Die 1507 in Basel erschienene Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft, Ir har kom[m]en und sust seltzam strittenn und geschichten von Petermann Etterlin gilt als die erste gedruckte Chronik der Eidgenossenschaft. Ihr Autor, der Luzerner Stadtschreiber Petermann Etterlin, schuf damit ein Werk, das Geschichte, Legende und politische Selbstvergewisserung miteinander verbindet. Die Chronik entstand in einer Zeit des Umbruchs: Der Buchdruck hatte begonnen, Wissen in bisher ungekanntem Umfang zu verbreiten, und die Eidgenossenschaft war nach den Burgunderkriegen und dem Schwabenkrieg zu einer selbstbewussten politischen Kraft geworden. Etterlins Chronik verlieh diesem neuen Selbstverständnis eine erzählerische Form.
Das Werk beginnt mit den Ursprüngen der Eidgenossenschaft und führt den Leser durch die wichtigsten Ereignisse ihrer frühen Geschichte. Es erzählt von den Gründungsmythen, den Kämpfen gegen die Habsburger, den Heldentaten der Eidgenossen sowie den Bündnissen und Kriegen, welche die Entwicklung des Bundes prägten. Dabei übernimmt Etterlin zahlreiche ältere Quellen, ergänzt sie durch mündliche Überlieferungen und verbindet sie zu einer zusammenhängenden Erzählung. Historische Genauigkeit im heutigen Sinn steht dabei nicht im Vordergrund. Ziel ist vielmehr, den Sinn der Geschichte sichtbar zu machen und den Zusammenhalt der Eidgenossen zu stärken.
Besonders auffällig ist die enge Verbindung von Geschichte und Moral. Siege erscheinen nicht nur als Folge militärischer Stärke, sondern als Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit. Tapferkeit, Treue und Opferbereitschaft werden als Tugenden dargestellt, welche die Eidgenossenschaft gross gemacht haben. Niederlagen dienen als Mahnung gegen Hochmut oder Uneinigkeit. Geschichte besitzt damit einen pädagogischen Charakter: Sie soll Orientierung geben und das politische Handeln der Gegenwart beeinflussen.
Die Bedeutung der Chronik liegt jedoch nicht allein in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer Form. Als gedrucktes Buch erreichte sie ein weit grösseres Publikum als handschriftliche Chroniken. Der Buchdruck machte Geschichte zu einem allgemein zugänglichen Gut und trug dazu bei, ein gemeinsames historisches Bewusstsein über die Grenzen einzelner Orte hinaus zu schaffen. Die Eidgenossenschaft bestand um 1500 aus weitgehend selbstständigen Städten und Ländern. Eine gemeinsame Vergangenheit wurde deshalb zu einem wichtigen Band, das diese unterschiedlichen Gemeinwesen miteinander verband.
Die Chronik zeigt zugleich die Denkweise ihrer Epoche. Für Etterlin bilden Legenden und historische Ereignisse eine Einheit. Geschichten wie jene um Wilhelm Tell oder den Rütlischwur werden nicht kritisch hinterfragt, sondern als sinnstiftende Bestandteile der eidgenössischen Vergangenheit erzählt. Aus heutiger Sicht unterscheiden Historiker sorgfältig zwischen Mythos und überprüfbarer Tatsache. Dennoch bleibt der kulturelle Wert dieser Erzählungen unbestritten, denn sie prägten über Jahrhunderte das politische Selbstverständnis der Schweiz.
Auch wirtschaftliche Entwicklungen erscheinen zwischen den Zeilen. Städte gewinnen an Bedeutung, Handelswege verbinden die Regionen, und politische Stabilität schafft Voraussetzungen für wirtschaftlichen Wohlstand. Die Chronik macht deutlich, dass die Eidgenossenschaft nicht allein durch Schlachten entstand, sondern ebenso durch Kooperation, Bündnisse und gemeinsame Interessen. Militärische Freiheit und wirtschaftliche Entwicklung gingen bereits im späten Mittelalter Hand in Hand.
Die Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft ist deshalb weit mehr als ein Geschichtsbuch. Sie markiert den Beginn der gedruckten Schweizer Historiographie und zeigt, wie Erinnerung politische Gemeinschaften formt. Wer das Werk heute liest, begegnet weniger einer objektiven Rekonstruktion der Vergangenheit als der Entstehung eines kollektiven Gedächtnisses. Gerade darin liegt seine bleibende Bedeutung: Die Chronik dokumentiert nicht nur die Geschichte der Eidgenossenschaft, sondern auch den Beginn einer gemeinsamen historischen Identität, die das Land bis in die Gegenwart geprägt hat.
