Rühr mich nicht an! Zur Kulturgeschichte des Social Distancing

„Social Distancing“ wurde 2020 weltweit als eine der zentralen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie umgesetzt. Alle mussten lernen, dass der Verzicht auf körperliche Nähe, Gesten der Begrüßung und des Abschieds ein wirksames Instrument zur Vermeidung der Ansteckung mit dem neuen Coronavirus ist. Abstandhalten als Kulturtechnik ist aber nicht neu. Zahlreiche Beispiele aus Kunst und Literatur zeigen, wie sich in der Geschichte soziale Zusammenhänge über das Abstandhalten und -wahren formiert haben. Die virtuelle Ausstellung „Rühr mich nicht an!“ des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Kooperation mit der Deutschen Digitalen Bibliothek versammelt prominente Beispiele der Distanzwahrung.

Einige Einblicke in die virtuelle Ausstellung:

Illustrierte deutschsprachige Ausgabe des Decamerone aus dem Jahr 1561, gedruckt in Straßburg bei Messerschmidt. Aus der Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek.

Social Distancing in der Weltliteratur

1348: Um sich von der grassierten Pest zu retten, isoliert sich zehn junger Adlige aus Florenz auf einem Landgut und vertreiben sich die Zeit, in dem sie sich zahlreiche Geschichten erzählen. Das ist die Rahmenhandlung eines der großen Klassikers der Weltliteratur, der Novellensammlung Decamerone von Giovanni Boccaccio.

Audienz des neuen Niederländischen Botschafters bei Ludwig dem XIV. Druck von Pieter Schenk 1714. Aus der Sammlung des Rijksmuseums Amsterdam.

Abstand als Frage des Ranges

Die Nähe zum Thron bedeutet Macht und Prestige – und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Das strenge Hofzeremoniell der Frühen Neuzeit wies den Mitgliedern des Hofes bei Anlässen wie dem Empfang von Gesandtschaften einen genauen Platz zu. Prinzipell galt dabei: Je näher man am Thron war, desto besser.

Seite aus Parerga und Paralipomena von Arthur Schopenhauer, 1916, Leipzig. Aus der Sammlung der Deutschen Nationalbibliothek.

Frierende Stachelschweine

Der Philosoph Arthur Schopenhauer erklärte 1851 mit der Parabel der frierenden Stachelschweine das Dilemma des sozialen Wesens Mensch. Denn eine Gruppe Stachelschweine drückt sich bei Kälte aneinander, um sich zu wärmen. Gleichzeitig bereitet zu große Nähe Schmerzen, da dem Stachelschwein die die Stacheln der anderen Tiere zusetzt. Ein Mittelmaß des Abstands muss also gefunden werden, bei dem die Stacheln nicht zu sehr schmerzen und dem Tier dennoch nicht zu kalt ist. Schopenhauer: „So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher Beisammenseyn bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance!“

 

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Die Ausstellung können Sie sich auf der Seite der Deutschen Digitalen Bibliothek ansehen.

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Boccaccios Decamerone war auch die erste Station in der aktuellen Ausstellung im Money Museum Zürich „Ewig Leben“.