mittlerweile mehr an den Buchstaben seiner Werke als an den eigentlichen Fragen, die sie beantworten sollten. Allein mit den Sätzen der Logik glaubten diese Philosophen, die ganze Welt erklären zu können. Dabei übersahen sie, dass Aristoteles selbst alles andere gewesen war als ein Stubenhocker ohne Bezug zur Wirklichkeit. In ihren verkrusteten Überzeugungen galt vielen das Wort des Meisters ähnlich unantastbar wie die Worte der Bibel. So waren die Aristoteliker überzeugt, dass Gegenstände nicht aufgrund ihres spezifischen Gewichts auf dem Wasser schwimmen, sondern abhängig von ihrer Form, weil Aristoteles das einst angenommen hatte. Dabei hatte bereits eine Generation nach Aristoteles der Grieche Archimedes entsprechendes erkannt. (Wir erinnern uns an die Badewanne und den Ausruf „Heureka!“.)

Man sollte meinen, dass sich dies leicht experimentell klären ließe, doch Experimente waren unter diesen Gelehrten gerade nicht angesagt. Da platzte ein Hitzkopf wie Galilei rein und schrieb 1612 mit all seiner Autorität im Hintergrund eine Schrift über „Die Dinge, die sich auf dem Wasser befinden oder in ihm schwimmen“. Mithilfe von mathematischen Zeichnungen legte er eine klare Beweisführung vor, wieso Aristoteles irrte – und brachte die Aristoteles-Gläubigen gegen sich auf.

Natürlich blieb das nicht unbeantwortet. Vor allem zwei Aristoteliker fühlten sich berufen, Galilei schriftlich zu entgegnen: der Florentiner Philosoph Lodovico delle Colombe und Vincenzo M. Di Grazia. Ihre Aufsätze sind von höchster Eloquenz und vor allem ein Name taucht immer wieder auf: Aristoteles. Es geht den beiden nämlich nicht darum, zu beweisen, wie die Dinge liegen, sondern dass Aristoteles recht hat, dass er geradezu unfehlbar ist, dass man ihm nicht wiedersprechen darf. Das ist für uns heute schwer nachvollziehbar und entspricht nicht unserer Vorstellung von Wissenschaft.

Galilei bemerkte in einer späteren Schrift trocken dazu: „Nur Blinde bedürfen des Führers im offenen und ebenen Lande. Studiert den Aristoteles, aber gebt euch nicht ganz und gar seiner Autorität gefangen. Kommt mit Gründen, nicht mit Texten und Autoritäten, denn wir haben es mit der Welt unserer Sinne, nicht mit einer Welt von Papier zu tun.“

Dabei schätzte auch Galilei viele Ansätze und Erkenntnisse des Aristoteles, aber er gehörte doch zu den jungen Wilden, zu den modernen Forschern, die nicht nur lesen und glauben, sondern auch hinterfragen und überprüfen. So hatte es schließlich auch Aristoteles getan.

Im Palazzo Pitti in Florenz widerlegte Galileo Galilei seine Kontrahenten ganz praktisch: durch ein Experiment. Foto: Stefan Bauer / CC BY-SA 2.5

 

Zeitzeugnis eines (un-)wissenschaftlichen Diskurses

Galilei erkannte, dass sich dieser eigentlich völlig überflüssige Diskurs nicht mit Erwiderungen auf die Gegenschrift beenden ließ, sondern nur mit einem unwiderlegbaren Beweis. Am 2. Oktober 1612 lud Galileis Brotherr, der Großherzog der Toskana, Cosimo II. zu einem Experiment in den Palazzo Pitti in Florenz. Da Galilei dem Großherzog sein Werk „Über die schwimmenden Körper“ gewidmet hatte, stand auch dessen Ehre auf dem Prüfstand. Galilei demonstrierte in einer praktischen Vorführung, dass seinen Aussagen keine philosophischen Wortklaubereien oder sinnfreien Spiegelkämpfe zugrundeliegen, sondern beweisbare naturwissenschaftliche Erkenntnisse: ein Sieg der Sinne über das Papier! Ende der Diskussion. Von den beiden Kontrahenten Galileis wissen wir heute fast gar nichts mehr.

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, also rund 10 Jahre nach Galileis Tod, veröffentlichte der Bologneser Buchdrucker Dozza verschiedene Schriften Galileis, darunter auch eine zweibändige Werkausgabe. Darin wurden die Werke einzeln paginiert, Kunden konnten sich ihren gewünschten Galilei auch maßgeschneidert zusammenstellen lassen. Da erschien es Dozza wohl als sinnvoll, die wahre Größe des Universalgelehrten dadurch hervorzuheben, dass er mit der Schrift „Über die schwimmenden Körper“ (aus der zweiten Auflage der Gesamtausgabe) auch gleich die inhaltlich eher seichten Entgegnungen zusammenband. Denn auch wenn Galileis Position uns heute selbstverständlich erscheint, dokumentiert diese Ausgabe, wie sensibel man um 1650 für diesen wissenschaftlichen Diskurs war. Immerhin hatte Galilei im Vorwort dieser Schrift eine andere höchst explosive Entdeckung erwähnt, die er seinen Teleskopen verdankte: die Sonnenflecken. Und die waren es, die ihn immer weiter von den wissenschaftlichen Positionen entfernte, die die Kirche akzeptierte.