„Schmutz und Schund. Die Weimarer Republik“

„Schmutz und Schund. Die Weimarer Republik“ ist der Titel einer Kabinettausstellung zu zensierten und indizierten Schriften und Bildern der 1920er- und 1930er-Jahre, die das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek zeigt. Die Ausstellung wurde von Master-Studierenden des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum erarbeitet und ist noch bis 26. Januar 2020 zu sehen.

Glamour und „Schmutz“

Die Kultur der Weimarer Republik verbinden wir mit Glanz und Glamour, den Goldenen Zwanzigern und der Avantgarde. Übersehen wird oft die Kultur der Massen, die in ihrer Zeit auf starke Widerstände stieß. Mit der Parole „Schmutz und Schund‘“ gingen besorgte Bürger und Bürgerinnen seit dem Kaiserreich gegen die Vergnügungen der „einfachen Leute“ vor. 1926 wurde das „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ durchgesetzt. Unter das Gesetz fielen vor allem erotische Schriften, aber auch Kriminal- und Abenteuergeschichten, die eine nicht näher definierte Qualität beziehungsweise moralische Integrität unterschritten.

Die Kabinettausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek beleuchtet dieses wenig bekannte Kapitel aus der Kulturgeschichte der Weimarer Republik anhand von zahlreichen Fallbeispielen. Gezeigt werden populäre Groschenheftserien, Romane in wöchentlicher Lieferung, billige Zeitschriften, erste Boulevard- Blätter und nicht zuletzt aufwändig gestaltete Bildbände. Die ausgestellten Publikationen reichen von einer Zeitschrift mit dem Titel „Frauenliebe“, in der sich die Autoren für die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe einsetzen, bis hin zu einer populären Detektivserie namens „Fred Tarmum“, in der der Held auf der Suche nach seiner Schwester haarsträubende Abenteuer erlebt. Zu sehen sind ebenso Zeugnisse vom Wirken der Prüfer, die beispielsweise die Druckplatten des zweiten Bandes einer bebilderten erotischen Sittengeschichte noch in der Druckerei zerstörten. Die Fallbeispiele geben nicht nur Einblicke in die Hintergründe der Indizierung, sondern kontextualisieren auch die gesellschaftliche Sprengkraft und politische Botschaft mancher Provokation.

Heft 276 aus der Serie „Der Detektiv“ / „Harald Harst. Aus meinem Leben“ von Walther Kabel. Berlin: Verlag moderner Lektüre 1927. Abbildung: Deutsche Nationalbibliothek.

Zensur als Schutz?

„Die Ausstellung widmet sich den massenhaft verkauften Unterhaltungsprodukten, „die trotz ihrer Popularität oft nicht ernst genommen werden“, wie Kurator Patrick Merziger, Juniorprofessor am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, betont. „Dabei geht es hier um durchaus aktuelle Fragen: Sollten wir Heranwachsende vor Darstellungen von Gewalt und Sexualität schützen? Oder leistet nicht vielmehr das Argument des Jugendschutzes der Zensur Vorschub?“

„Mit diesen aktuellen Fragen knüpft die Ausstellung thematisch an die medienhistorische Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums an, die dem Thema Zensur ein zentrales Kapitel widmet“, führt die Museumsleiterin Stephanie Jacobs aus. „20 Biografien zensierter Bücher vom 16. Jahrhundert bis heute zeigen nicht zuletzt die Doppelgesichtigkeit der Zensur: einerseits als – im Extremfall: tödliche – Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit durch ideologische Anmaßung und autokratisches Gewaltmonopol, andererseits als Maßnahme zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten und zum Jugendschutz.“

„Für das Museum als bestandshaltender Gedächtniseinrichtung bedeuten solche Kooperationen wie die mit der Universität Leipzig nicht nur einen stets inspirierenden Zugewinn an wissenschaftlichem, aber auch ‚jugendlichem‘ Input.“, so Stephanie Jacobs, Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. „Sie garantieren auch, dass die in über 130 Jahren zusammengetragenen Bestände des Museums mit aktuellen Fragestellungen konfrontiert und so in gesellschaftliche Kontexte eingespeist werden“.

Wenn Sie die Ausstellung besuchen möchten, finden Sie alle weiteren Informationen auf der Seite der Deutschen Nationalbibliothek.

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

Allen, die sich mit dem Thema ganz genau beschäftigen wollen, sei diese Monographie von Klaus Petersen empfohlen. Sie ist allerdings nur noch antiquarisch zu finden.

Einen kurzen Überblick über die Zensur seit dem Beginn des Buchdrucks in Europa gibt dieser Beitrag des Deutschlandfunks.