Numismatische Exlibris – Ein wunderbares Sammelgebiet

Schon in mittelalterlichen Klöstern standen die kostbarsten Codices nicht einfach in den Regalen, sondern waren an Lesepulte angekettet. Das verunmöglichte ein Grundbedürfnis jedes begeisterten Lesers: Sich das Buch anzueignen, zu dem man ein so intensives Verhältnis aufgebaut hat. Ein Exlibris (von lat. ex und libris, also „aus den Büchern von“) ist die moderne Variante des Ankettens. Es erschwert es, ein Buch aus einer Bibliothek zu entführen. Denn bei jedem Aufschlagen sieht der Leser sofort, wem das Buch eigentlich gehört.

Das Exlibris des Ehepaars Moses und Mary Finley, eingeklebt in ein seltenes Buch von J. M. F. May, The Coinage of Damastion. Oxford (1939). Taxe: 125,- Euro (Nr. 111).

Das Exlibris als Statussymbol

Die ältesten Exemplare können bis zum Ende des 15. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Eine erste Blütezeit erlebten sie in der Renaissance: Sie entwickelten sich zu einem Statussymbol. Ihre Darstellungen wurden sorgfältig gewählt. Für die Gestaltung solcher Exlibris waren sich selbst hochgerühmte Künstler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Hans Holbein nicht zu schade. Exlibris haben seit damals nie aufgehört zu existieren. Aber natürlich gab es Zeiten, in denen sie mehr oder weniger gebräuchlich waren.

Der Reiz eines Exlibris liegt darin, dass es auf wenigen Quadratzentimetern zusammenfasst, was seinem Eigentümer an seiner eigenen Persönlichkeit besonders bemerkenswert scheint. Dass das viel mit seinem Leben zu tun haben kann, zeigt uns das Exlibris des weltbekannten Historikers Moses Finley. Natürlich weist Athena auf die Epoche hin, die er erforschte. Doch viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass in „seinen“ Büchern ein Exlibris klebte, das nicht nur seinen eigenen Namen zeigte, sondern auch den seiner Frau. Er führte mit ihr trotz Kinderlosigkeit ein erfülltes und glückliches Leben. Wie eng die beiden nach mehr als 50 Jahren Ehe miteinander verbunden waren, dürfte die Tatsache illustrieren, dass Moses Finley eine Stunde, nachdem er vom Tod seiner Frau gehört hatte, einen Schlaganfall erlitt, an dem er am folgenden Tag starb.

Das Exlibris von Pierre Bastien, eingeklebt in die äußerst seltene Publikation der Sammlung von Carlos de Beistegui. Paris (1933). Taxe: 750,- Euro (Nr. 1).

Wie ist ein Exlibris zu verstehen?

Exlibris illustrieren also die Persönlichkeit ihres Urhebers und zeigen ihn so, wie er sich selbst gerne sah bzw. sieht. So würde jeder, selbst wenn er keine der mehr als 180 Arbeiten des Autors Pierre Bastien gelesen hätte, allein an der Form und der Motivwahl des Exlibris sehen, dass die Numismatik eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielte. Die Darstellung einer Hygieia verweist auf Bastiens Brotberuf: Er arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Chirurg. Man ist versucht, die beiden Seiten seines Lebens in den zwei Theatermasken rechts zu erkennen.

Das Exlibris von Louis-Ernest Dubois, Kardinal und Erzbischof von Paris, eingeklebt in drei Werke über die Geschichte der Niederlande, herausgegeben in Amsterdam im Jahr 1723. Taxe: 200,- Euro (Nr. 333).

Wer dieses Exlibris sieht, versteht sofort dass es einem Mann der Kirche gehört haben muss. Der Kardinalshut ist deutlich zu erkennen und steht für das höchste kirchliche Amt, das der Eigentümer dieses Exlibris bekleidete. Darüber thront zwischen zwei geflügelten Putten das Kreuz mit der lateinischen Inschrift „Es herrscht vom Holze herab der Gott“. Sie ist einem Hymnus des Venantius Fortunatus (ca. 530-609) zu Ehren des heiligen Kreuzes entnommen. Dieser Hymnus spricht vom Opfer Christi, das der größte Triumph der Menschheit wurde.

Wir müssen wohl nicht allzu lange überlegen, was Louis-Ernest Dubois (1856-1929), der Eigentümer dieses Exlibris, damit zum Ausdruck bringen wollte. Er lebte in einer Zeit, in der die grundsätzliche Trennung zwischen Kirche und Staat zu einer Realität wurde. Er selbst stellte sich in den Dienst seines Staates und stieg trotzdem innerhalb der Kirche auf: Zum Bischof von Verdun, zur Erzbischof von Bourges, zum Kardinal und Erzbischof von Rouen und schließlich zum Erzbischof von Paris. Dieses Ex Libris muss – da er den Titel eines Erzbischofs von Rouen darin trägt – in den Jahren zwischen 1916 und 1920 geschaffen worden sein.

