Alles, was es über England zu wissen gibt

Edward und John Chamberlayne: Angliae Notitia, or, the Present State of England with divers Remarks upon the Ancient State thereof.

22. Auflage, veröffentlicht 1707 in London. Erstveröffentlichung 1669.

 

In den Jahren 1704/1705 herrschte ein Zwist in der Gelehrtenwelt Englands. Zwei gebildete Leute mit besten Verbindungen in die höchsten Kreise diffamierten sich gegenseitig. Einer von ihnen war John Chamberlayne, der Herausgeber unseres Buchs. Er führte damit das Lebenswerk seines erst kürzlich verstorbenen Vaters fort: „Angliae Notitia or, the Present State of England“ (= der momentane Zustand Englands). Der Mann, mit dem er im Zwist lag, stammte aus Lausanne, hieß Guy Miège und war für seine Lehrbücher der französischen Sprache berühmt. Dann veröffentlichte er 1691 sein „New State of England“, ein Konkurrenzprodukt zu dem „Present State of England“ der Chamberlaynes. Chamberlayne beschuldigte den Ausländer als Plagiator am Lebenswerk seines seligen Vaters, der sich stets für das englische Volk aufgeopfert habe. Miège revanchierte sich, indem er Chamberlayne als Feind der englischen Freiheit bezeichnete.

Doch beschäftigen wir uns nicht weiter mit diesem Streit. Stellen wir uns lieber die Frage, worum es sich bei diesen Büchern handelte – und warum der Markt dafür so einträglich war, dass es zu solchen Streitigkeiten kommen konnte.

Eine Seite des Domesdaybooks, die die Grafschaft Warwickshire beschreibt.

Nüchterne Fakten

Wer sich hinsetzt, um eine Ausgabe von „the Present State of England“ zu lesen, hat etwas grundsätzlich missverstanden. Es handelt sich hierbei nämlich um ein Nachschlagewerk, in dem relevante Daten über England zusammengefasst sind. Eine traditionsreiche Angelegenheit! In England gab es seit Jahrhunderten Bücher, in denen Fakten zum Land gesammelt wurden.

Das begann schon 1086 mit dem berühmten Domesday Book, in dem Besitzverhältnisse, Einwohnerzahlen und Gesetze des Königreiches auf Befehl König Wilhelms des Eroberers festgehalten wurden. Gültig sein sollte es für alle Zeiten, also, mittelalterlich gedacht, bis zum jüngsten Gericht – daher der Name Doomsdaybook.

 

Diesen Anspruch hatte „The Present State of England“ nicht. Trotzdem ist es etwas umfangreicher. Es umfasst landeskundliche Informationen wie die Geografie, Bodenbeschaffenheit und Einwohnerzahlen, aber auch die englische Staatsform mit ihren Organen und Institutionen, Thronaspiranten, Bräuche, Gesetze, Städte und Universitäten. Bemerkenswert sind die umfangreichen Listen, die die Autoren angelegt haben: Von den Hofbediensteten, Parlamentsmitgliedern, Richtern, Mitgliedern der Royal Society, Ärzten, Posten in der königlichen Münze und der Post, Armeeoffizieren und Schiffen der Royal Navy samt Besatzungs- und Kanonenzahlen.

Nur die wenigstens Leser werden sich für mehr als nur ein Bruchteil davon interessiert haben. Aber wer zuverlässige Angaben über etwas davon brauchte, kam um „The Present State of England“ – oder das Konkurrenz-Werk – nicht herum.

Natürlich starben Parlamentsmitglieder und Offiziere. Schiffe gingen unter, Minister und Höflinge wurden regelmäßig ausgetauscht. Es versteht sich also von selbst, dass solche Verzeichnisse sehr schnell veraltet waren. Wer auf dem neusten Stand bleiben wollte, musste sich regelmäßig die aktualisierten Neuauflagen kaufen – allein unter dem Vater, Edward Chamberlayne, erscheinen von 1669 bis 1702 zwanzig davon. Und damit haben wir die Frage geklärt, warum der Markt für solche Verzeichnisse umkämpft war: Es war Geld zu machen, und zwar regelmäßig. Das schnelle Veralten der Bücher schien einige Kunden zu verstimmen. John Chamberlayne antwortete darauf, dass man ja die alten Bände nicht wegzuwerfen brauche und man mit allen 20 Auflagen des Vaters eine wunderbare Übersicht über die Entwicklung Englands in der jüngeren Geschichte habe. Ein Spaß für jeden Statistiker!

England wird interessant

Das Buch war nicht nur für den heimischen Markt relevant, sondern auch für Resteuropa, das sich eben in der Zeit begann, zunehmend für England zu interessieren. Das Königreich war im Begriff, Stück für Stück von einer Insel am Rande Europas zu einer Weltmacht aufzusteigen. Noch im Jahr des Erscheinens unserer Ausgabe wurde im Act of Union aus England, schon lange in Personalunion mit Schottland regiert, Großbritannien.

Da war so ein Buch, das einem die Eigenheiten in Recht und Verfassung erklärte, zum Beispiel warum dieses seltsame Parlament so mächtig war, willkommene Lektüre. Das sieht man auch daran, dass sowohl die Chamberlaynes als auch Miège ihr Werk auf Französisch herausgaben, der Hofsprache der Zeit. Denn wer sprach damals schon Englisch?

Das Who is Who der Londoner Huren

Das 18. Jahrhundert brachte noch weit mehr solcher „Directoires“ hervor, es gilt als Blütezeit der Gattung. Alles Mögliche auf der Insel wurde in regelmäßig aktualisierten Verzeichnissen erfasst, man beschränkte sich nicht auf reine Landeskunde. Sie beschrieben zum Beispiel einzelne Städte en Detail und machten so die größer gewordenen Städte, in denen nicht mehr jeder jeden kennen konnte, überschaubarer – ähnlich wie Branchen- oder Telefonbücher vor dem Durchbruch des Internets.

Auf die Spitze wurde dies von „Harris List of Covent Garden Ladies“ getrieben – nichts anderes als ein Verzeichnis der Prostituierten im Londoner Vergnügungsviertel Covent Garden. Es führte etwa 150 Damen, ihre Preise, körperliche Vor- und Nachteile und ihre „Spezialitäten“ auf, auch welche illustren Personen der Londoner Gesellschaft – und der britischen Königsfamilie! – schon zu ihren Kunden gezählt haben sollten. Muss man da noch erwähnen, dass es sich dabei um einen schmuddeligen Beststeller handelte? Der halblegale Bordellführer erschien zwischen 1757 und 1795 jährlich in neuer Auflage und verkaufte sich im Schnitt jedes Jahr 8.000 mal!

 

Und unsere zwei Streithähne? Dazu wissen wir nicht viel mehr. John Chamberlayne druckte ab 1708 ein königliches Privileg im Vorwort ab, das das Nachdrucken und Nachahmen seines Werks auf Befehl der Königin verbot – die Vorform unseres Copyrights. Er schien also Recht bekommen zu haben. Dennoch werden beide Werke noch über 40 Jahre lang fortgeführt, auch nach dem Tod der Herausgeber. Der Markt scheint also beide Werke getragen zu haben.

 

Eine frühe Ausgabe des Present State of England finden Sie auf der Seite der Bayrischen Staatsbibliothek.

Das Domesdaybook können Sie hier einsehen.

Ausgaben der Harris List können Sie hier finden.

Dass diese Produkte auch heute noch bei Sammlern sehr beliebt sind, zeigt diese News über den Verkauf einer Ausgabe von 1850.

Dieses schöne Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Einträge über die Prostituierten auf einer Karte sichtbar zu machen.