Nichts für Leser mit schwachen Nerven: ein Handbuch für Hebammen

Das Titelblatt des „Kurzer Unterricht für die Hebammen auf dem platten Lande“ von 1796.

Königliches Preußisches Ober-Collegium Medicum, Kurzer Unterricht für die Hebammen auf dem platten Lande

Gedruckt 1796 in Berlin

Gerade Männer verbinden mit Geburt entweder das Krankenhaus oder diese albtraumhaften Filmszenen, wo Frauen in einem Auto im Stau oder jwd ein Kind bekommen und jemand krampfhaft nach einer Zeitung (möglichst ungelesen, da keimfrei!), sauberen Handtüchern oder warmem Wasser ruft. Wenn der hyperventilierende Vater in spe das Verlangte gebracht hat, übernimmt meist eine Frau souverän alles Weitere.

Expertinnen für Geburten: Hebammen

Tatsächlich waren seit Menschen Gedenken Frauen auf die delikate Aufgabe der Niederkunft spezialisiert. Hebammen gab es bereits im Altertum und das Wissen, wie kleine Menschen am besten auf die Welt kommen, wurde vor allem mündlich weitergegeben. Doch im 18. und 19. Jahrhundert kam es zu einer staatlichen Organisation dieses Berufs mit Hebammenschulen, wie es sie noch heute in Deutschland gibt. Damals lernten Hebammen nicht nur von erfahrenen Frauen, was es bei der Geburt und im Wochenbett zu beachten galt. Jetzt traten auch die Ärzte auf den Plan, die den Hebammen medizinisches Grundwissen vermitteln sollten, damit auch komplizierte Geburten möglichst erfolgreich für Mutter und Kind verliefen.

Bei dieser weiblichen Medizinerin aus einer mittelalterlichen Handschrift könnte es sich um die Heilige Trota handeln, die an der renommierten Medizinschule von Salerno studierte, praktizierte und ein Handbuch zur Frauenheilkunde schrieb. Foto: Wellcome Images / CC-BY 4.0

Kurzer Unterricht für die Hebammen auf dem platten Lande

In diese Zeit der Neuorganisation der Hebammenausbildung fällt auch unser Büchlein. Gedruckt 1796 in Berlin, sollte es den Hebammen als Nachschlagewerk dienen, wie einleitend ausgeführt wird. Damit steht es am Beginn einer Tradition, die noch heute gilt: wissenschaftlich ausgebildete Ärzte lehren Hebammen praktisch anwendbares medizinisches Wissen. Das erscheint uns selbstverständlich, doch in der früheren Zeit war das ganz anders gewesen. Erinnern wir uns.

Eine Illustration zu Kapitel 4 aus Eucharius Rösslins „Der Swangern frawen vnd hebamme(n) roszgarte(n)“, um 1515.

Das Seelenheil ist erste Hebammen-Pflicht

Schon im 11. Jahrhundert setzte eine gewisse Professionalisierung ein, als die Ärztin (also eine Frau!) Trotula von Salerno ein Lehrbuch zur Frauenheilkunde verfasste. Damals gehörte es allerdings noch zu den wichtigsten Aufgaben einer Hebamme, das neugeborene Kind eigenhändig zur Taufe zu bringen. Sie war gleichsam für sein Seelenheil verantwortlich. Und da die Kindersterblichkeit hoch war, autorisierte die Kirche die Hebammen zur Nottaufe, sollte es schon auf dem Weg zum Pfarrer zum Äußersten kommen.

Ein Beruf wird geboren

Im 15. Jahrhundert finden wir erste Berufsordnungen für Hebammen, Vorreiter war Regensburg im Jahr 1452. Darin wurde geregelt, dass eine Hebamme erst nach einer fachlichen Prüfung durch einen Arzt ihr Gewerbe ausüben durfte. Dabei kam ein illustriertes Lehrbuch zum Einsatz, das der Arzt Eucharius Rösslin der Ältere 1513 auf den Buchmarkt brachte.

Auf die Hebamme Justine Siegemundin geht der noch heute bekannte „gedoppelte Handgriff“ zurück. Wenn das Kind quer liegt, so wird es noch im Mutterleib mithilfe einer Schlinge gedreht. Hier zu sehen in einem Kupferstich der 2. Auflage ihres Lehrbuches von 1723, erstmals publiziert 1690. Foto: H.-P. Haack / CC BY-SA 3.0

Frauen und Männer im Konkurrenzkampf

Im 17. Jahrhundert wurden mehrfach neue Handbücher für Hebammen auf den Markt gebracht – und zwar von Frauen! Marie Louise Bourgeois’ Hände hatten einst den Thronfolger Ludwig XIII. sachte empfangen; Justine Siegemundin, eine Autodidaktin, diente als Hebamme am brandenburgischen Hof. Methodisch legten sie die Grundlagen für spätere Lehrhandbücher.

