Johannes Stumpfs „Gemeiner Löblicher Eidgenossenschaft Städte, Länder und Völker Chronik, würdiger Taten Beschreibung“ gehört zu den wichtigsten Geschichtswerken der frühen Schweiz. Die erstmals 1548 erschienene und 1586 erneut aufgelegte Chronik ist weit mehr als eine Sammlung historischer Ereignisse. Sie ist ein umfassendes Porträt der Eidgenossenschaft, ihrer Landschaften, Städte, Menschen und politischen Ordnung. In einer Zeit, in der sich die Schweiz nach den Burgunderkriegen und der Reformation neu definierte, schuf Stumpf ein Werk, das Geschichte, Geografie und nationale Identität miteinander verband.
Johannes Stumpf (1500–1577) war reformierter Pfarrer, Gelehrter und Historiker. Sein Ziel war es, die Geschichte der Eidgenossenschaft systematisch darzustellen und sie in einen größeren europäischen Zusammenhang einzuordnen. Die Chronik umfasst nicht nur die Entstehung der einzelnen Orte und ihre politischen Entwicklungen, sondern beschreibt auch Flüsse, Berge, Städte, Burgen, Klöster und bedeutende Persönlichkeiten. Dadurch entstand eine Enzyklopädie der damaligen Schweiz, die Wissen aus unterschiedlichsten Bereichen vereinte.
Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Text und Bild. Die Chronik enthält zahlreiche detailreiche Holzschnitte, Karten und Stadtansichten. Diese Illustrationen dienten nicht nur der Ausschmückung, sondern machten das Werk zu einem visuellen Nachschlagewerk. Für viele Orte stellen sie die ältesten erhaltenen Darstellungen dar und besitzen bis heute großen kulturhistorischen Wert. Sie erlauben einen einzigartigen Blick auf die Schweiz des 16. Jahrhunderts und zeigen, wie Städte, Landschaften und Bauwerke damals wahrgenommen wurden.
Stumpf verstand Geschichte nicht als bloße Aufzählung von Daten. Für ihn war sie ein Mittel, politische Tugenden zu vermitteln. Mut, Treue, Zusammenhalt und die Verteidigung der Freiheit bilden den roten Faden seiner Darstellung. Die Geschichte der Eidgenossenschaft erscheint als gemeinsames Werk verschiedener Städte, Länder und Völker, die trotz ihrer Unterschiede durch Bündnisse und gegenseitige Verpflichtungen verbunden sind. Diese Sichtweise stärkte das Bewusstsein einer gemeinsamen Identität, lange bevor ein moderner Nationalstaat entstand.
Gleichzeitig spiegelt die Chronik die Denkweise ihrer Epoche wider. Historische Erzählungen werden häufig mit Legenden verbunden, und moralische Bewertungen prägen die Darstellung vieler Ereignisse. Aus heutiger Sicht sind nicht alle Berichte historisch gesichert. Dennoch mindert dies den Wert des Werkes kaum. Vielmehr zeigt es, wie Menschen des 16. Jahrhunderts Geschichte verstanden und welche Bedeutung sie ihr für die Gegenwart zuschrieben.
Auch sprachlich ist die Chronik ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Zeit. Das Frühneuhochdeutsch vermittelt den Übergang vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Sprachgebrauch. Für heutige Leser erfordert die Sprache zwar Geduld, eröffnet aber einen unmittelbaren Zugang zur Gedankenwelt der Renaissance.
Die Ausgabe von 1586 dokumentiert zugleich die Entwicklung des Buchdrucks. Umfangreiche Werke mit hochwertigen Illustrationen konnten inzwischen in größerer Zahl hergestellt werden und erreichten Gelehrte, Ratsherren und wohlhabende Bürger. Bücher wurden damit zu wichtigen Trägern historischen Wissens und politischer Bildung.
Heute besitzt Johannes Stumpfs Chronik nicht nur für Historiker einen hohen Wert. Sie ist eine Quelle für Geografie, Kunstgeschichte, Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte gleichermaßen. Vor allem aber erinnert sie daran, dass Geschichte Identität stiftet. Wer verstehen will, wie die Eidgenossenschaft ihr Selbstverständnis entwickelte und weshalb gemeinsame Erinnerungen für das Zusammenleben so bedeutsam sind, findet in Stumpfs Chronik eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der schweizerischen Renaissance.
