Kosmos in der Kammer: Das Universum neu verstehen

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts jagten sich die Berichte über Neuentdeckungen in fernen Gewässern. Bisher stellte man sich eine dreiteilige Welt vor – bestehend aus Afrika, Europa und Asien. Nun galt es, einen kosmographischen Schock zu verarbeiten: Die bewohnte Welt, so erfuhr man, bestehe nicht nur aus den traditionell bekannten drei Teilen, sondern aus mindestens vier.

Karte der Erde (chin. Kun yu tu). China 1750/1800. © Zentralbibliothek Zürich, Wak 342.

Das Unbegreifliche begreifen

Damit entstand ein Bedürfnis, diese neue Weltordnung zu verstehen und zu kennen. In den Kunstkammern der Herrscher und den Studierstuben der Gelehrten wurden auf einmal neben Büchern Zeugnisse geographischen Studiums gesammelt: Globen, Karten, Atlanten, astronomische Uhren. Sie alle erzählen uns von dem Wandel, den das Weltbild in wenigen Jahrzehnten durchmachte. Dieser wurde zusätzlich befeuert durch die Frage, ob denn nun die Erde oder die Sonne im Zentrum des Kosmos stehen solle.

Johann Meyer: Abriss der Kunst-Kammer auf der Wasser Kirchen in Zürich. Entwurf für das Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich 1687. © Zentralbibliothek Zürich, ZEI Njbl.22.

Kosmographische Kunstkammer

Die Ausstellung präsentiert eine kosmographische Kunstkammer der späten Reformationszeit anhand von zahlreichen Originalen: Darunter befinden sich mittelalterliche Darstellungen der Erde, einer der frühesten Kartendrucke und die bekannten Werke berühmter Gelehrter des 16. Jahrhunderts wie zum Beispiel Gerhard Mercator, von dem nicht nur der erste «Atlas» überhaupt, sondern auch ein gut erhaltenes Globenpaar zu besichtigen ist.

Atronomus – Der Sternbeseher. Von Jost Amman aus Hartmann Schopper: Panoplia omnium illiberalium mechanicarum aut sedentiarum artium genera, Frankfurt am Main 1568. © Zentralbibliothek Zürich, Schenda 3379.

Es werden auch Schweizer Kosmographen gewürdigt, die teilweise zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten sind: Neben Jost Bürgi, Abraham Gessner, Johannes Stumpf, Joachim Vadian, Heinrich Glarean, Michael Zingg, begegnet dem Ausstellungsbesucher auch Heinrich Bullinger. Er ist Historikern heute wegen seiner Funktion im Rahmen der Zürcher Reformation bekannt, doch seine in einem Siegelring verborgene Sonnenuhr offenbart uns ganz unbekannte Facetten dieses Humanisten.

Versteckte Sonnenuhr im Fingerring des Reformators Heinrich Bullinger, Zürich 1525. © Zentralbibliothek Zürich, DEP 403.a.

Zuletzt schweift der Blick über den westlichen Kulturkreis hinaus. Eine über 200jährige, monumentale Weltkarte aus China berichtet von der wechselseitigen kosmographischen Beeinflussung zwischen Ost und West. Nach ihrem spektakulären Fund in Bern wird sie in der Zentralbibliothek Zürich das erste Mal der Öffentlichkeit gezeigt.

Digitaler St. Galler Globus interaktiv

Ein Highlight der Ausstellung ist die interaktive Bedienung des digitalen Modells des berühmten St. Galler Globus von1576. Die 3D-Visualisierung dieses kombinierten Erd- und Himmelsglobus wurde von der ETH Zürich entwickelt.

 

Begleitend zur Ausstellung ist ein Sonderheft der Fachzeitschrift Cartographica Helvetica herausgegeben worden. Das Sonderheft Kartenwelten: Die Kartensammlung der Zentralbibliothek Zürich ist entweder bei der Ausstellung oder auf der Webseite des Verlages zu erhalten.

Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es auf der Webseite der Zentralbibliothek Zürich.

Außerdem empfehlen wir diesen Blogeintrag des Schweizer Nationalmuseums der die Geschichte des St. Galler Globus erforscht.