Als die Bibel auf dem Index stand…

Nicolas Le Maire, Sanctuarium profanis occlusum, sive, De SS. Bibliorum prohibitione in lingua vulgari seu vernacula tractatus; Gallice primum conscriptus anno 1651 … Nunc Latine prodit in Germania.

Gedruckt 1662 in Würzburg bei Sylvester Gassner.

1662 wurde in der Bischofsstadt Würzburg ein Buch in die lateinische Sprache übertragen, das ein uns heute historisch kaum mehr greifbarer Autor verfasst hatte. Sein lateinischer Titel lautet in Übersetzung „Das vor den Weltlichen verborgene Heiligtum“ oder „Traktat über das Verbot der allerheiligsten Bücher in der allgemeinen bzw. inländischen Sprache“. Mit anderen Worten: Der Autor dieser Schrift vertrat die Auffassung, dass es für einen Katholiken nicht tunlich sei, die Bibel in einer anderen Sprache als der lateinischen zu lesen. Dies hatte natürlich seine Gründe, die wir Ihnen aus dem zeitgenössischen Kontext heraus erläutern möchten.

Der Autor

Zunächst eines, auch wenn über die historische Gestalt des Nicolas Le Maire nicht allzu viel bekannt ist, wissen wir, was er uns selbst auf der Titelseite eines anderen seiner Bücher über sich verraten hat. Dort nennt er sich Priester, Doktor der Theologie, Kanoniker von Soissons, ordentlicher Prediger des Königs und seines Bruder. Mit anderen Worten, dieser Nicolas Le Maire hatte mit seiner für uns heute merkwürdig klingenden Ansicht im kirchlichen und im königlichen Dienst Karriere gemacht. Er sprach also genau das aus, was der König von Frankreich – oder vielleicht sein Minister, der Kardinal Mazarin – unterstützte.

Denn die Abhandlung des Nicolas Le Maire richtete sich direkt gegen das, von dem man glaubte, es habe den blutigen Bürgerkrieg gegen die protestantischen Hugenotten hervorgerufen, gegen die Freiheit, seine eigenen Schlussfolgerungen aus dem biblischen Text zu ziehen.

Michael Servetius, Entdecker des Blutkreislaufs und Theologe; im Hintergrund sieht man, wie er in Genf wegen seiner von Calvin als Ketzerei verurteilten Ansichten über die heilige Dreifaltigkeit verbrannt wird. Die 1553 gedruckte Christianismi Restitutio des Servetius wurde auf dem Scheiterhaufen mit ihm verbrannt.

Bücherverbote

Nicht, dass es die katholische Kirche gewesen wäre, die auf die Idee kam, dass es Bücher gäbe, die man verbieten müsse. Die Mächtigen haben sich immer dagegen gewehrt, dass Dichter Schlechtes über sie berichteten. Wir müssen nur an die Verbannung des Ovid denken, die er seiner eigenen Meinung nach „einem Gedicht und einer Verfehlung“ verdankte. Und es war ein Kaiser, nicht ein Papst, der die erste umfassende Bücherverbrennung der christlichen Geschichte organisierte. Kaiser Konstantin ließ die Schriften des als Ketzer verurteilten Theologen Arius verbrennen und stellte ihren Besitz unter Todesstrafe.

Bücherverbote erwiesen sich als nützlich, um die päpstliche Lehrmeinung als die einzige der abendländischen Christenheit erlaubte durchzusetzen. Allerdings waren ketzerische Schriften in einer Zeit, in der Bücher von Hand kopiert und von einer winzigen Minderheit konsultiert wurden, ein marginales Problem. Dies änderte sich, als Johannes Gutenberg das erste gedruckte Buch des Abendlandes publizierte. Drucke waren billiger und damit für viele erschwinglich.

Dass dies bei der Durchsetzung der Reformation eine Rolle spielte, wird von keinem Historiker geleugnet. Und natürlich waren auch die Päpste nicht so dumm, dass sie die Rolle des Buchdrucks nicht erkannt hätten.

Dasselbe galt auch für die weltlichen Herren. Jeder Fürst, jeder Stadtstaat, jeder kleine Reichsritter bestimmte auf seinem Gebiet, welche Bücher gedruckt und verkauft werden durften. Wenn wir uns also über den katholischen Index aufregen, müssen wir uns dabei immer bewusst sein, dass auch das reformierte Zürich, das calvinistische Genf oder das lutherische Braunschweig auf seinem Gebiet missliebige Bücher streng verbot.

Früher Nachdruck des römischen Index von 1596.

Der katholische Index

Katholiken, die ein Buch drucken wollten, das sich mit theologischen oder religiösen Fragen beschäftigte, musste zuvor die Imprimatur, die Druckerlaubnis, einholen. Um nun bei den vielen Nachdrucken und Übersetzungen die Übersicht nicht zu verlieren, erstellten die mit der Zensur betrauten Behörden eine Liste, auf der alle Bücher aufgeführt wurden, die bereits geprüft und dabei verboten worden waren. Dies wurde die Grundlage für den ersten gedruckten Index von 1559. Aber erst das Konzil von Trient, das 1563 endete, machte es für Katholiken verpflichtend, keine Bücher zu lesen, die im Index erwähnt wurden. Dieses Konzil war der Beginn der Gegenreformation. Und auf eben dieses Konzil geht auch das Verbot, die Bibel in der Volkssprache zu lesen, zurück.

