Der andere Rousseau

François Gacon, Histoire satyrique de la vie et des ouvrages de M. Rousseau, en vers ainsi qu’en prose.

Gedruckt 1716 in Paris bei Pierre Ribou.

Als Gacon seine Satire über den großen Rousseau – sie galt wohlgemerkt dem Schriftsteller Jean Baptiste Rousseau; der heute wesentlich bekanntere Philosoph Jean Jacques Rousseau wurde zu seiner Zeit nur als der kleine Rousseau bezeichnet – nun, als Gacon sein Buch veröffentlichte, war jeder zweite Autor ein Mann der Kirche; ein weiteres Viertel aller Dichter stammte aus dem Adel. Das Bürgertum dagegen spielte im Literaturbetrieb kaum eine Rolle, und zwar aus dem einfachen Grund, weil man für das Bücherschreiben selbst kein Geld bekam.

Das hatte sich, als Voltaire im Jahr 1778 starb, völlig verändert. Die Schriftstellerei war profitabel geworden. Deshalb kam zu diesem Zeitpunkt bereits der Löwenanteil aller Schriftsteller aus dem Bürgertum. Der Anteil der Kleriker war dagegen auf ein Drittel, der der Adligen auf 15 % gesunken.

Ein Pionier unter den bürgerlichen Schriftstellern, der den Weg zum Berufsbild „Autor“ eröffnete, war Jean Baptiste Rousseau.

Eine Welt von Mäzenen und Abhängigkeiten

Jean Baptiste Rousseau wurde 1671 als Sohn eines kleinbürgerlichen, nichtsdestotrotz wohlhabenden Schuhmachers geboren. Der Vater hoffte darauf, dass sein intelligenter Sohn Karriere machen würde. Er vertraute ihn deshalb den Jesuiten zur Ausbildung an. Dort lernte der talentierte junge Mann das Schmieden von Versen, und zwar in französischer und lateinischer Sprache. Rousseau war begabt, und das öffnete ihm alle Türen. Er wurde zu einem gern gesehenen Gast in den Palästen der Adligen. Die hatten damals nämlich großen Bedarf an Schriftstellern.

Wir müssen uns vorstellen, dass all diese Adligen in Paris und Versailles nichts anderes zu tun hatten, als um ihren Rang bei Hofe zu streiten. Dafür benötigte man Intelligenz, einen Hang zur Intrige und Intellektuelle mit spitzer Zunge und spitzer Feder, die den Rivalen, die Rivalin dem öffentlichen Gelächter preisgaben. Nun verfügte Jean Baptiste Rousseau über einen besonders bissigen Humor. Der öffnete ihm jeden Salon: Er unterhielt eine gelangweilte Aristokratie mit seinen boshaften Bonmots. Geld verdiente er, weil adlige Mäzene mit ihren Geldgeschenken sicherstellten, dass nicht sie selbst zum Ziel der gewagten Scherze wurden, sondern ihre Kontrahenten.

Doch Rousseau war nicht der einzige, der so Geld verdiente. Da gab es andere Intellektuelle, die genauso sarkastisch zu parlieren wussten. Die galt es zu übertreffen – und schwuppdiwupp hatte man sich vom launigen Scherz zur Beleidigung verstiegen. Und das war gefährlich, vor allem wenn der Beleidigte dem Adel angehörte.

Satirische Darstellung, den Stand von Jean Baptiste Rousseau thematisierend. Das Handwerk des Vaters steht im Mittelpunkt. Die schriftstellerische Tätigkeit des Sohns wird in den Bildern über dem Kamin verspottet.

Der große Fehler

Ultimatives Ziel jedes ernsthaften Dichters war es, Mitglied der Académie française zu werden. Diese Institution war damit betraut, über die Reinheit der französischen Sprache zu wachen. Nicht allzu viel Arbeit. Praktisch aber bedeutete ein Sitz in der Académie, dass sich sein Besitzer nie wieder finanzielle Sorgen machen musste. Königliche Pensionen und andere Privilegien machten diese Ehre unglaublich attraktiv.

Natürlich träumte auch Rousseau davon, einen Sitz in der Académie française zu erwerben. So bewarb er sich darum, als einer frei wurde. Er war natürlich nicht der einzige, der das tat. Ein anderer Kandidat wurde ihm vorgezogen: Antoine Houdar de La Motte.