Doch nun sind wir angekommen in der Zeit unseres „Kurzen Unterrichts für die Hebammen auf dem platten Lande“. Zu Ende des 18. Jahrhunderts nahm der Nationalstaat inklusive seinen Verwaltungseinrichtungen und Institutionen so richtig Fahrt auf. Jetzt begann der Staat auch die Ausbildung der Hebammen in die Hand zu nehmen und zu zentralisieren. 1779 eröffnete in Jena ein Accouchierhaus, wie man damals sagte, also ein Geburtshaus. Eine Generation später, 1817, konnten sich Frauen in Eisenach in einer Hebammenschule ausbilden lassen. Dort sollten die angehenden Wehmütter (falls es Ihnen nicht mehr geläufig ist, so nannte man einst Hebammen im deutschen Sprachraum) ihr medizinisches Rüstzeug von den Experten erhalten.

Doch so mancher Arzt fürchtete die Geister, die er gerufen hatte. Der Marburger Medizinprofessor Georg Wilhelm Stein äußerte schon 1801, den Hebammen müssten auch die Grenzen ihres Handwerks aufgezeigt werden. Solide Ausbildung ja bitte, aber der Herr im Haus ist und bleibt der Arzt.

Ein Buch für alle Fälle

Von dieser Geisteshaltung zeugt unser Buch aus dem Jahr 1796. Zwar habe der „Große Landesvater“ für Lehrer gesorgt, die das Fachwissen in den Hebammenschulen vermitteln. Aber das Buch diene zur Auffrischung des Gelernten und insbesondere für diejenigen, die „auf dem platten Lande“, also so weit ab vom Schuss lebten, dass sie sich vermutlich sogar über schlechten Mobilfunkempfang gefreut hätten.

Herausgegeben ist das Werk von niemand geringerem als dem Königlich-Preußischen Ober-Collegium Medicum.

Bevor es um die „Untersuchung durchs Gefühl“, die „Beobachtungen“ und die „natürlich leichten Geburten“ geht, erfahren wir, was man damals von einer Hebamme so erwartete. Denn – wie es in der Einleitung heißt –, es „ist nicht jedwede Frauensperson zu dem Amt einer Hebamme zuzulassen“. „Reifer Verstand“ und zumindest rudimentäre Lesekenntnisse, „eine gute Gemütsart und ehrbare Aufführung“ gepaart mit einem starken Körperbau und einer robusten Verfassung waren die Grundvoraussetzung.

Liest man die Anweisungen in dem Handbuch, glaubt man gerne, dass die Arbeit starke Nerven verlangte. Wer die nicht hat, möchte nicht erfahren, welche Handgriffe die Hebamme anwenden soll, um das Kind wieder zurückzuschieben, sollte zuerst das Ärmchen herausgekommen sein. Falls die Hebamme nicht richtig vorgeht – wirklich nur weiterlesen, wenn Sie Arzt, Metzger oder Wrestler sind –, dann „bleibt kein ander Mittel übrig, als solchen [nämlich den Arm des Kindes] abzudrehen und abzulösen, wodurch nicht allein das Kind sondern auch öfters selbst die Mutter verlohren geht“.

Das Leben war hart, besonders fernab von Krankenhäusern, Ärzten und den modernen Möglichkeiten der Gynäkologie. Das führt dieses Hebammenhandbuch drastisch vor Augen.

Aber auch wenn Geburten heute auf einem ganz anderen medizinischen Niveau stattfinden. Die große Verantwortung, die Hebammen bei ihrer Arbeit schultern, bleibt bestehen. Als eines der letzten Länder Europas soll ab 2020 auch in Deutschland die Ausbildung der Hebammen akademisiert werden, was die entsprechenden Fachverbände begrüßen. Vermutlich werden die Studierenden ihr Bachelor-Studium nicht mehr mit einem 124-seitigen Handbuch bestreiten können. Aber als Erinnerung an die wechselvolle Geschichte ihres Berufes wäre auch ihnen die Lektüre zu empfehlen.

 

Auf der Seite der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie das Digitalisat des Hebammenbuchs.