Die „Histoire générale des cérémonies, moeurs, et coutumes religieuses de tous les peuples du monde“, herausgegeben von Antoine Banier und Jean-Baptiste Mascrier und ab 1741 in mehreren Bänden veröffentlicht, gehört zu den ehrgeizigsten kulturgeschichtlichen Werken des 18. Jahrhunderts. Ziel des umfangreichen Werkes war es, die religiösen Bräuche, Zeremonien und Lebensweisen der Völker der Welt möglichst umfassend zu beschreiben und miteinander zu vergleichen. In einer Zeit wachsender globaler Kontakte durch Handel, Mission und Entdeckungsreisen entstand damit eine frühe Enzyklopädie der Religionen und Kulturen.
Das Werk ist ein typisches Produkt der europäischen Aufklärung. Die Autoren wollten religiöse Praktiken nicht ausschließlich aus der Perspektive einer einzelnen Glaubensrichtung beurteilen, sondern sie als historische und kulturelle Erscheinungen untersuchen. Dabei stützten sie sich auf Reiseberichte, Berichte von Missionaren, antike Quellen sowie zeitgenössische wissenschaftliche Literatur. Ihr Anspruch war es, Wissen zu sammeln, zu ordnen und einem gebildeten Publikum zugänglich zu machen.
Die Bände behandeln die Religionen Europas ebenso wie jene Asiens, Afrikas und Amerikas. Beschrieben werden Rituale, Feste, Opferhandlungen, Priesterschaften, Tempel, Kleidung, Bestattungsriten und religiöse Symbole. Die Autoren interessieren sich nicht nur für den Glauben selbst, sondern auch für dessen gesellschaftliche Ausdrucksformen. Religion erscheint als Bestandteil des alltäglichen Lebens und prägt Recht, Moral, Politik und soziale Ordnung.
Besonders bemerkenswert ist die reichhaltige Ausstattung mit Kupferstichen. Zahlreiche detailreiche Illustrationen zeigen Tempel, Kultgegenstände, Prozessionen, religiöse Gewänder und Zeremonien aus aller Welt. Diese Bilder machten das Werk für europäische Leser besonders attraktiv und vermittelten erstmals einen visuellen Eindruck von Kulturen, die den meisten völlig unbekannt waren. Zugleich zeigen sie, wie stark das europäische Bild fremder Religionen durch die Perspektive der damaligen Beobachter geprägt war.
Die „Histoire générale“ steht an einem Wendepunkt der Geistesgeschichte. Einerseits bemühen sich die Autoren um Vergleich und Beschreibung statt um bloße Verurteilung fremder Religionen. Andererseits bleiben sie Kinder ihrer Zeit. Viele Darstellungen spiegeln europäische Vorurteile wider oder ordnen andere Glaubensformen implizit einer christlichen Sichtweise unter. Moderne Ethnologie oder Religionswissenschaft existierten noch nicht; das Werk verbindet daher wissenschaftliche Neugier mit den Grenzen des damaligen Wissens.
Gerade deshalb besitzt das Buch heute einen besonderen historischen Wert. Es zeigt nicht nur, wie Europäer im 18. Jahrhundert andere Kulturen wahrnahmen, sondern dokumentiert zugleich zahlreiche Bräuche und Traditionen, die sich später verändert haben oder verschwunden sind. Für Historiker der Religion, Ethnologen und Kulturwissenschaftler ist das Werk daher sowohl Quelle über die beschriebenen Gesellschaften als auch über das europäische Denken der Aufklärung.
Darüber hinaus macht die Sammlung deutlich, dass Religion weit mehr ist als ein System von Glaubenssätzen. Überall auf der Welt strukturieren Rituale den Jahreslauf, stiften Gemeinschaft, begleiten Übergänge wie Geburt, Hochzeit oder Tod und verleihen politischen Ordnungen Legitimität. Trotz aller Unterschiede erkennen die Autoren wiederkehrende menschliche Grundfragen nach Ursprung, Sinn, Ordnung und Zusammenhalt. Damit entsteht eine frühe Form vergleichender Religionsforschung.
Aus heutiger Sicht lässt sich das Werk auch als Ausdruck der beginnenden Globalisierung lesen. Der wachsende Handel und die koloniale Expansion Europas führten zu einer nie dagewesenen Begegnung mit fremden Kulturen. Wissen über andere Völker wurde zu einem wichtigen Bestandteil gebildeter Öffentlichkeit. Die „Histoire générale des cérémonies, moeurs, et coutumes religieuses“ versuchte, diese neue Welt systematisch zu erfassen.
Damit bleibt das Werk ein beeindruckendes Zeugnis der Aufklärung. Es verbindet Wissensdurst, enzyklopädischen Ehrgeiz und den Versuch, die Vielfalt menschlicher Kulturen verständlich zu machen. Trotz seiner zeitbedingten Grenzen markiert es einen wichtigen Schritt hin zu einer vergleichenden Betrachtung der Religionen und zu einem besseren Verständnis der kulturellen Vielfalt der Welt.