Rousseau war wütend. Und bald kursierten Epigramme im Stile Rousseaus, die alle, die La Motte unterstützt hatten, verunglimpften. Sie waren nicht witzig, sondern beleidigend, ja blasphemisch. Eines davon attackierte den Gönner von La Motte, den adligen Hauptmann La Faye. Der bestellte Jean Baptiste Rousseau ins Palais-Royal ein und verabreichte ihm dort eine tüchtige Tracht Prügel. Nichts Ungewöhnliches übrigens. Voltaire sollte im Jahr 1726 ebenfalls für einen seiner Scherze Prügel beziehen.

Rousseau ließ sich das nicht gefallen. Er reichte gegen den Hauptmann Beschwerde wegen Körperverletzung ein. Der reagierte mit einer Beschwerde wegen Verleumdung. Das war ein schwerwiegender Vorwurf. Der gute Ruf eines Adligen war kostbarer als der zerschlagene Rücken eines Bürgers. So zog Rousseau sofort seine Klage zurück und beschuldigte Joseph Saurin, einen damals recht bekannten Mathematiker, die Verse verfasst zu haben.

Die Affäre kam vor Gericht und das befand Jean Baptiste Rousseau der Beleidigung und Verleumdung schuldig. Er musste 4.000 Livres Schadensersatz zahlen und wurde in die lebenslange Verbannung geschickt.

Skandale sind immer ein gutes Geschäft

Natürlich sprach man in ganz Paris über nichts anderes als den Sturz des einst so berühmten Literaten. Und natürlich nutzten die lieben Kollegen die gute Gelegenheit. François Gacon, der davon lebte, alles und jeden in seinen Satiren zu verspotten, veröffentlichte 1712 seinen Anti-Rousseau, witzige Gedichte im Stile des Verbannten, die dessen Schicksal ins Lächerliche zogen. Und weil das ein so gutes Geschäft war, schob er 1716 ein zweites Buch nach, das wir kürzlich für die Bibliothek des MoneyMuseums erwerben konnten. Darin waren nicht nur die erfolgreichen Gedichte des Anti-Rousseau enthalten, sondern auch Dokumente, die sich mit dem Prozess beschäftigten.

Man muss es sich bildlich vorstellen, wie in den Salons, in denen noch kurz zuvor Rousseau wegen seiner gekonnten Wortspiele bewundert worden war, nun unter allgemeinem Gelächter aus diesem Büchlein vorgelesen wurde.

Ein Opfer Voltaires

Heute weiß kaum noch jemand etwas über den unglücklichen Jean Baptiste Rousseau. Er wird von Spezialisten als mediokrer Gelegenheitsdichter abgetan. Das sahen seine Zeitgenossen anders. Nach seiner Flucht unterstützte ihn zunächst der französische Botschafter in der Schweiz. Er beherbergte ihn in Solothurn. Dort lernte ihn Prinz Eugen, der große Türkensieger, kennen, der in den folgenden Jahren für Rousseaus Leben in Wien aufkam. Danach finanzierte ihn der Duc d’Arenberg, damals ein großer Unterstützer der Aufklärung, der auch mit Voltaire korrespondierte.

Und auf dessen Schloss traf Rousseau den aufgehenden Stern, Voltaire. Was genau sich zwischen den beiden abspielte, werden wir nie wissen, aber Rousseau und Voltaire kultivierten danach ihre Feindschaft. Für Jean Baptiste hatte das historische Folgen: Unser Bild vom streitsüchtigen, sich selbst überschätzenden Großmaul Rousseau geht auf eine Biographie aus der Feder Voltaires zurück.

Aber wie gesagt, Rousseau durfte noch miterleben, dass Voltaire selbst öffentlich verprügelt und gedemütigt wurde, und dass er – als er nicht davon ablassen wollte, den dafür verantwortlichen Adligen zur Rechenschaft zu ziehen – ebenfalls ins Exil gezwungen wurde.

Es barg damals eben seine Risiken, keine adligen Eltern, sondern nur ein bisschen Esprit sein eigen zu nennen.

 

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