Kronica von der loblichen Eidgnoschaft bearbeitet von Johann Jakob Spreng

Petermann Etterlin
Basel
1752
Bearbeitet von Johann Jakob Spreng, verlegt in Basel bei Daniel Eckenstein, 1752.
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Kronica von der loblichen Eidgnoschaft bearbeitet von Johann Jakob Spreng

Essay von

Jurg Conzett

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Die Kronica von der loblichen Eidgnoschaft gehört zu den frühesten gedruckten Geschichtswerken der Schweiz. Verfasst wurde sie ursprünglich von Petermann Etterlin, einem Luzerner Stadtschreiber, dessen Chronik 1507 erstmals erschien und als erste gedruckte Schweizer Chronik gilt. Die Ausgabe von 1752 wurde von Johann Jakob Spreng überarbeitet und einer neuen Leserschaft zugänglich gemacht. Sie verbindet die mittelalterliche Welt der Chroniken mit dem aufklärerischen Interesse an einer geordneten Darstellung der Vergangenheit und zeigt, wie die Geschichte der Eidgenossenschaft über Jahrhunderte hinweg erzählt und neu interpretiert wurde.

Petermann Etterlin schrieb seine Chronik in einer Zeit, in der sich die Alte Eidgenossenschaft nach den Burgunderkriegen als eigenständige politische Kraft etabliert hatte. Sein Ziel war nicht allein die Dokumentation historischer Ereignisse, sondern auch die Stärkung eines gemeinsamen eidgenössischen Selbstverständnisses. Die Chronik erzählt von den Ursprüngen der Eidgenossenschaft, den legendären Gründungsfiguren, den Freiheitskämpfen gegen habsburgische Herrschaft sowie den militärischen Erfolgen der Orte. Historische Tatsachen stehen dabei neben Sagen, Legenden und moralischen Erzählungen. Für die Menschen des frühen 16. Jahrhunderts bildeten diese Elemente keinen Widerspruch, sondern gemeinsam die Wahrheit ihrer Geschichte.

Die Bearbeitung durch Johann Jakob Spreng im Jahr 1752 spiegelt den Wandel des historischen Denkens wider. Im Zeitalter der Aufklärung gewann die kritische Prüfung von Quellen zunehmend an Bedeutung. Spreng versuchte, Sprache und Darstellung an die Erwartungen seiner Zeit anzupassen, ohne den Charakter des ursprünglichen Werkes zu zerstören. Dadurch entstand ein bemerkenswertes Bindeglied zwischen mittelalterlicher Chronistik und moderner Geschichtsschreibung.

Besonders interessant ist die Rolle der Chronik für die Entstehung einer politischen Identität. Die Alte Eidgenossenschaft war kein Nationalstaat, sondern ein lockerer Bund selbstständiger Orte mit unterschiedlichen Interessen, Sprachen und Konfessionen. Gemeinsame Geschichte wurde deshalb zu einem wichtigen Mittel, um Zusammenhalt zu schaffen. Die Erzählungen über Wilhelm Tell, den Rütlischwur oder die Schlachten von Morgarten und Sempach vermittelten Werte wie Freiheit, Treue, Mut und gegenseitige Unterstützung. Unabhängig davon, wie historisch präzise einzelne Episoden waren, prägten sie über Jahrhunderte das Selbstverständnis der Schweiz.

Die Chronik zeigt zugleich, wie Geschichte immer auch Gegenwart spiegelt. Jede Generation liest die Vergangenheit mit ihren eigenen Fragen. Während Etterlin vor allem den Ruhm und die göttliche Führung der Eidgenossenschaft hervorhob, interessierte sich das 18. Jahrhundert stärker für historische Ordnung, politische Entwicklung und kritische Einordnung. Geschichte wurde zunehmend zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, blieb aber zugleich Träger gemeinsamer Erinnerungen.

Auch wirtschaftlich vermittelt die Chronik wertvolle Einblicke. Sie schildert nicht nur Kriege und Bündnisse, sondern beschreibt Städte, Handelswege, Märkte und politische Beziehungen. Dadurch wird sichtbar, dass der Aufstieg der Eidgenossenschaft nicht allein auf militärischen Erfolgen beruhte, sondern ebenso auf wirtschaftlicher Vernetzung, regionalem Handel und der wachsenden Bedeutung der Städte. Politische Freiheit und wirtschaftliche Entwicklung gingen bereits damals eng miteinander einher.

Die Ausgabe von 1752 besitzt deshalb einen doppelten Wert. Sie bewahrt eines der wichtigsten Zeugnisse der frühen Schweizer Geschichtsschreibung und dokumentiert gleichzeitig den Wandel des historischen Bewusstseins. Wer sie heute liest, begegnet nicht nur den Ursprüngen eidgenössischer Mythen, sondern erkennt auch, wie historische Erzählungen Identität stiften und politische Gemeinschaften formen. Die Kronica von der loblichen Eidgnoschaft ist damit weit mehr als eine Sammlung alter Geschichten – sie ist ein Spiegel dafür, wie sich eine Gesellschaft ihre Vergangenheit erzählt, um ihre Gegenwart zu verstehen und ihre Zukunft zu gestalten.

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© 2023 Dr. Ursula Kampmann, Kuratorin der Büchersammlung MoneyMuseum
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