Auf das Schafott mit dem Statistiker!

Das Titelblatt von Johann Heinrich Wasers „Abhandlung vom Geld“.

Johann Heinrich Waser, Abhandlung vom Geld

Gedruckt 1778 in Zürich

Johann Heinrich Waser war mit Sicherheit einer der klügsten und innovativsten Köpfe im Zürich des 18. Jahrhunderts. Nicht dass das seine Zeitgenossen zu schätzen gewusst hätten. Sie stießen sich an seiner enormen Rechthaberei und daran, dass er – als einer der ersten Vertreter der statistischen Methode – die Mächtigen mit dem gleichen Maße maß wie alle anderen.

Johann Heinrich Waser, Kupferstich von Johann Rudolf Holzhalb.

Ein Talent für Zahlen

Die Erhebung und Auswertung statistischer Daten war nämlich Wasers Steckenpferd. Er nutzte diese Begabung in vielen verschiedenen Bereichen. So berechnete er die Größe der Schweizer Kantone neu, stellte deren Bevölkerungsdichte fest, erarbeitete eine Art Bruttosozialprodukt und träumte von einem politischen Barometer, durch das er wirtschaftliche Umstände mit der Unzufriedenheit des Volkes in Verbindung bringen wollte.

Geldentwertung

Der Zündstoff, der in Wasers logisch einwandfreien Rechnungen steckte, war die Tatsache, dass die Politiker seinen unangreifbaren Zahlen nichts entgegenzusetzen hatten. Da gab es nichts mehr zu beschönigen. Die Zahlen sprachen für sich. Und die Zeit der Aufklärung glaubte an die Vernunft und damit an die Berechenbarkeit der Welt. Wenn sich also Waser in seinem Buch „Abhandlung vom Geld“ mit dem realen Wert der Münzen beschäftigte, dann war das nicht nur Wissenschaft, sondern politischer Sprengstoff. Und der für die Armen eintretende Waser verband damit auch noch eine moralische Botschaft:

„Ein armes Volk lebt mit wenigem vergnügt und hat nur kleine Summen sehr sparsam auszugeben, wozu man eben nicht Gold braucht. Aber ein reiches und verschwenderisches Volk, das Geld im Überfluss hat, das seine Größe in der Verschwendung zu zeigen sucht und darum beständig nur auf neue Pracht denkt, muss alles teuer bezahlen und ihm sind keine Summen zu groß… In der ältesten Zeit  … war die höchste Proportion zwischen Silber und Gold 1:13. In dem mächtigen, reichen, luxuriösen Rom war sie 1:15. Ja, sie stieg unter den Augustinischen Kaisern sogar auf 1:16,088, so war sie nämlich Anno Christi 55 unter dem Nero.“

Messbare Qualität der Regierung

Mit anderen Worten, was Waser postulierte, war nichts anderes als dass die Moral eines Staatswesens statistisch berechenbar sei. Und das im Zürich Zwinglis, das stolz auf seine reformiert-bescheidene Lebensart war! Noch dazu scheiterten die aufgeklärten Politiker daran, dem widerspenstigen Freigeist mit Argumenten begegnen zu können. Sein System stimmte in sich.

Was dann geschah

Wir wissen nicht, wann genau die Überzeugung unter den Stadtvätern wuchs, dass man ohne diesen pingeligen Quertreiber besser dran sei. Wahrscheinlich als sie merkten, dass sie zwar innerhalb Zürichs per Zensur das Erscheinen seiner Schriften steuern konnten, aber Wasers Berechnungen im Ausland nur zu gerne gedruckt wurden. 1780 erschien in einer Göttinger Zeitschrift ein Artikel aus der Feder Wasers, der die Zürcher Stadtväter der Misswirtschaft anklagte. Waser hatte die Zahlen aus der Verwaltung des Zürcher Kriegsfonds unter die Lupe genommen und implizit den Zürcher Rat beschuldigt, Gelder unterschlagen zu haben und bestechlich zu sein. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem die Zürcher Bürger sowieso immer wütender wurden auf einen Rat, der selbstherrlich die ganze Macht an sich gerissen hatte: 1777 hatte er zum Beispiel ein Bündnis mit Frankreich geschlossen, ohne die Zürcher Bürgerschaft überhaupt zu befragen!

Und da wagte nun dieser elende, aus dem Amt gejagte Pfarrer, den Hohen Herren Misswirtschaft zu unterstellen.

Ultima ratio

Der Rat erhob Anklage. Natürlich musste er dabei improvisieren. Schließlich konnte man Waser ja nicht gut beschuldigen, ein brillanter Rechner zu sein, der dem Zürcher Rat öffentlich Bestechlichkeit und Unterschlagung nachgewiesen hatte. Also wurde sein Artikel zum militärischen Geheimnisverrat stilisiert.

Dazu spielte den Anklägern in die Hände, dass Waser notorisch lange Finger bekam, sobald er in irgendeinem Archiv ein Buch oder eine Urkunde erblickte, die ihn in seinen Studien weiterbringen konnte. Die Ankläger stürzten sich auf eine bei einer Haussuchung gefundene Urkunde aus dem Jahre 1452, die vielleicht, unter ganz bestimmten Umständen den Habsburgern hätte nützlich sein können…

Wäre der gute Waser wenigstens ein etwas bescheidenerer Angeklagter gewesen! Aber er brachte mit seiner widerborstigen Art selbst die wohlmeinendsten Politiker noch gegen sich auf. Trotzdem, als ihn die Jury mit zwölf zu acht Stimmen zum Tode verurteilte, war das ein klarer Justizmord, der im Ausland auch als solcher verstanden wurde.

Was nichts daran änderte, dass Johann Heinrich Waser am 27. Mai 1780 mit dem Schafott hingerichtet wurde.

Ach ja, 1780, das war das Jahr, in dem am 12. Januar die Zürcher Zeitung zum ersten Mal erschien. Darin hat in den vergangenen Jahrhunderten so mancher Politiker seine Meinung damit untermauert, dass er eine Statistik zitierte.

Denn heute glauben alle Politiker fest an die Statistik, die am besten zu ihren Behauptungen passt.

 

Wenn Sie sich selbst einen Eindruck von Wasers Abhandlung vom Geld machen möchten, können Sie das hier tun.

Gekauft haben wir dieses Buch im Münchner Antiquariat von Thomas Rezek.