Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea.

Erich Scheurmann
Zürich
Erschienen im Oesch Verlag, Zürich.
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Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea.

Essay von

Jurg Conzett

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Der Papalagi. Die Reden des SüdseeHäuptlings Tuiavii aus Tiavea von Erich Scheurmann:

Kaum ein deutschsprachiges Buch des 20. Jahrhunderts hat die westliche Zivilisation auf so ungewöhnliche Weise gespiegelt wie Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea von Erich Scheurmann. Seit seinem Erscheinen in den 1920er Jahren wurde das Werk immer wieder gelesen, diskutiert und neu aufgelegt. Es gilt als Klassiker der Kulturkritik, auch wenn seine Entstehungsgeschichte bis heute Fragen aufwirft.

Das Buch präsentiert sich als Sammlung von Reden eines samoanischen Häuptlings namens Tuiavii, der Europa bereist haben soll und anschließend seinen Landsleuten von den merkwürdigen Sitten der „Papalagi“ – der Europäer – berichtet. Mit staunendem Blick beschreibt er Großstädte, Kleidung, Geld, Maschinen, Arbeit, Zeit und Eigentum. Vieles, was Europäern selbstverständlich erscheint, wirkt aus seiner Perspektive fremd, widersprüchlich oder sogar absurd.

Besonders bekannt sind die Passagen über das Geld und die Zeit. Tuiavii schildert, wie Menschen ihr Leben damit verbringen, kleine runde Metallscheiben oder bedrucktes Papier anzuhäufen, obwohl diese selbst weder essbar noch schön seien. Noch schärfer kritisiert er die Herrschaft der Uhr. Die Menschen hätten die Zeit in kleine Stücke zerschnitten und seien zu Dienern ihrer eigenen Erfindung geworden. Statt den Rhythmus der Natur zu leben, hetzten sie von Termin zu Termin und verlören dabei die Fähigkeit, den Augenblick bewusst zu erleben.

Gerade diese Umkehrung der Perspektive macht den Reiz des Buches aus. Indem Europa mit den Augen eines vermeintlich „Fremden“ betrachtet wird, erscheinen viele Gewohnheiten plötzlich erklärungsbedürftig. Der Alltag wird zu etwas Seltsamem. Besitz, Konkurrenz, Konsum und Leistungsdenken wirken nicht mehr selbstverständlich, sondern als kulturelle Entscheidungen. Das Buch lädt seine Leser dazu ein, die eigene Gesellschaft aus einer gewissen Distanz zu betrachten.

Allerdings ist Der Papalagi kein ethnographischer Bericht. Heute gilt als weitgehend gesichert, dass Erich Scheurmann die Reden selbst verfasst oder zumindest stark literarisch gestaltet hat. Ob Tuiavii diese Gedanken tatsächlich geäußert hat, lässt sich nicht belegen. Das Werk ist deshalb weniger eine authentische Stimme Samoas als vielmehr eine literarische Konstruktion, mit der Scheurmann seine Kritik an der europäischen Moderne formulierte. Aus heutiger Sicht muss diese Entstehungsgeschichte offen benannt werden.

Gerade dadurch verliert das Buch jedoch nicht seinen Wert. Es gehört zu einer langen Tradition der Kulturkritik, in der Autoren die eigene Gesellschaft aus der Sicht eines imaginären Fremden betrachten. Schon Montesquieu nutzte in den Persischen Briefen dieses Verfahren, um Frankreich kritisch zu beleuchten. Scheurmann greift diese Idee auf und überträgt sie auf die Begegnung zwischen Europa und der Südsee.

Für Leser des 21. Jahrhunderts wirkt vieles erstaunlich aktuell. Die Kritik an Konsum, Beschleunigung, Materialismus und Entfremdung beschäftigt unsere Gesellschaft heute stärker denn je. Fragen nach nachhaltigem Leben, Achtsamkeit oder dem Verhältnis zwischen Arbeit und Lebensqualität finden sich bereits in den Reden des Papalagi wieder. Das Buch erinnert daran, dass Wohlstand nicht automatisch Zufriedenheit bedeutet und dass kultureller Fortschritt immer auch Verluste mit sich bringen kann.

Der Papalagi ist daher weniger ein Buch über Samoa als ein Spiegel Europas. Seine Stärke liegt nicht in ethnologischer Genauigkeit, sondern in seiner Fähigkeit, vertraute Gewissheiten infrage zu stellen. Wer das Werk heute liest, sollte es als literarische Kulturkritik verstehen – als Einladung, die eigene Lebensweise mit den Augen eines Außenstehenden zu betrachten. Gerade diese Perspektive macht das Buch bis heute zu einem faszinierenden und nachdenklich stimmenden Klassiker.

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© 2023 Dr. Ursula Kampmann, Kuratorin der Büchersammlung MoneyMuseum
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