Die 1935 erschienene Ausgabe der «Contes de Boccace», illustriert von Mariette Lydis, verbindet einen der bedeutendsten Erzähler der europäischen Literatur mit einer der feinsinnigsten Buchkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Das Werk ist weit mehr als eine luxuriöse bibliophile Ausgabe. Es zeigt, wie ein literarischer Klassiker durch zeitgenössische Illustrationen neu interpretiert werden kann und dabei seine Aktualität bewahrt.
Die Erzählungen gehen auf Giovanni Boccaccios «Decamerone» zurück, das zwischen 1348 und 1353 entstand. Vor dem Hintergrund der Pest in Florenz fliehen zehn junge Menschen aufs Land und erzählen sich während zehn Tagen insgesamt hundert Geschichten. Liebe, Betrug, Glück, List, Macht, Begehren und menschliche Schwächen bilden den Kern dieser Erzählungen. Boccaccio richtet seinen Blick nicht auf Helden oder Heilige, sondern auf gewöhnliche Menschen. Mit Humor, Ironie und grosser Menschenkenntnis schildert er die Widersprüche des Lebens und gilt damit als einer der Begründer der europäischen Novellendichtung.
Die Ausgabe von 1935 konzentriert sich auf ausgewählte Erzählungen und hebt deren literarische Qualität durch eine ausserordentliche Ausstattung hervor. Besonders prägend sind die sechsundsiebzig Farbkompositionen der österreichisch-argentinischen Künstlerin Mariette Lydis. Ihre Illustrationen verzichten auf dramatische Effekte oder übertriebene Sinnlichkeit. Stattdessen zeichnen sie sich durch Eleganz, feine Linien und eine psychologische Tiefe aus. Die Figuren erscheinen verletzlich, nachdenklich und zugleich von einer stillen Sinnlichkeit geprägt. Dadurch entstehen Bilder, die den Text nicht einfach illustrieren, sondern dessen emotionale Atmosphäre erweitern.
Die Entstehungszeit verleiht dem Buch eine zusätzliche Bedeutung. Europa befand sich 1935 in einer Phase politischer Spannungen und ideologischer Radikalisierung. Während autoritäre Regime Kunst zunehmend vereinnahmten und Freiheit einschränkten, erinnert Boccaccios Literatur an die Vielfalt menschlicher Erfahrungen. Seine Geschichten feiern weder Macht noch Dogmen, sondern Individualität, Witz und die Fähigkeit des Menschen, schwierige Situationen mit Fantasie und Klugheit zu meistern. Gerade deshalb konnten sie auch im 20. Jahrhundert als Ausdruck geistiger Freiheit verstanden werden.
Mariette Lydis selbst verkörperte diese Offenheit. Ihre Werke widmen sich häufig den Zwischentönen menschlicher Beziehungen und den emotionalen Welten ihrer Figuren. Sie interessiert weniger das äussere Ereignis als die innere Verfassung der Menschen. Diese Perspektive harmoniert erstaunlich gut mit Boccaccio, dessen Erzählkunst ebenfalls von genauer Beobachtung und psychologischem Gespür lebt. Bild und Text treten in einen Dialog, der den Leser dazu einlädt, die Geschichten nicht nur zu lesen, sondern auch zu betrachten und zu empfinden.
Bibliophile Ausgaben wie diese zeigen zudem, dass Bücher mehr sein können als Träger von Informationen. Typografie, Papier, Drucktechnik und Illustration bilden gemeinsam ein Kunstwerk. Gerade in einer Zeit zunehmender Massenproduktion entstand damit ein Gegenentwurf: das sorgfältig gestaltete Buch als Objekt kultureller Wertschätzung. Solche Ausgaben richten sich an Leserinnen und Leser, die Literatur nicht nur konsumieren, sondern bewusst erleben möchten.
Die «Contes de Boccace» von 1935 stehen somit an der Schnittstelle von Renaissance und Moderne. Boccaccios zeitlose Erzählungen über Liebe, Macht und menschliche Schwächen begegnen der sensiblen Bildsprache Mariette Lydis’. Das Ergebnis ist eine Ausgabe, die sowohl literarisch als auch künstlerisch überzeugt. Sie erinnert daran, dass grosse Geschichten jede Epoche neu ansprechen können und dass die Verbindung von Wort und Bild ein Buch zu einem bleibenden Kunstwerk macht.
