Christlich für Dummies

Erasmus von Rotterdam, Enchiridion militis christiani

Herausgegeben in Leiden von Ioannis Maire 1641

 

Er gehört zu den Geistesheroen des Humanismus: Erasmus von Rotterdam, der die Reformation vorbereitete, ohne jemals dem katholischen Glauben untreu zu werden. Ja, seine Verehrer vergessen nur zu gerne, dass dieser uneheliche Sohn eines katholischen Priesters und seiner Haushälterin ohne die Kirche nie die Ausbildung erhalten hätte, die ihn zu dem machte, als der er in die Geschichte einging.

Zusammen mit seinem älteren Bruder Pieter besuchte Erasmus die Lateinschule des Deventer Stifts St. Lebuinus. Nach dem Tod der Eltern war kein Geld mehr da für eine Ausbildung. Und so brachte der Vormund den älteren Pieter bei den Augustinern in Delft, Erasmus ebenfalls bei den Augustinern, aber in Gouda unter. 1492 empfing Erasmus sogar die Priesterweihe.

Und damit hätte er vielleicht das Leben vieler anderer braver Klosterinsassen gelebt, wohl versorgt und ohne Höhepunkte, doch der Bischof von Cambrai brauchte einen Sekretär, und deshalb erteilte er dem kleinen, aber fähigen Augustiner die Dispens, sein Leben trotz der Weihen außerhalb des Klosters zu führen.

Erasmus genoss es. Er blühte auf. Erst im Dienste des Bischofs, dann in Paris, an der Sorbonne. Dort lernte er Thomas Morus kennen, der ihn an den englischen Hof mitnahm – kurz der Augustinermönch schnupperte den Duft der großen weiten Welt – und der gefiel ihm besser als der abgestandene Mief seiner Klosterzelle.

Die Titelseite des Enchiridion militis christiani von Erasmus von Rotterdam. Nicht die Erstausgabe, sondern gedruckt 1641 in Leiden von Johannes Maire.

Soldat im Dienste Christi

Ob Erasmus ein schlechtes Gewissen hatte? Dass er sich mit der Frage auseinandersetzte, ob ein Mannes außerhalb des Klosters ein christliches Leben führen könne, das wissen wir aus seinem Enchiridion militis christiani, ein Büchlein das er um 1501 fertig stellte und das erstmals 1503 in Antwerpen gedruckt wurde. Ohne großen Erfolg übrigens.

Es gibt eine hübsche Geschichte darüber, wie Erasmus überhaupt auf die Idee gekommen sein soll, das Enchiridion zu schreiben. Er habe die Bitte einer Frau erfüllt, die mit einem Soldaten – nach anderer Überlieferung mit einem deutschen Geschützgießer, einem Waffenproduzenten der damaligen Zeit – verheiratet war. Sie habe ihren Ehemann zu einer christlichen Lebensführung bewegen wollen.

Ob das wahr ist? Si non è vero, è ben trovato, denn die Welt des Krieges ist allgegenwärtig. Das ganze Buch durchzieht der Vergleich eines wahren Christen mit einem Soldaten, der im Dienste Christi gegen das Böse kämpft. Schon der Name Enchiridion ist doppeldeutig. Damit kann sowohl das Handbüchlein gemeint sein als auch der Dolch, damals der unentbehrliche Begleiter jedes Soldaten.

Erasmus beruhigte all diejenigen, die sich eben nicht ins Kloster zurückziehen wollten. Es sei auch im weltlichen Leben möglich, die Nachfolge Christi anzutreten. Voraussetzung dafür sei es, die Tugenden zu verinnerlichen, also Demut, Milde, Barmherzigkeit und Menschenliebe im Alltag zu praktizieren. Dann könne man auf abergläubische Praktiken wie Reliquienverehrung verzichten. Es gehe um die innere Haltung, nicht um die äußere Form. Der Laie sei dabei genauso viel wert wie der Kleriker, ein Ansatz, den die Protestanten später begeistert aufgreifen sollten.

Die Basler Ausgabe von 1518

Wirklich bekannt wurde das Enchiridion des Erasmus übrigens erst mit der Ausgabe von 1518, die der Basler Buchdrucker Johann Froben besorgte, ein enger Freund des Erasmus von Rotterdam, bei dem dieser später viele Jahre leben sollte. Dem eigentlichen Text wurde ein Brief an den Abt des Benediktinerstifts Hügshofen bei Schlettstadt, Paul Volz, vorausgeschickt, in dem Erasmus die Ideen seines Büchleins programmatisch zusammenfasste. Auch jener Paul Volz war übrigens Priester und Humanist und gehörte wie Erasmus von Rotterdam zu all jenen, die die katholische Kirche kritisierten, sich aber nicht der Reformation eines Luther, eines Zwingli oder eines Calvin anschlossen.

Hans Holbein der Jüngere, Erasmus von Rotterdam. Kunstmuseum Basel. Foto: KW.

Über allen Konfessionen

Erasmus von Rotterdam stellte das Gewissen des Individuums in den Mittelpunkt seines Denkens, und diesem Individuum widerstrebte es, sich der neuen Lehre anzuschließen, nicht weil sie neu war, sondern vielleicht weil sie genauso schnell dogmatisch wurde, wie die katholische Kirche es gewesen war.

Damit setzte sich Erasmus zwischen alle Stühle. Doch sein Vorteil war es, dass er ein so brillanter Autor war, dass er es nicht nötig hatte, sich den Mächtigen anzudienen. Er konnte vom Ertrag seiner Bücher leben. Keine Selbstverständlichkeit damals, im Gegenteil. Zum Zeitpunkt seines Todes waren rund 150 Bücher erschienen. Und die – so schätzt man heute – machten allein 10 bis 20 % des gesamten Buchhandels in Europa aus. Das Enchiridion trug zu diesem Erfolg bei. Es wurde allein in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts um die 85mal gedruckt und gilt als eines seiner einflussreichsten Werke.

Erasmus von Rotterdam starb am 12. Juli 1536 in Basel, ohne die Sterbesakramente erhalten zu haben. Seine letzten Worte sollen gewesen sein „Lieve God – lieber Gott“. Anscheinend fürchtete er das Fegefeuer nicht. Er wird die Ratschläge seines eigenen Enchiridion militis christiani beherzigt haben.

 

Wenn Sie in das Buch hineinschauen wollen, hier ist eine Ausgabe aus Mainz von 1522.