Paul Revere – Wahrheit und Legende

Die New-York Historical Society widmet sich dem Leben und Werk des Paul Revere (1735−1818), Nationalheld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, dem Henry Wadsworth Longfellow 1861 das berühmte Gedicht über dessen Mitternachtsritt, „Paul Revere‘s Ride“, widmete. Bis zum 12. Januar 2020 zeigt die Ausstellung Beyond Midnight: Paul Revere Fakten und Fiktion rund um diese komplexe, vielschichtige Figur im sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen und politischen Umfeld Bostons zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und bildet Reveres Leben als Kunsthandwerker, Aktivist und Unternehmer ab. Die Ausstellung umfasst mehr als 140 Objekte und gibt Einblicke in Reveres vielseitige Karriere als Kunsthandwerker, z. B. anhand von Kupferstichen wie seiner wohlbekannten Darstellung des Massakers von Boston, glänzenden silbernen Tee-Service, die er für prominente Kunden schuf, Alltagsgegenständen wie Kauschen, Krügen und Kannen sowie bedeutenden öffentlichen Auftragswerken, wie z. B. einer bronzenen Rathausglocke.

Weitere Ausstellungsorte

Beyond Midnight, organisiert von der American Antiquarian Society in Worcester, Massachusetts und kuratiert von Nan Wolverton und Lauren Hewes, ist nach ihrem Debüt bei der New-York Historical Society parallel im Worcester Art Museum und im Concord Museum in Massachusetts zu sehen (13. Februar−7. Juni 2020) sowie im Crystal Bridges Museum of American Art in Bentonville, Arkansas (4. Juli−11. Oktober 2020). Die Koordination von Beyond Midnight bei der New-York Historical Society übernimmt deren Kuratorin für dekorative Kunst, Debra Schmidt Bach.

A View of the Obelisk [„Ein Abbild des Obelisken”]. Von Paul Revere Jr., 1766. © American Antiquarian Society, Worcester, Massachusetts; aus dem Nachlass von Mary L. Eliot, 1927.

Paul Revere – Der Mensch hinter dem Gedicht

„Wenn wir an Paul Revere denken, haben viele von uns direkt die Zeilen von Longfellow im Kopf, aber hinter Reveres Geschichte steckt noch viel mehr“, so Dr. Louise Mirrer, Vorsitzende und CEO der New-York Historical Society. „Diese Ausstellung schaut über den Mythos Paul Revere hinaus, um diesen Mann, der zur Legende werden sollte, als Revolutionär, Kunsthandwerker und Unternehmer besser zu verstehen. Wir sind stolz darauf, sie in Zusammenarbeit mit der American Antiquarian Society als Erstes in New York zeigen zu können.“

Protestaktion im Jahr 1766

Besucher der Ausstellung werden von einer über 2,5m großen Nachbildung des prächtigen Obelisken empfangen, der 1766 anlässlich der Feierlichkeiten zur Aufhebung des Stamp Act – des Gesetzes zur ersten Stempelsteuer, die die Briten den amerikanischen Kolonien auferlegten – im Boston-Common-Park errichtet wurde. Das Original bestand aus Holz und Ölpapier und war dekoriert mit Landschaftsmalereien, Portraits und Texten, die King George huldigten und gleichzeitig die britischen Gesetzgeber verhöhnten. Der Obelisk wurde von innen beleuchtet und schließlich bei der Bostoner Aktion von Flammen verschlungen. Das einzige verbliebene bildliche Zeugnis ist Reveres Kupferstich von 1766, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

Die Sons of Liberty

Als Aktivist der Revolution war Paul Revere Mitglied der Sons of Liberty, einer geheimen Gruppierung, die gegen die britische Kolonialpolitik und ihre Steuern war und die Bewegungen britischer Truppen und Kriegsschiffe im Hafen verfolgte. Die Ausstellung zeigt Reveres Kupferstich von 1770, auf dem die Ankunft der britischen Armee in Bostons Long Wharf abgebildet ist. Zudem werden vier Versionen von Reveres provokativem Stich des Massakers von Boston im Jahr 1770 gemeinsam präsentiert. Sie zeigen den Moment, als britische Soldaten vor dem Zollhaus auf eine Gruppe aufsässiger Kolonisten schossen. Drucke dieser Szene befeuerten die anti-britische Stimmung und wurden als patriotische Propaganda in mehreren Versionen weit verbreitet. Revere war auch an der Planung und Durchführung der Boston Tea Party 1773 beteiligt, bei der eine Schiffsladung Tee in den Bostoner Hafen gekippt wurde. Als 1775 der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, überbrachte er Nachrichten der Kontinentalarmee nach New York, Philadelphia und Connecticut.

