Scaliger – das intolerante Genie

Joseph Scaliger, C. Julii Caesaris Quae Extant. Gedruckt von den Buchhändlern Johann und Friedrich Lüderwald bei Johann-Erich Hahn in Leipzig 1674.

Es gibt Themen und Autoren, die „gehen“ einfach immer, egal ob wir heute über Social Media Content oder Klassikerausgaben im edlen Leinengewand sprechen. Im 16. und 17. Jahrhundert war ein solcher Bestseller Julius Cäsar, der römische Politiker und Feldherr, der bis in die jüngste Geschichte als eines der großen Vorbilder für „große Männer“ galt, neben Alexander (dem Großen), Hannibal und (später) Napoleon.

Betrachten wir diesen Druck der Werke Cäsars aus dem Jahr 1674, fällt als erstes auf, dass sein Herausgeber, Joseph Scaliger, bei Erscheinen des Buchs bereits seit zwei Generationen tot war. Doch das ist nicht das einzig Bemerkenswerte an dieser Ausgabe.

Joseph Justus Scaliger (1540-1609).

Joseph Scaliger, der Sohn Julius Cäsars

Joseph Justus Scaliger wurde 1540 in Agen im Süden Frankreichs geboren. Sein Vater – mit dem tragenden Namen Julius Cäsar Scaliger – war Italiener und erst einige Jahre zuvor nach Agen gezogen. Julius Cäsar Scaligers Leben ist recht geheimnisumwittert, was seinem Sohn später zum Verhängnis werden sollte. Doch sein Vater war das große Vorbild des jungen Joseph. Mit 15 Jahren wurde er Sekretär seines Vaters, der damals vor allem lateinische Verse schmiedete. Als er mit 18 Waise wurde, nahm Joseph in Paris ein Studium der Gräzistik auf, bei einem der Meister des Faches. Doch Joseph fand schnell, dass er dort nichts lernte und studierte fortan alleine: In drei Wochen hatte er Homer auf Griechisch durch, lernte danach Hebräisch und Arabisch. 1562 konvertierte er zum Protestantismus und wurde im folgenden Jahr zum Begleiter des Aristokraten Louis de Chastaigner, mit dem er zunächst in die Salons von Italien, England und Schottland reiste, nach der blutigen Bartholomäusnacht auch auf die Schlachtfelder der Religionskriege.

Neben diesen sehr profanen Tätigkeiten fand Joseph Scaliger Zeit genug, um seine literarischen und philologischen Interessen zu verfolgen. Er legte Textausgaben antiker Autoren vor, weitete den Blick von den klassischen antiken Kulturen Griechenland und Rom auf Perser, Babylonier und Ägypter und stellte die Welt-Chronologie auf neue Füße. Wir erinnern uns: 1582 führte Papst Gregor den gregorianischen Kalender ein – den die meisten protestantischen Herrschaften aus politischen Gründen ablehnten. Scaliger gab mit seinem julianischen Datum ein Umrechnungswerkzeug zur Hand, das auf einer noch heute in der Astronomie üblichen Tageszählung beruht und so eine schnelle Konvertierung zwischen den Systemen erlaubt.

Textkritik und Geschichtskritik

Der hochbegabte Scaliger war Perfektionist. Das bedeutete zwei Dinge. Zum einen erledigte er das, was er tat, gründlich. Während er also einen antiken Autor nach dem anderen edierte, entwickelte er ein System der Textkritik, auf dem die folgenden Generationen von Philologen aufbauten. Immer ging es darum, den Text möglichst in seinem ursprünglichen Wortlaut zu rekonstruieren. Das ist meist mühselig, da sich in den unterschiedlichen Abschriften über die Jahrhunderte voneinander abweichende Lesarten einschlichen. Scaliger bemerkt in seinem Vorwort zum Cäsar, dass er alle „falschen und unsicheren“ Lesarten auszumerzen versuchte, um den Text so zu gestalten, wie er meinte, dass er einst geschrieben worden war. (Allerdings räumt er ein, dass dies wohl nie vollständig gelingen werde.)

Und damit kommen wir zur zweiten Folge seines Perfektionismus: Scaliger akzeptierte kein Unwissen, vor allem kein Halbwissen (wir kennen sie alle, die Leute, die von etwas nur wenig Ahnung haben, aber meinen, sie wären vom Fach …). Und da er von allem viel verstand, akzeptierte Scaliger eigentlich überhaupt keine andere Meinung. Seine Schüler beteten ihn an, viele andere verziehen ihm die arroganten Spitzen gegen sie nicht.

Es war einmal … vor dem Urheberrecht

Und damit sind wir wieder bei unserem Druck. Wann Scaliger die Werke Cäsars herausgegeben hat, wissen wir nicht. Bezeichnenderweise schmückt sich die Ausgabe zwar mit seinem illustren Namen, aber ohne Nennung des Erstdrucks. Die Edition umfasst neben den eigentlichen Werken Cäsars, dem Gallischen und dem Bürgerkrieg, auch die Werke, die wohl auf seinen ehemaligen Feldherrn Aulus Hirtius Pansa zurückgehen sowie verschiedene Briefe Cäsars und weitere „Zeugnisse“ (Testimonia). Scaligers Vorwort richtet sich an den legendären flämischen Buchdrucker und Verleger Christoffel Plantijn. (An alle Liebhaber der Typografie: Genau, das ist der, nach dem die Schrift „Plantin“ benannt ist!) Plantijn starb 1589, der Cäsar dürfte also vorher publiziert worden sein.

Warum also 1674? Wieder kommen hier zwei Punkte zum Tragen: 1. Scaliger hatte offensichtlich exzellente Arbeit geleistet und natürlich bürgte schon sein Name allein für philologische Meisterschaft – und guten Umsatz. Und 2. gab es kein Urheberrecht. Wir finden daher im 17. Jahrhundert jede Menge Nachdrucke (inklusive Vorwort), die bisweilen für sich reklamieren, den Text nur auf Scaligers Ausgabe zu stützen, diesen aber selbstverständlich weiter verbessert zu haben. Lassen wir das einmal hingestellt sein. Auch die Buchhändler Johann und Friedrich Lüderwald in Magdeburg wollten offenbar aus der „gemeinfreien“ Ausgabe Scaligers Kapital schlagen und druckten den Cäsar nach „für die Jugend“. Damals las man zur Erbauung (oder zum Erlernen eines makellosen „klassischen“ Lateins) natürlich Cäsar. Um das angenehmer zu gestalten und einen Kaufanreiz zu geben, fügten die Gebrüder Lüderwald noch einen Index hinzu und eine hübsche Karte des römischen Reichs. Drucken ließen Sie dann bei Johann-Erich Hahn in Leipzig. Betrachtet man die zahlreichen Nachdrucke dieser Ausgabe zu jener Zeit, werden sie wohl kaum auf ihrer Ausgabe sitzen geblieben sein.

 

Eine ähnliche Ausgabe, die 1686 in Amsterdam gedruckt wurde, können Sie bei der Bayerischen Staatsbibliothek einsehen.

Über die positiven Lehren, die man aus dem Studium der Leben großen Männer wie Caesar ziehen kann, hat schon Plutarch geschrieben. Lesen Sie hier mehr über seine Parallelbiographien.