Regiment Gemeiner loblicher Eydgnoschafft

Josias Simler
Zürich
1577
Verlegt in Zürich bei Christoph Froschauer dem Jüngeren, 1577
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Regiment Gemeiner loblicher Eydgnoschafft

Essay von

Jurg Conzett

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Josias Simlers Regiment Gemeiner loblicher Eydgnoschafft, erschienen 1577, gehört zu den bedeutendsten staatskundlichen Werken der frühen Neuzeit. Der Zürcher Theologe und Gelehrte verfasste damit die erste umfassende Beschreibung der politischen Ordnung der Alten Eidgenossenschaft. Während Chroniken vor allem die Entstehung und die Heldengeschichten der Eidgenossen erzählten, richtete Simler seinen Blick auf die Funktionsweise des Bundes selbst. Sein Werk erklärt, wie die Eidgenossenschaft regiert wurde, welche Rechte und Pflichten die einzelnen Orte besassen und wie politische Entscheidungen zustande kamen. Damit entstand eine der frühesten systematischen Analysen eines europäischen Gemeinwesens.

Josias Simler (1530–1576) wirkte als Professor für Theologie am Zürcher Grossmünster und gehörte zu den führenden Gelehrten seiner Zeit. Er schrieb in einer Epoche tiefgreifender religiöser und politischer Spannungen. Die Reformation hatte die Eidgenossenschaft in katholische und reformierte Orte geteilt, dennoch blieb der Bund bestehen. Gerade diese Fähigkeit, trotz konfessioneller Unterschiede zusammenzuarbeiten, machte das politische System der Eidgenossenschaft für europäische Beobachter besonders interessant.

Im Mittelpunkt des Werkes steht nicht ein einzelner Herrscher, sondern die gemeinsame Regierung der Orte. Simler beschreibt die Eidgenossenschaft als ein Bündnis selbstständiger Gemeinwesen, die ihre Eigenständigkeit bewahren und dennoch in wichtigen Fragen zusammenarbeiten. Entscheidungen entstehen nicht durch den Befehl eines Königs, sondern durch Verhandlungen und gegenseitige Zustimmung. Diese föderale Ordnung war im Europa des 16. Jahrhunderts ausserordentlich, da die meisten Staaten von Monarchen oder Fürsten regiert wurden.

Simler schildert die verschiedenen Orte mit grosser Genauigkeit. Er erklärt ihre politischen Institutionen, ihre Gerichte, ihre militärischen Verpflichtungen sowie die Tagsatzung als gemeinsames Organ der Eidgenossen. Gleichzeitig beschreibt er die unterschiedlichen Landschaften, wirtschaftlichen Grundlagen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Dadurch vermittelt das Buch ein umfassendes Bild der Schweiz des 16. Jahrhunderts und macht deutlich, wie vielfaltig die Eidgenossenschaft bereits damals war.

Besonders bemerkenswert ist Simlers nüchterner Stil. Anders als frühere Chronisten verzichtet er weitgehend auf Legenden und heroische Ausschmückungen. Sein Ziel ist nicht die Verherrlichung der Vergangenheit, sondern die sachliche Erklärung politischer Strukturen. Damit nähert sich sein Werk einer modernen Staatsbeschreibung an. Es verbindet historische Kenntnisse mit juristischen und politischen Analysen und gilt deshalb als früher Vorläufer der vergleichenden Politikwissenschaft.

Auch wirtschaftliche Aspekte spielen eine wichtige Rolle. Simler zeigt, dass die politische Stabilität der Eidgenossenschaft eng mit ihren wirtschaftlichen Grundlagen verbunden war. Städte wie Zürich, Bern oder Basel entwickelten sich zu bedeutenden Handelszentren, während die Alpenpasse wichtige Verkehrsverbindungen zwischen Nord- und Südeuropa bildeten. Landwirtschaft, Handwerk, Söldnerwesen und Handel ergänzten sich und schufen die wirtschaftliche Basis des Bundes. Politische Selbstständigkeit beruhte somit nicht allein auf militärischer Stärke, sondern ebenso auf funktionierenden wirtschaftlichen Beziehungen.

Das Werk fand weit über die Schweiz hinaus Beachtung. Bereits wenige Jahre nach seinem Erscheinen wurde es ins Lateinische übersetzt und unter dem Titel De Republica Helvetiorum veröffentlicht. Diese Ausgabe machte die Eidgenossenschaft einem europäischen Gelehrtenpublikum bekannt. Für viele Humanisten und Staatsdenker war Simlers Beschreibung die wichtigste Informationsquelle über die politische Ordnung der Schweiz. Sie trug wesentlich dazu bei, das Bild der Eidgenossenschaft als einer Republik freier Gemeinwesen zu prägen.

Regiment Gemeiner loblicher Eydgnoschafft ist deshalb weit mehr als eine historische Beschreibung. Das Werk dokumentiert einen frühen Versuch, politische Institutionen systematisch zu analysieren und verständlich zu erklären. Es zeigt, dass Stabilität nicht allein durch zentrale Macht entsteht, sondern auch durch Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen und gemeinsam vereinbarte Regeln. Gerade diese Einsicht macht Simlers Werk bis heute zu einem wichtigen Dokument der europäischen Verfassungs- und Ideengeschichte.

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© 2023 Dr. Ursula Kampmann, Kuratorin der Büchersammlung MoneyMuseum
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