Womit Paul Revere seinen Lebensunterhalt verdiente

Paul Revere war ein Handwerksmeister, der sich auf Metallarbeiten spezialisiert hatte, darunter Kupferstiche und modische sowie funktionale Gegenstände aus Silber, Gold, Messing, Bronze und Kupfer. Revere war ein innovativer Geschäftsmann und erweiterte seine erfolgreiche Silberwerkstatt in den Nachkriegsjahren, indem er sich bei der Warenproduktion neue Maschinen zu Nutze machte. Seine gerillte, ovale Teekanne aus Maschinen-gewalztem Silberblech wurde symbolhaft für das Silberdesign des föderalen Amerikas. Unter den Ausstellungsobjekten aus Silber befinden sich zwei seltene Weinkelche, die möglicherweise als Kidduschbecher verwendet wurden und die Revere für Moses Michael Hays, seinen einzigen bekannten jüdischen Kunden, herstellte, sowie vorzügliche Tee-Service, Kannen, Krüge, Teelöffel und Trillerpfeifen aus Reveres Werkstatt. Zu sehen ist außerdem eine aus Bronze gegossene Glocke aus dem Jahr 1796, die für das Rathaus des Bezirks Norfolk in Dedham, Massachusetts, gefertigt wurde. Die Ausstellung verfolgt auch die Spuren von Reveres Handelsnetzwerk, das weit über Boston hinausreichte. So kaufte und verkaufte er häufig rohes Kupfer bzw. Kupfererzeugnisse von und an den New Yorker Harmon Hendricks und lieferte Kupfer für Robert Fultons berühmtes Dampfschiff.

Als Sohn eines eingewanderten hugenottischen Handwerkers gehörte Revere zur Wirtschaftsklasse der „Mechaniker“, die unterhalb der Kaufleute, Anwälte und Geistlichen standen. Doch Revere war ein cleverer Netzwerker und kompensierte den fehlenden Sozialstatus durch das Pflegen einflussreicher Bekanntschaften. Seine Mitgliedschaft bei den Sons of Liberty brachte ihm Aufträge seiner patriotischen Mitdenker ein, doch auch Kunden aufseiten der Loyalisten schlug er nicht aus – für den Profit konnte er die Politik hintanstellen. Ausgestellt sind neun Teile eines prächtigen 45-teiligen Getränke-Service, das Revere 1773 – nur zwei Monate vor der Boston Tea Party – für den prominenten Loyalisten Dr. William Paine schuf; es war das größte Auftragswerk seiner Karriere.

Midnight Ride of Paul Revere [„Mitternachtsritt des Paul Revere”]. Von Grant Wood, 1931. © Metropolitan Museum of Art, New York; Arthur Hoppock Hearn Fund, 1950, 50.117.

Der Ruhm eines Patrioten

Paul Revere starb im Jahr 1818, doch er blieb eine Berühmtheit, zunächst für seine Metallarbeiten, später für seinen Patriotismus. In den 1830er Jahren wurden Reveres Kupferstiche wiederentdeckt, als die Amerikaner ihre Revolutionsvergangenheit aufarbeiteten, und seine Abbildung des Massakers von Boston erschien in Geschichtsbüchern für Kinder. 1860 kam dem Dichter Henry Wadsworth Longfellow die Inspiration für das Gedicht „Paul Revere’s Ride“, in dem er die Geschichte von Reveres Ritt nach Lexington romantisierte (und etwas ausschmückte). Es erschien erstmals in der Atlantic Monthly im Januar 1861 – ein Originalexemplar dieser Zeitschrift ist in der Ausstellung zu sehen. Das Gemälde Midnight Ride of Paul Revere (1931) des Künstlers Grant Wood, ebenfalls ausgestellt, zeigt eine dramatische Szene, in der Revere an Bostons Old North Church vorbeireitet. Auch hier handelt es sich um eine Ausschmückung: In der Realität war Revere zu Fuß unterwegs, bis er den Fluss Charles nach Cambridge überquert hatte und dann auf einem geliehenen Pferd nach Lexington weiterritt. Zudem war er nur einer von drei Reitern und wurde kurzzeitig von britischen Offizieren aufgehalten und dann wieder freigelassen. Die Ausstellung zeigt eine Karte der tatsächlichen Reitstrecke. Diese und weitere Werke festigten Paul Reveres Platz im Herzen der Gründungsgeschichte einer Nation. Zur Jahrhundertwende um 1900 war die Legende von Paul Revere und seinem Mitternachtsritt in den Köpfen der Amerikaner bereits fest verankert, als Fakt und nicht als Fiktion, und seine Leistungen als Schmied und Kunsthandwerker verblassten dahinter.

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Die Begleitpublikation Beyond Midnight: Paul Revere zur Ausstellung enthält Essays über Revere als Patrioten, Handwerker, Edelmetallschmied, Buchdrucker und Kupferstecher.

Entlang der Ausstellung wird es außerdem ein umfassendes Angebot an Mitmach-Aktionen und Familienaktivitäten geben, mit denen Sie in das Leben von Revere und seinen Zeitgenossen eintauchen können. Ausführliche Informationen finden Sie hier.

Erfahren Sie mehr über die New-York Historical Society und die American Antiquarian Society auf deren jeweiliger Website.

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