Das Exlibris von Ole Schelde, eingeklebt in alle drei Bände des wichtigsten dänischen Werks über römische Münzen: Rudi Thomsens Early Roman Coinage. Kopenhagen (1957-1961). Taxe: 100,- Euro (Nr. 231).

Eine vollständig andere Geisteshaltung bringt das Exlibris von Ole Schelde (1913-1982) zum Ausdruck. Der dänische Münzsammler wählte einen Vogel, der über einer weiten offenen Landschaft gen Himmel fliegt. Seine medizinische Profession ist als Vignette in den Anfangsbuchstaben seines Namens eingearbeitet: Eine Schlange umwindet eine auf einem Stab stehende Schale.

Das Exlibris von Henry Michaelis Hallenstein, eingeklebt in den Katalog der griechischen Münzen der Hunter Collection / Glasgow. Glasgow (1899-1905). Taxe: 750.- Euro (Nr. 109).

Dass Henry Michaelis Hallenstein (1872-1922) griechische Münzen sammelte, dafür spricht nicht nur das Buch, in dem sein Exlibris klebt, sondern auch die Abbildung selbst. Die athenische Eule ist selbsterklärend. Hallenstein besaß ausreichend Mittel, um sich dieses auch zu seiner Zeit schon teure Sammelgebiet zu leisten. Seine ursprünglich aus Deutschland stammende Familie gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den prägenden Dynastien des Wirtschaftslebens von Neuseeland.

Ein schlechter Deal… oder doch nicht?

Das Exlibris von Charles M. Johnson verrät uns wenig mehr, als dass er Bücher liebte. Doch zum Glück erzählt George Kolbe in seinen Reminiscences of a Numismatic Bookseller, wie dessen Bibliothek wieder auf den Markt kam.

Das Exlibris von Charles M. Johnson, eingeklebt in das Werk Babelons über die Münzen der römischen Republik. Paris / London (1885/6). Taxe: 150,- Euro (Nr. 190).

1979 fuhr George Kolbe nach Long Beach, um dort ein Angebot für die Bibliothek des Münzsammlers Charles Johnson zu machen. Es handelte sich um ein gewaltiges Objekt, für das der Sammler einen eigenen Anbau errichtet hatte. George Kolbe rechnete und machte sein Angebot, das der Sammler sofort akzeptierte. Leider kam es trotzdem nicht zu einem Verkauf. Noch am gleichen Tag, ehe irgendwelche Verträge unterzeichnet werden konnten, starb Charles Johnson. Seine Familie verkaufte alle Bücher zur antiken und europäischen Numismatik an Douglas Saville von Spink. Für George Kolbe blieben die Bücher zur amerikanischen Numismatik. Doch, wie er selbst schreibt: „Charles Johnsons Sohn war im richtigen Leben der Besitzer eines Gebrauchtwagenimperiums. Ich war ihm nicht gewachsen.“ Es endete damit, dass George Kolbe viel mehr Geld zahlte, als die Bücher zum Zeitpunkt des Verkaufs wert waren. Und doch hatte er Glück. Er hatte die Bücher genau zu dem Zeitpunkt gekauft, in der die Preise für numismatische Literatur durch die Decke zu gehen begannen.

Entdecken Sie Ihre Leidenschaft fürs Büchersammeln, es lohnt sich!

Bücher sind eben genauso wie Münzen eine Investition. Eine numismatische Bibliothek hat einen Wert wie eine Aktie. Er kann steigen, er kann fallen. Doch ganz gleich, welchen materiellen Wert sie gerade darstellt: Jede Bibliothek ist nicht nur Werkzeug, sondern auch ein Medium der Vergewisserung. Sie ist das Symbol dafür, dass die Numismatik in einer Jahrhundertealten Tradition steht. Es gab Generationen von Münzsammlern und Numismatikern vor uns. Und es wird Generationen von Münzsammlern und Numismatikern nach uns geben.

Egal, ob wir ein Buch oder eine Münze kaufen: Es ist nur eine Leihgabe, die wir für die große Gemeinschaft der Sammler zu Lebzeiten hüten und irgendwann weitergeben.

 

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Bei der Münzenwoche können Sie den ausführlichen Vorbericht zur Auktion der Bibliothek von Alain Poinsignon lesen.

Teil 2 der Bibliothek wird am 4. und 5. November online versteigert.