Das Bibelverbot des Konzils von Trient

Wir dürfen nämlich eines nicht vergessen: Eine Übersetzung ist immer auch eine Interpretation, und gerade die weit verbreitete Luther-Übersetzung des Alten und Neuen Testaments war so abgefasst, dass sie die Thesen der Reformatoren nachhaltig unterstützte. Mit ihren interpretierenden Einleitungstexten war sie alles andere als eine neutrale Lektüre. Sie war eine Zusammenfassung der Lehren Luthers, untermauert von den anscheinend neutralen Aussagen der heiligen Schrift.

Das „Wort Gottes“ ist nun mal offen für menschliche Interpretationen, die die einen für richtig, die anderen für falsch halten. Man denke nur an die Jahrhundertelange Diskriminierung durch das Pauluswort von der in der Kirche schweigenden Frau! Das katholische Bibelverbot versuchte, „falsche“ Interpretationen zu verhindern, oder besser gesagt Interpretationen, die von der Amtskirche für falsch gehalten wurden.

Natürlich wurde genau deswegen das Bibelverbot von denen angegriffen, die Gläubige von ihren nicht-katholischen Interpretationen überzeugen wollten. Dass Nicolas La Maire, der Hofprediger des französischen Königs, sich so vehement hinter die päpstliche Auffassung stellt, zeugt davon, dass die französische Regierung nicht nur religiöse, sondern auch militärische Unruhen fürchtete.

Hinaus mit euch, ihr Hunde!

Vignetten der Titelseite von Sanctuarium profanis occlusum.

Man muss nicht des Lateinischen kundig sein, um sofort zu verstehen, worum es in diesem Buch geht. Schon die Vignetten der Titelseite fassen den Inhalt prägnant zusammen.

Die linke Vignette zeigt einen Adler mit seinen Jungen. Die Umschrift lautet in Übersetzung „Nicht allen ist es gegeben“. Dieses „es“ war eine Fähigkeit, die seit der Antike mit dem Adler in Verbindung gebracht wurde, nämlich mit dem bloßen Auge in die Sonne zu schauen. Nun zeigt die Vignette deutlich, welche Folgen es für die Vögel hat, die ohne diese Fähigkeit zu besitzen, versuchen, die Sonne zu betrachten: Sie stürzen ab.

Diese Vignette will also zum Ausdruck bringen, dass nicht jeder dafür gemacht sei, das Allerheiligste zu schauen, indem er die Bibel liest, und wer es trotzdem unternimmt, dem droht der Absturz.

Die zweite Vignette wiederholt diese Botschaft mit einem anderen Bild. Hier zitiert die Umschrift einen Vers aus der Aeneis: Die Sibylle von Cumae verbietet Aeneas mit den Worten „Bleibt fern, Unheilige, fliehet!“ das Betreten der Unterwelt. Der Spruch betont, dass es Dinge gibt, die für profane Augen zu heilig sind, und die durch diese Augen beschmutzt werden.

Das illustriert die Darstellung. Fromme Priester beten im Hintergrund das Allerheiligste des Altares an, während im Vordergrund ein in weltlicher Kleidung gewandetes Ehepaar einigen Kindern beim Spielen mit Hunden zusieht. Die Vorstellung, dass Hunde in einer Kirche mit lärmenden Kindern spielen könnten, galt im 17. Jahrhundert als schockierend. „Hinaus mit euch, ihr Hunde“, fasst deshalb das Entsetzen des Autors über die größte mögliche Missachtung des Heiligen durch profane Augen zusammen.

Wir können uns in einer Gegenwart, in der ein freier Zugang zu Informationen aller Art geradezu zu einer Ersatzreligion geworden ist, gar nicht mehr vorstellen, warum viele intelligente Männer so ein Bibelverbot in der Sprache des Volkes befürworteten. Und auch in der Kirche selbst veränderte sich diese Einstellung im letzten Jahrhundert. Allerdings legt die Kirche noch heute Wert darauf, dass Katholiken nur zugelassene Übersetzungen lesen. So lautet ein Paragraph des immer noch gültigen Corpus Iuris Canonici: „Die Bücher der Heiligen Schrift dürfen nicht herausgegeben werden, ohne dass sie vom Apostolischen Stuhl oder von der Bischofskonferenz genehmigt sind; ebenso wird auch bei der Herausgabe ihrer Übersetzungen in eine Landessprache verlangt, dass sie von derselben Autorität genehmigt und zugleich mit notwendigen und hinreichenden Erklärungen versehen sind.“

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

In der Bayerischen Staatsbibliothek ist das bei uns vorgestellte Buch von Le Maire einsehbar.

Wir haben dieses Werk beim Münchner Antiquariat Thomas Rezek erworben.

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