Macht Philosophen zu Herrschern
Platons „Politeia“, im deutschsprachigen Raum historisch unter dem Titel „Platons Republik oder Unterredung vom Gerechten“ bekannt, gehört zu den einflussreichsten Werken der abendländischen Philosophie. Eine für die deutsche Geistesgeschichte bedeutende Ausgabe wurde im Jahr 1799 von Friedrich Karl Wolff (1766–1845) in zwei Bänden bei Johann Friedrich Hammerich in Altona veröffentlicht. Wolff, ein Philologe und Gymnasialrektor, vollendete darin die von E. R. Boie begonnene Übersetzung und trug so maßgeblich zur Verbreitung platonischen Denkens um die Wende zum 19. Jahrhundert bei. Das Werk ist weit mehr als eine bloße Staatslehre; es ist eine tiefgreifende Untersuchung über die Natur der Gerechtigkeit und die Erziehung des Menschen.
Platon verfasste diesen Dialog um 375 v. Chr. vor dem Hintergrund einer tiefen politischen Krise. Er war Zeuge des Niedergangs der athenischen Demokratie nach dem Peloponnesischen Krieg. Die Hinrichtung seines Lehrers Sokrates im Jahr 399 v. Chr. durch ein Volksgericht erschütterte Platon zutiefst und führte ihn zu der Überzeugung, dass das bisherige politische System gescheitert sei. In der „Republik“ entwirft er daher das Modell eines idealen Gemeinwesens, der Kallipolis (der „schönen Stadt“), in der das Streben nach dem Guten den menschlichen Eigennutz als leitendes Prinzip ablösen soll.
Das Fundament dieses Staates bildet eine streng hierarchische Standesgesellschaft, in der die soziale Position des Einzelnen ausschließlich von seiner Bildung und seinen geistigen Fähigkeiten abhängt. Platon unterscheidet drei Klassen: Die unterste Schicht bilden die Bauern und Handwerker, die für die materielle Versorgung zuständig sind und als Einzige Privateigentum besitzen dürfen. Darüber stehen die Wächter, die den Staat als Soldaten nach außen und als Polizisten nach innen schützen. Um jegliche Korruption zu verhindern, fordert Platon für diesen Stand die radikale Aufhebung von Familie und Privateigentum.
Die höchste Ebene der Hierarchie bildet die Klasse der Regenten. Platon stellt die berühmte Forderung auf, dass Philosophen zu Herrschern oder Herrscher zu Philosophen werden müssten. Nur wer durch eine jahrzehntelange Ausbildung gelernt habe, das Schöne und Gute an sich zu erkennen, besitze den notwendigen moralischen Kompass für eine gerechte Staatsführung. Diese Erziehung beginnt mit Musik und Sport und setzt sich über mathematische Disziplinen wie Arithmetik und Astronomie bis hin zur Dialektik fort. Erst im Alter von 50 Jahren dürfen die am besten geeigneten Individuen höchste Staatsämter übernehmen.
Die pädagogischen Vorstellungen Platons in der „Republik“ sind ebenso innovativ wie kontrovers. Er lehnt die Erziehung durch traditionelle Mythen ab, da er sie für moralisch bedenklich hält, und fordert stattdessen eine strenge Zensur der Kunst. Gleichzeitig plädiert er für eine radikale Chancengleichheit in der Erziehung, die ausdrücklich auch Frauen einschließt. Dennoch enthält das Werk auch heute befremdliche Elemente wie staatliche Eugenik-Programme und die Aussetzung körperlich beeinträchtigter Kinder.
In der modernen Forschung, insbesondere in der Tübinger Schule, wird betont, dass zentrale Passagen wie das Sonnengleichnis ohne Berücksichtigung von Platons Ungeschriebener Lehre (der Prinzipienlehre vom Einen und der unbestimmten Zweiheit) nicht vollständig zu begreifen sind. Diese Deutung sieht in der „Republik“ einen Text, dessen volle philosophische Tiefe sich erst durch die Einbeziehung mündlich überlieferter Lehrsätze erschließt. Trotz aller Kritik an seinem autoritären Staatsmodell bleibt Platons „Republik“ das grundlegende Zeugnis für die Vision einer Gesellschaft, die auf Wahrheit, Gerechtigkeit und uneigennützigem Handeln basiert.
Bildungshistorischer Kontext
Da die „Republik“ im Kern ein Erziehungswerk ist, lohnt ein Blick auf die allgemeine Bildungsgeschichte: Der Beitrag von Ursula Kampmann, „Was ist Bildung? Bildung und Ausbildung seit der Antike“, bettet Platons Staatstheorie in die Geschichte der pädagogischen Ideale von der Antike bis ins 19. Jahrhundert ein.
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